Rekordwerte am Funtensee sind nicht repräsentativ

Berchtesgaden: Seit der Meteorologe Jörg Kachelmann vom Wetterdienst Meteomedia am Funtensee eine Wetterstation betreibt, geht der Name des Gebirgssees am Rande des Steinernen Meers als kältester Ort Deutschlands durch alle Medien. Am Heiligen Abend 2001 war dort die deutsche Rekordtemperatur von minus 45,9 Grad gemessen worden, vor zweieinhalb Wochen - in der Nacht zum 24. Dezember - waren es immerhin wieder minus 42,7 Grad. Für den Diplom-Geografen Hugo Vogt, der seit 20 Jahren im Nationalpark Berchtesgaden eines der umfassendsten Netzwerke an Messstationen in Europa aufgebaut hat, sind diese Temperaturmessungen allerdings nicht seriös. »Solche Werte sind immer nur lokalklimatische Situationen und nicht repräsentativ«, sagt der gebürtige Schweizer, der am Ammersee aufgewachsen ist, in Inzell wohnt und seine Arbeitsplätze in der Nationalparkverwaltung am Doktorberg und in München an der Universität als Hochschullehrer mit dem Lehrauftrag Alpine Klimatologie hat. Der »Berchtesgadener Anzeiger« unterhielt sich mit Hugo Vogt über das Thema Funtensee.

 
  

Mit Genugtuung blickt der Meteorologe Hugo Vogt auf die Nationalparkkarte, die das von ihm in 20 Jahren aufgebaute Messstellen-Netz zeigt. Die von Jörg Kachelmann praktizierte Punktmessung am Funtensee hält der Wissenschaftler deshalb für nicht aussagekrä

Vermehrt gab es in den letzten Jahren Rekorde bei den Temperaturmessungen am Funtensee. Ist das tatsächlich der kälteste Ort Deutschlands?
  Hugo Vogt: Der Funtensee ist in einem kleinen Raum von vielleicht zehn bis 20 Metern ein Kältepunkt. Diese Art von Temperaturrückgang auf Werte von deutlich unter minus 40 Grad sind in der Literatur und in der Klimatologie absolut nichts Neues. Man erzeugt hier an einem kleinen Raum eine Extremtemperatur, die noch dazu abhängig ist von ganz speziellen Wetterlagen. In dem Moment, in dem man diesen engen Raum verlässt, ist diese Extremtemperatur wieder verschwunden. Damit muss man sich die Frage stellen, ob so ein rekordverdächtiger Wert eine Aussage für ein Gebiet ist.

Wie könnte man denn zu einer fairen Temperaturmessung kommen?
  Vogt: Wenn man ein Gebiet in seinem
Temperaturverhalten charakterisieren will, dann müsste man ein entsprechend dichtes Netz von Messstellen aufbauen, mit dem man die zeitliche und räumliche Veränderung erkennt. Das setzt natürlich viele Stationen an der richtigen Stelle mit vielen engagierten Mitarbeitern und einer Menge an Auswertungsarbeit voraus. Eine Station alleine genügt nicht.

Dann sind wohl andere Orte in Deutschland - beispielsweise der Bayerische Wald - mindes- tens genauso kalt wie der Funtensee.
  Vogt: Da braucht man gar nicht so weit zu gehen. Die Temperaturen am Funtensee und im Königstal liegen gar nicht so weit auseinander.
Ist Jörg Kachelmann dann ein Effekthascher?

  Vogt: Ich denke, dass Herr Kachelmann sich vielleicht bemüht, medienwirksam mit Extremwerten zu hantieren. Die gelten aber nur für einen engen Raum und sind damit in keiner Weise repräsentativ.

Warum ist Kachelmann denn so scharf auf diese Minusgrade?
  Vogt: Man muss unterscheiden zwischen einem Klimatologen, der hier eine wissenschaftliche Arbeit für das Hochgebirge betreibt, und einem medienpräsenten Meteorologen, der von solchen Extremwerten profitiert, weil er sie besser auf den Bildschirm bringt. Letzten Sommer ging ja auch der Streit um die höchste Temperatur los.

Kann man davon ausgehen, dass auch an anderen Orten, an denen es Messstellen gibt, geschummelt wird?
  Vogt: Ich würde nicht sagen, dass geschummelt wird. Wenn man sich aber die richtigen Messstellen aussucht, dann wird man auch einen Punkt finden, an dem man unter Umständen eine Temperatur oder einen Niederschlag aufzeichnen kann, der rekordverdächtig ist. Aber solche Werte sind im Grunde immer sehr enge lokalklimatische Situationen. In den Lehrbüchern wird hier von Kleinklima gesprochen - und das sind Bereiche zwischen zehn und 30 Metern.

Macht es denn überhaupt Sinn, wenn im Fernsehen der Name Funtensee auftaucht und keiner die Lage dieses Gebiets kennt?
  Vogt: Ich selber bekam neulich einen Anruf von Freunden aus Thüringen, die mich fragten, ob wir schon erfroren sind. Ich denke, es ist sicher nicht falsch, wenn man sagt, in ganz speziellen Situationen entsteht am Funtensee eine Extremtemperatur. So wie in allen anderen Bereichen, die sich durch Muldenlagen auszeichnen, wenn gleichzeitig wolkenloser Himmel gegeben ist, eine entsprechende Schneedecke vorhanden ist und die Luftfeuchtigkeit stimmt. Es wäre aber seriöser, wenn man Vergleichstemperaturen verwendet, die vielleicht 100 oder 200 Meter von dieser Stelle entfernt sind. Wir haben beispielsweise am Funtensee drei Stationen. Und alleine anhand von Grafiken aus dem Jahr 1999 ist zu erkennen, dass an einer Station, die sich in der Nähe der jetzigen Station von Jörg Kachelmann befindet, minus 40 Grad gemessen wurden. Schon ein paar Meter darüber waren es nur noch minus 25 Grad und noch einmal eine drüber wurden nur noch minus 15 Grad gemessen. Und in dem Moment, in dem die Wolken wieder auftraten, lag plötzlich der vorher niedrigste Wert sogar über den anderen.

Wie wirken sich denn die über die Medien verbreiteten Rekordtemperaturen auf das Image Berchtesgadens aus?
  Vogt: So manche Touristen meiden wohl das Urlaubsgebiet Berchtesgaden, weil sie meinen, dass man bei solchen Temperaturen ja nicht ins Freie könne. Damit erzeugt man zumindest eine Verunsicherung, weil die Leute ja glauben, dass sich der Funtensee direkt in Berchtesgaden befindet.

Sollte man Ihrer Ansicht nach auf Herrn Kachelmann einwirken oder das Ganze einfach mit einem Lächeln hinnehmen?
  Vogt: Ich bin da ein bisschen zwiegespalten. Während der letzten 20 Jahre habe ich im Nationalpark Berchtesgaden ein Messnetz aufgebaut. Ich lebe von und mit Mitarbeitern, die ihren ganzen Einsatz bringen, um diese Stationen regelmäßg zu betreuen. Nur deshalb habe ich einen exzellenten Einblick in die flächenhafte Verteilung von Wind, Niederschlag und Temperatur. Wenn dann so eine singuläre Station irgendwo steht, mit der man aus Mediengründen Punktmessungen macht, dann kann ein Klimatologe und Meteorologe diese nicht als Konkurrenz ansehen. Ich amüsiere mich zwar manchmal, aber ich fürchte, dass hier halt eine sehr eingeschränkte Information gegeben wird, die noch dazu meistens falsch interpretiert wird. Und am Schluss entsteht dann der Eindruck, in Berchtesgaden hat es minus 46 Grad.

Wo ist denn wirklich der kälteste Punkt Deutschlands?
  Vogt: Ich könnte mir schon denken, dass der Punkt da oben am Funtensee in dieser Mulde unterhalb des Kärlingerhauses einer der kälteren ist. Ich würde mich aber nicht wundern, wenn es so ähnliche Situationen noch viel häufiger gibt. Nur steht da kein Messgerät. Ich würde auch die gemessenen minus 45,9 Grad nicht als das Ende der Fahnenstange ansehen. Damals waren es drei Tage ohne Wolken. Wenn es eine Woche ohne Wolken gibt, dann sind minus 52 oder minus 55 Grad möglich. UK