Unterwelten im Obergeschoss

Berchtesgaden: Wer Einblicke in Unterwelten bekommen will, der besucht bis 22. August am besten das Obergeschoss im Nationalpark-Haus am Franziskanerplatz. Denn dort zeigen Nationalparkverwaltung und der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher (VdHK) jetzt eine Ausstellung über die Höhlen-Forschung im Berchtesgadener Land. Nach der Eröffnung am Dienstag begaben sich zahlreiche Besucher in die mit Tropfsteinen simulierte Welt unter Tage.

 
  

Das Skelett eines im Steinernen Meer gefundenen Höhlenbären stieß bei der Ausstellungseröffnung auf großes Interesse.

(12. Juni 2004)   Warum kriechen Höhlenforscher beim schönsten Wetter in die tiefsten, dunkelsten, dreckigsten, engsten und feuchtesten Löcher? »Neugierig sind wir«, gab VdHK-Geschäftsführerin Bärbel Vogel aus Ramsau am Dienstag bei der Ausstellungseröffnung unumwunden zu. Doch damit ist das Rätsel um die Beweggründe für die Neulandsuche unter Tage noch nicht gelöst. Auch die Aussage von Siegmund Freud »Höhlenforscher sind ein Volk, das den Drang zurück zum Mutterschoß hat« scheint keine ausreichende Antwort zu geben. Die Ausstellung im Nationalpark-Haus soll mehr Licht ins Dunkel bringen.
  Die Exponate verdeutlichen, dass Höhlenforscher stets auf der Suche nach der Vergangenheit sind. »Sie erfahren auch etwas über ihre eigene Vergangenheit«, weiß der Landshuter Archäologe Bernhard Häck, Archivar im VdHK. Hunderte von Metern unter der Erd-oberfläche stoßen sie auf Millionen Jahre alten versteinerte Ammoniten, Zeugen eines Urmeers. Oder sie entdecken - wie einst der Rams-auer Alois Stöckl - im Steinernen Meer das Skelett eines Höhlenbären, das ebenfalls im Nationalpark-Haus zu sehen ist. Höhlenforscher stoßen auf Fledermäuse genauso wie auf Schweineknochen, auf Stalagtiten und Stalagmiten (Tropfsteine), sie vermessen, fotografieren und archivieren. Und die Ergebnisse ihrer Forschungen machen sie anderen Forschern zugänglich.
  Die historischen Dokumente des Berchtesgadener Höhlenvereins bezeugen, dass es im Berchtesgadener Land schon in den 20er-Jahren organisierte Höhlenforschung gab. Denn der Verein wurde am 14. Mai 1920 gegründet, am 22. Mai 1933 »wegen zu geringem Interesse« aber in den DAV-Zweig Berchtesgaden übergeleitet. Auch heute noch gibt es in der Sektion ein Referat Höhlen. Der größte Erfolg gelang den Berchtesgadener Speläologen im Jahr 1959, als Erhard Sommer und Kajo Wohlgeschaffen die Salzgrabenhöhle entdeckten. »Übrigens die einzige Höhle im Nationalpark, die zu ihrem eigenen Schutz abgesperrt ist, alle anderen Höhlen sind frei zugänglich«, sagte Nationalparkleiter Dr. Michael Vogel.
  Der Betrachter erfährt im Nationalpark-Haus auch praktische Dinge, die man bei einem Besuch unter Tage braucht: Wie bewege ich mich fort? Wie funktioniert die Höhlenrettung und wie schlafe ich in der Unterwelt? Um dies zu verstehen, kann sich der Besucher selbst ins Dunkel der Unterwelt begeben. Hier spürt er die faszinierende Kraft der Tropfsteine, die erst im Licht der Stirnlampe ihren ganzen Zauber entfalten. Die negativen Faktoren wie Kälte und Nässe allerdings muss der Test-Höhlenforscher zusätzlich in seiner Fantasie entwickeln, ansonsten könnte man das eingerichtete Höhlenbiwak leicht mit einem kuschelig-warmen Nest verwechseln.
  »Das Berchtesgadener Land ist als bedeutendste alpine Karstregion in Deutschland ein Dorado für Höhlenforscher«, weiß VdHK-Geschäftsführerin Bärbel Vogel, die die Idee für diese Ausstellung hatte und sie zusammen mit Archivar Bernhard Häck verwirklichte. So forschen neun Gruppen aus ganz Deutschland regelmäßig in der Berchtesgadener Unterwelt, um ihre Ergebnisse auch dem Nationalpark zugänglich zu machen. Bärbel Vogel wies aber auch darauf hin, dass alle 2 500 Mitglieder der 100 deutschen Höhlenvereine ehrenamtlich forschen. »Und sie hüten auch Schätze, denn was in einer Höhle zerstört wird, das ist für die nächsten 10 000 Jahre kaputt«. Die Bedeutung dieser unterirdischen Schätze macht die Ausstellung im Nationalpark-Haus auch dem Höhlen-Unerfahrenen klar. Genauso die psychischen und physischen Belastungen, die bei einem mehrtägigen Trip in die Unterwelt zu ertragen sind.
  Die Ausstellung ist bis 22. August täglich von 9 bis 17 Uhr zu besichtigen. Ulli Kastner