Spürnasen in Hochgebirgs-Klausur

Berchtesgadener Land: (16./17. Januar 2010) - Eine einwöchige Klausur der besonderen Art ging am Donnerstag auf der Reiteralpe zu Ende. Abgeschnitten von der Außenwelt trainierten Hund und Mensch im winterlichen Hochgebirge auf 1 600 Metern Höhe die Suche nach Verschütteten. Beim 15. Kurs der Lawinenhundestaffel Chiemgau testeten die ehrenamtlichen Bergwachtmänner auch, wie Technik die Vierbeiner bei ihrer Sucharbeit unterstützen kann. Die Tiere nahmen's gelassen, schließlich wissen sie nicht um den ernsten Hintergrund ihrer Aufgabe. Am einwöchigen Spielurlaub fanden sie sichtlich Gefallen.

 
  

»Lilly« von Ralf Kaukewitsch besitzt den Spieltrieb, der einen guten Lawinenhund auszeichnet.

Improvisation bei der Vorbereitung war angesichts der bescheidenen Schneelage auf der Reiteralpe angesagt. So verstärkten die 13 Lehrgangsteilnehmer so manche Schneeloch-Decke mit Biertischen und -bänken. Am Ende war eine stattliche Anzahl an Verstecken geschaffen, in denen die »Opfer« von den Suchhunden aufgespürt werden sollten. Das stellte für die sogenannten C-Hunde in der Regel kein Problem dar. Bis ein Tier allerdings einsatzfähig ist, vergehen einige
Jahre. Deshalb ist es besonders wichtig, dass rechtzeitig junge Vierbeiner ausgebildet werden.

Generationswechsel bei den Hunden

Mit dem tierischen Nachwuchs ist man heuer besonders zufrieden. »Der Generationswechsel ist spürbar. Wir haben diesmal sechs junge Hunde«, freut sich Staffelleiter Michael Partholl. Die A-Hunde-Prüfgung für Neueinsteiger absolvierte auch die elfmonatige »Chica« von Martin Wagner. Der Marktschellenberger hätte sich gerne auch in den letzten Jahren als Hundeführer zur Verfügung gestellt, doch sein bisheriger Vierbeiner hatte kein großes Vergnügen an dieser Aufgabe. »Chica« dagegen macht das Suchspiel Spaß. Sie darf sich als Lohn für ihr Engagement jetzt A-Hund nennen - und ihr Herrchen ist glücklich: »Das macht hier doch mehr Sinn als auf dem Hundeübungsplatz Unterordnung zu trainieren.«
Mit derzeit zehn Einsatzhunden ist die Staffel gut bestückt. »Wir setzen auf Qualität statt auf Quantität«, sagt Michael Partholl und übt Kritik an Organisationen, die damit werben, im Hauruck-Verfahren Suchhunde auszubilden. »Ich kann nicht in einem Drei-Tage-Kurs aus einem gewöhnlichen Haustier einen Suchhund machen. Bei uns dauert die Ausbildung für Mensch und Tier drei Jahre. Diese Qualität muss sein, schließlich sind der Hundeführer und der Einsatzleiter in der Regel als Erste auf der Lawine«, sagt Partholl. Dessen neuer Hund »Beppo« ist mit sechs Monaten noch zu jung für die Ausbildung. »Weil er noch Milchzähne hat, muss man beim Spielen aufpassen, dass man sie ihm nicht ausreißt«, erklärt das Herrchen. »Beppo« betrachtete die Woche auf der Reiteralpe deshalb als eine Art Schnupper-Praktikum. Im nächsten Jahr will sich der Nachwuchs-Hund natürlich selbstbewusst der A-Prüfung stellen.

VS-Gerät am Tier

»Tiere und Hundeführer haben in dieser Woche super gearbeitet«, lobt der Staffelleiter. Trotz teilweise dichtem Nebel konnten die »Verschütteten« schnell aufgespürt werden. Trotzdem sind die Bergwachtmänner der Lawinenhundestaffel bestrebt, die Suchzeiten weiter zu verkürzen. »Zurzeit arbeiten wir an einem Projekt, bei dem wir die Suche mit der Hundenase und mit dem Verschütteten-Suchgerät koppeln«, erklärt Michael Partholl. Dabei wird dem Tier ein VS-Gerät umgebunden. Die empfangenen Signale werden per Funkgerät an den Hundeführer weitergeleitet. »Weil der Hund auf dem Lawinenfeld so schnell ist, hat man in der Regel viel früher einen Erstempfang«, sagt Partholl. Finanziert wird das Projekt von der Ernst-von-Wippenbeck-Stiftung.
Obwohl Nachwuchs bei der Hundestaffel wichtig ist, bilden die altgedienten Bergwachtmänner mit ihren Tieren ein starkes Fundament. Da ist beispielsweise der Marktschellenberger Ralf Kaukewitsch, der etwa seit zehn Jahren die Staffel verstärkt. Mit seiner vier Jahre alten »Lilly« ist er hochzufrieden. »Sie ist einerseits ganz lieb und geduldig, zeigt andererseits auf dem Lawinenfeld gehöriges Temperament«, lobt das Herrchen. Temperament hat auch »Waldo« von Hans Balsberger aus Schleching. »Es ist schon außergewöhnlich, dass ein elf Jahre alter Hund noch so leistungsstark ist«, empfängt »Waldo« Lob vom Reichenhaller Stefan Strecker, der Michael Partholl
bei der Lehrgangsleitung unterstützt.
Natürlich war auch der altgediente Kurt Becker mit seinem »Arco« wieder dabei, genauso Andi Baumann mit seinem »Benno«. Ab Mittwoch musste man auf das Team Baumann/Benno allerdings verzichten, denn die
beiden waren am Abend bei der ZDF-Show von Markus Lanz in Hamburg eingeladen. Auf der Teilnehmerliste fällt auf, dass in 15 Kursen noch nie eine Frau eingetragen war.

Männer unter sich

»Natürlich würden wir jederzeit auch eine Frau aufnehmen. Aber sie muss genauso wie jeder Mann die gesamte Bergwachtausbildung durchlaufen«. Diese dauert in der Regel drei Jahre, was den meisten zu aufwändig sei. So waren die Männer bei dieser einwöchigen Klausur wieder einmal unter sich. Sie gewöhnten die Tiere an den Skidoo, bildeten sich in Erster Hilfe fort, lernten die Verwendung von Medikamenten und die Behandlung von Verletzungen am Tier. Und vermutlich blieb am Abend im »Lenzenkaser« der Bundeswehr auch ausreichend Zeit zur Kameradschaftspflege. Ulli Kastner