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Das Quartett aus Berchtesgaden und Rosenheim auf dem Torre-Gletscher (v.l.): Ulli Kastner, Hans Lochner, Hajo Friederich und Petra Bayer. | |
Als die vier die Berge ihrer Träume Ende November das erste Mal zu Gesicht bekamen, waren die Granitgipfel von einer frischen weißen Schicht überzogen. »Der Fitz Roy muss warten«, hieß es dann erst einmal. Stattdessen wandte sich das Berchtesgader Team mit Rosenheimer Verstärkung erst einmal den Zielen im benachbarten Torre-Tal zu, das von den Schneefällen weniger stark betroffen war. Nach größeren Einkäufen und zweitägigen Materialtransporten über den riesigen, zwischen Cerro Torre und Fitz Roy eingebetteten Gletscher bezog die Truppe das Basislager am Fuße des »schwierigsten Berges der Erde«. Gleich gegenüber ragt der Fitz Roy noch einmal zweieinhalbtausend Meter in die Höhe, daneben locken die steilen Westwände der Aguja Poincenot und der Aguja St. Exupery. An diesem dritten Gipfel im Fitz-Roy-Massiv gibt es eine 22-Seillängen-Route im Schwierigkeitsgrad VII+/VIII- mit dem Namen »Clara di Luna«. Das Quartett war sich einig: »Da müssen wir rauf.«
Weitere vier Stunden waren es vom Basislager über Tausende von mehr oder weniger lockeren Granitsteinen unterschiedlicher Größe hinauf bis zum Einstieg. Beim ersten Tageslicht tauschten die vier Kletterer die schweren Bergschuhe samt Steigeisen gegen leichte Reibungsschuhe und testeten den patagonischen Granit. Schnell merkten die vier, dass die Entscheidung, ein großes Sortiment an Camalots (Klemmgeräte zur Absicherung) mitzunehmen, die richtige war. Lediglich die als solche erkennbaren Standplätze zeigten den Routenverlauf an, Zwischenhaken gab es keine.
Die anfangs schweren Rucksäcke verloren Stunde um Stunde an Umfang und Gewicht. Dafür verteilten sich die nicht benötigten Ausrüstungsgegenstände nach und nach auf mehrere Standplätze.
Nachdem schwere Schuhe, Steigeisen, Eisbeile, Kocher, Biwaksäcke und Daunenanorak zurückgelassen waren, nahm der Klettergenuss bis zum oberen 7. Grad kein Ende. Bänder, Verschneidungen, Fingerrisse und Dächer erforderten dennoch die volle Konzentration der Seilschaften. Als mit Hilfe des noch mitgeführten Eisbeils ein kleines Eisfeld unterhalb des Gipfels überwunden war, stand die Truppe auf dem höchsten Punkt und genoss den Blick zum direkt gegenüber liegenden Cerro Torre und über das dahinter liegende Inlandeis. Als die Sonne dahinter verschwand, ging der Blick zur Uhr: 21 Uhr. Nur noch eine gute Stunde blieb bis zum Einbruch der Dunkelheit.
Die nächtliche Abseilaktion an schlechten Ständen sollte zur wirklichen Herausforderung bei dieser Tour werden. Zumal gleich am ersten Abseilstand ein nicht abziehbares Zwillingsseil zurückbleiben musste. Gerne opferte man während der weiteren Abseilfahrt eine Reihe von Haken, mehrere Meter Reepschnur und Bandschlingen sowie einzelne Klemmkeile. Seillänge um Seillänge tasteten sich die vier Kletterer bei völliger Dunkelheit und einsetzendem Sturm nach unten. Der Kampf mit verhedderten Seilen und mit ausgefallenen Stirnlampen nahm die Berchtesgadener so in Anspruch, dass man den Tagesanbruch kaum wahrnahm. Die Nacht war ungeahnt schnell vergangen, was alle mit Freude zur Kenntnis nahmen. Als nach weiteren Stunden Abseilen am frühen Nachmittag der Wandfuß erreicht war, stellte sich auch die Freude über den Gipfelerfolg ein.
Wie eng Gipfelgang und Bergdrama gerade in Patagonien beieinander liegen, zeigte sich wenige Tage später. Ein leistungsstarkes norwegisches Trio plante ebenfalls eine Begehung der »Clara di Luna« und wollte nach Möglichkeit das unterhalb des Gipfels zurückgebliebene Berchtesgadener Seil mit nach unten nehmen. Ganz in der Nähe kam die Mannschaft in einen großen Steinschlag, wobei dem untersten Kletterer ein fleißiger Schutzengel zur Seite stand. Während sich der Kletterer unter einem Überhang noch in Sicherheit bringen konnte, zerschlugen die Steine das norwegische Seil. Erst jetzt freuten sich die Skandinavier so richtig über die Berchtesgadener Seile, die ihnen den schnellen Weg nach unten ermöglichten. Und die Berchtesgadener bedankten sich wenige Stunden später ebenfalls für den Lieferservice der Norweger.
Wieder im Besitz ihrer Seile, wandten sich die Berchtesgadener einem weiteren Ziel im Fitz-Roy-Massif zu. Doch die die anglo-amerikanische Route an der Aguja Rafael bereitete den Berchtesgadenern größere Probleme als erwartet. Ausgerechnet an diesem Tag stellte sich zeitweise der unangenehme patagonische Sturm ein, immer wieder verschwand die Sonne hinter dichten Nebelschwaden, zwischendurch sorgten Schneeschauer für vereiste Felsen. Nachdem die vier Kletterer das kombinierte Gelände anfangs noch genossen hatten, beendeten sie das Kletterabenteuer schließlich doch.
Steigende Temperaturen machten Unternehmungen zwischen Cerro Torre und Fitz Roy an den folgenden Tagen schwer kalkulierbar. Etwas besser sah es auf der Fitz-Roy-Ostseite aus. Hans Lochner und Petra Bayer wollten sich hier ein letztes Mal in den Kampf stürzen. Sie eilten mit schwerem Gepäck direkt vom Torre-Tal ins Fitz-Roy-Basislager am Passo Superior, wo sie den deutschen Spitzenkletterer Stefan Glowacz und seinen argentinischen Kletterspezl Horacio Gratton trafen. Die beiden hatten erfolglos versucht, die 1 400-Meter-Route »Royal Flash« (etwa 9) erstmals frei zu klettern. Doch auch die von den Berchtesgadenern ins Visier genommene Route Franco-Argentina war den beiden Spitzenkletterern nicht gelungen, weil sie schon den riesigen Bergschrund nicht überwinden konnten.
Mit dieser Information bereichert, nahmen Hans Lochner und Petra Bayer als Ausweichziel die benachbarte Aguja Poincenot in Angriff. Die sogenannte Brown-Route führt über ein riesiges und steiles Schnee/Eis-Band über mehrere Hundert Meter nach oben. Dann geht die Route in kombinierte Kletterei über. Bei anfangs dichtem Nebel und teilweise Schneefall kämpften sich die Berchtesgadener-Rosenheimer Seilschaft weit in Richtung Gipfel empor. Erst 150 Meter unter dem höchsten Punkt entschlossen sich die beiden bei weit fortgeschrittener Zeit zur Umkehr. Zahlreiche heikle Abseilaktionen an zurückgelassenen Skistöcken und anderen improvisierten Abseilständen folgten, ehe die beiden weit nach Mitternacht wieder in ihrer Schneehöhle lagen. Ulli Kastner
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