Die Verführung begann mit einem Apfel

Berchtesgaden: (25. Januar 2010) - Höher hinaus geht es kaum. 13 der 14 Achttausender hat Hans Kammerlander in seiner Karriere als Bergsteiger bezwungen, so manche Erstbegehung gewagt, das Risiko immer vor Augen. Einige gute Freunde hat das Ausnahmetalent auf seinen Reisen verloren, sie sind abgestürzt - und nie mehr zurückgekehrt. Vielleicht war es nur ein kleiner Fehler. Der Berg aber hat ihnen nicht vergeben. Trotz vieler Rückschläge ist Kammerlander, gebürtiger Südtiroler, immer wieder in die gefährlichen Wände zurückgekehrt, hat Motivation getankt und einen nächsten Versuch gestartet - um hoch hinauszukommen. Auf dem Gipfel seines Erfolges will er es nun etwas »ruhiger« angehen, »ich habe mir vorgenommen, alle zweithöchsten Gipfel zu erklimmen«, sagt der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer bei seinem ausverkauften Vortrag beim »Summit 2010« des Deutschen Alpenvereins im Großen Saal des Kur- und Kongresshauses in Berchtesgaden.

 
  

Hans Kammerlander: Bescheiden, erfahren - und zu jedem Zeitpunkt zu einem Scherz bereit. Auf 13 der 14 Achttausender war der Südtiroler bereits, jetzt widmet er sich den »zweithöchsten Gipfeln«.

Seit über 40 Jahren sind die Berge dieser Welt Hans Kammerlanders Zuhause. Als sechstes Kind einer Bergbauernfamilie kam er zur Welt. Im Alter von acht Jahren wurde er von einem Touristen-Ehepaar nach dem Weg zum Hausberg, dem Mostnock, gefragt. Einen Apfel erhielt er als Dank für seine Auskunft. Die Neugier packte ihn nun, erzählt er, er folgte dem Ehepaar bis auf den Gipfel hinauf. Wie verzaubert fühlte er sich dort oben, sagt er heute. Eine innere Stimme habe in jenem Augenblick sein gesamtes Leben umgekrempelt, neu ausgerichtet. Als er zehn Jahre alt war, starb seine Mutter - ein Schicksalsschlag. Seine Schwester übernahm deren Rolle, dem zehn Jahre älteren Bruder folgte er regelmäßig auf die Berge der Umgebung. Diese Faszination sollte ihn nie wieder loslassen. Nicht nur die Berge, nein, auch das Laufen habe er für sich entdeckt, die 1650 Höhenmeter seines Hausberges, des Mostnocks, brachte er nun in etwas mehr als einer Stunde hinter sich. Ein Raunen geht durch die Reihen des Publikums, beeindruckt ob dieser menschlichen Leistung.
Man muss ihm als Zuhörer Respekt zollen - viele Bergsteiger sind im Saal, der mit 800 Besuchern bis zum letzten Platz belegt ist. Einer, der auf eine solche Karriere zurückblicken kann, der verdient nichts anderes. Lauscht man seinen Worten, überkommt den Zuhörer aber immer wieder das Gefühl der inneren Beklemmung, beispielsweise dann, wenn Kammerlander von einem Erlebnis vor vier Jahren berichtet, 2006 verlor Kammerlander einen guten Freund und Seilgefährten. Die beiden starten zum Jasemba Peak in Nepal, 7 350 Meter hoch, es ist der zweite Besteigungsversuch, eine »klettertechnisch schwierige Schönheit im Solo-Khumbu-Gebiet im Himalaya«. Nachdem es im Jahr zuvor nicht geklappt hatte, sind Hans Kammerlander und sein Seilgefährte Lois Brugger zurückgekehrt, um einen erneuten Versuch zu wagen. Dass dieser für Brugger tödlich enden wird, konnte zu diesem Zeitpunkt keiner ahnen. Auf 6 800 Metern - »Lois Brugger steigt einige Minuten vor mir ab« - muss der Unfall geschehen sein. Kammerlander findet nur noch eine Express-Schlinge an einem Fixseil, von seinem Freund keine Spur. Und dennoch wagt er ein Jahr darauf, 2007, einen erneuten Versuch, der gelingen sollte. Mit seinem Bergsteigerkamerad Karl Unterkircher zusammen erreicht er den Gipfel. »Es ist die bis dahin schwierigste, aber auch schönste Erstbesteigung«, sagt der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer darüber. Karl Unterkircher ist zwischenzeitlich ebenfalls tödlich verunglückt, Bilder der Erinnerung erzeugen ein flaues Gefühl im Magen. Da sind sie wieder, jene Momente, wo man schwer schluckt und sich fragt, ob es das alles wert ist. Auf viele Erfolge zurückblicken zu können, ist das eine, sich von guten Freunden verabschieden zu müssen, das andere. »Rückschläge gehören dazu«, sagt Kammerlander im Gespräch mit der Heimatzeitung, sie motivierten. Keine Spur von Angst, das Ziel ist der Gipfel.
Faszinierend erzählt er von seinen Expeditionen, von »seiner Sache«. Etwa von den 2000 Klettertouren, den 50 Erstbesteigungen, die er gemacht hat. Eiger Nordwand, die Matterhorn Nordwand, die Grandes Jorasses Nordwand, 60 Alleinbegehungen im sechsten Schwierigkeitsgrad. 1992 dann ein weiterer Rekordversuch, an dem man erkennt, dass es das scheinbar Unmögliche sein muss, das Kammerlander erreichen möchte. Etwas, das kein anderer vor ihm geschafft hat. Die Frage nach dem Sinn bleibt für einen Außenstehenden manchmal auf der Strecke. Das Herz des Bergsteigers sagt etwas anderes: vier Mal Matterhorn im Auf- und Abstieg über Hörnli-, Furggen-, Lion- und Zmuttgrat - und das alles in 24 Stunden. Ein gewöhnlicher Aufstieg wird mit acht bis zehn Stunden angegeben. Das Publikum ist beeindruckt.
Unzählige weitere Gipfel hat er bestiegen, seine Glanzstücke aber sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die 13 Achttausender, deren Gipfel er gesehen hat. Sieben davon zusammen mit Reinhold Messner. »Alle Besteigungen ohne künstlichen Sauerstoff« - auf seiner Homepage verweist Hans Kammerlander darauf. Seine Erfolge kann ihm keiner nehmen, unter den Bergsteigern gilt der als sehr bescheiden bekannte 53-Jährige als einer der Größten. Einer, der viel von der Welt und ihren Bergen gesehen hat, und - nach eigenem Bekunden - »sehr viel Glück im Leben hatte«. Glück, das er immer wieder aufs Spiel gesetzt hat? »Als junger Bergsteiger habe ich viel gewagt, manchmal zu viel«, erzählt er. Ohne Seil zu klettern, gehörte nun mal dazu. »Am seidenen Faden« hat er eine seiner Publikationen betitelt. Es muss wohl das Leben sein, das der Familienvater damit meint. Ein falscher Tritt - und es wäre vorbei. Hans Kammerlander weiß das, aber er kann nicht anders: In seiner Brust schlägt ein Bergsteigerherz. kp