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»Es ist völlig normal, dass Auerhähne und -hennen menschliche Futterquellen nutzen«, klärt Experte Wolfgang Scherzinger auf, »sie sind Opportunisten, handeln zweckmäßig und machen sich gerne ein bequemes Leben.« Schlau und ausgefuchst verlässt sich der Auerhahn, gerade im Winter, wenn Schnee und Eis die Nahrungssuche erschweren, in letzter Zeit immer mehr auf menschliche Fürsorge. Beeren, Äpfel, Vogelfutter, Balkonpflanzen sowie Knospen und Nadeln von Fichten, Tannen, Kiefern oder Buchen stehen auf seinem Speiseplan. Und wird das Menü auch noch kredenzt, fühlt er sich wahrlich wie Gott in Frankreich.
Der Auerhahn beziehungsweise die Auerhenne ist der größte Hühnervogel Europas und unterliegt in Deutschland, als vom Aussterben bedrohte Tierart, dem Jagdverbot. Im Aussehen unterscheiden sich die männnlichen und weiblichen Tiere erheblich: Während der Auerhahn dunkelgrau bis dunkelbraun gefärbt und mit einem metallisch glänzenden grünen Burstschild versehen ist, besitzt die Auerhenne ein braun gefärbtes Gefieder mit schwarzen und silbernen Querbändern. Auch im Gewicht und der Größe haben die Männchen nicht viel mit ihren Weibchen gemeinsam: Den männlichen vier bis fünf Kilo Gewicht, einer Größe von bis zu einem Meter sowie einer Flügelspannweite von rund 90 Zentimeter, stehen die weiblichen 2,5 Kilo sowie 60 Zentimeter Größe und 70 Zentimeter Flügelspannweite gegenüber. Charakteristisch für beide Geschlechter ist eine auffallende rote Hautstelle über den Augen, die in der Balz bei den Männchen anschwillt.
Unterstützt der Mensch einerseits den Auerhahn bei der winterlichen Nahrungssuche, birgt der Kontakt der Vögel zu Wohnungsgegenden andererseits auch ein gewisses Risiko. Vor allem stellt der Straßenverkehr für die Tiere ein großes Problem dar. Schneewände am Fahrbahnrand veranlassen die Vögel dazu, auf der Straße zu gehen. Mit der traurigen Konsequenz, dass diese oftmals überfahren werden. Auch der gemeinsame Futterplatz von Hühnern und Auerhähnen kann für den Auerhahn gravierende Folgen haben. Durch den Kontakt mit seinen Artgenossen beziehungsweise deren Nahrung können die Auerhähne Krankheiten aufschnappen, die für sie tödlich verlaufen, während Hühner dagegen resistent sind.
»Bis auf zwei, drei Meter dürfen wir uns ihm nähern, dann weicht er zurück«, berichtet Manfred Raschke, der selbst regelmäßig Besuch von dem Winkler Auerhahn bekommt. Während der kleine Kerl tagsüber durch die Gärten der Siedlung streift, findet er nachts sein Quartier auf Balkonen sowie in geschützten Nischen von Schuppen und Gartenhäuschen. »Letztens hat er mit dem Schnabel an mein Fenster geklopft«, schmunzelt Raschke, »nachdem er genussvoll meine Latschen angeknabbert hat.«
Solange die Vögel nicht balzen, ist gegen den menschlichen Kontakt nichts einzuwenden. Beginnt jedoch im April die Frühlingsbalz, sollte man die Tiere ignorieren und sich ihnen nicht mehr nähern, so Jochen Grab vom Nationalpark Berchtesgaden. »Je länger man die Auerhähne bei ihrem Balzverhalten beobachtet, desto weniger Hennen kommen zu dem Balzplatz«. Konkret bedeutet dies: Hähne sind derart versunken in die Balz, dass sie sich wenig an ihren Zuschauern stören. Für die Hennen jedoch, die sich oftmals versteckt in Bäumen oder im Unterholz aufhalten und die Männchen ausspähen, bedeutet das menschliche Publikum Stress pur. Mit der Konsequenz, dass sie den Balzplatz meiden. Im nächsten Jahr gibt es dann weniger Nachwuchs.
Bis zur Balz hat der Winkler Auerhahn jedoch noch gut zwei Monate Zeit. Solange heißt es für das Kerlchen noch, den Bewohnerinnen und Bewohnern der Winkl-Siedlung Gesellschaft zu leisten. Und betrachtet man das Angebot der Winkler Speisekarte sowie die Gastfreundschaft der Leute, hat der Auerhahn nicht gerade ein schlechtes Los gezogen. Caroline Irlinger
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