16-jähriger Toni Palzer läuft der Elite auf und davon

Schönau a. Königssee: (9. Februar 2010) - Bis zur Mittelstation war es ihm einfach »zu langsam«. Drum gab Toni Palzer durch den Spinnergraben Gas, von da an sah ihn die Konkurrenz - wenn überhaupt - nur noch von hinten. Zweieinhalb Minuten betrug der Vorsprung des fast im Laufschritt aufsteigenden 16-Jährigen auf den Österreicher Markus Stock bei der Bergstation. Da lässt sich ein Toni Palzer den Sieg nicht mehr nehmen. Nach zweimaligem Aufstieg bis kurz unter den Jennergipfel und 2 080 überwundenen Höhenmetern durchfuhr das Sporttalent am Samstag beim »Jennerstier« in der Zeit von 1:42:43,90 Stunde das Ziel bei der Mittelstation. Damit hatte der jüngste deutsche Meister im Skibergsteigen den Gangkofener Konrad Lex (1:45:25,90) und Markus Stock (1:46:08,20) deutlich in die Schranken verwiesen. Noch souveräner lief die Reichenhallerin Barbara Gruber (2:03:30,10) zum Damentitel. Ihr Vorsprung auf die Traunsteinerin Claudia Till betrug über zwölf Minuten. Auf Platz 3 lief die Ramsauerin Judith Graßl (2:19:09,50).

 
  

Als Toni Palzer sich der Bergstation näherte, war die Konkurrenz schon außer Sichtweite.

Das Schneefall-Wetter erinnerte irgendwie an den Wettkampf im letzten Jahr, als man den Umkehrpunkt wegen akuter Lawinengefahr im oberen Teil hinunter zum Spinnerkaser verlegt hatte. Doch diesmal lag die »weiße Pracht« im Spinnergraben und im Gipfelbereich nicht so hoch, weshalb die Experten »grünes Licht« gaben. Nur die letzten, sehr steilen 30 Meter ließ man aus Sicherheitsgründen aus. Dennoch saugte die anstrengende Tragepassage von der Bergstation hinauf zum Umkehrpunkt den 110 teilnehmenden Athleten noch die letzte Kraft aus den Beinen. Wer beim Skifahren nicht perfekt ist, der hatte dann bei der Steilabfahrt im Spinnergraben schnell seine Probleme.

Der Palzer-Express

Für Toni Palzer galt das nicht, der musste sich bei diesem Rennen keineswegs getrieben fühlen. Dabei hatte der Ramsauer eine Teilnahme am »Jennerstier« eigentlich gar nicht geplant. Vorgesehen war ursprünglich ein Start beim Jugendweltcup Gastlosen in der Schweiz. Weil er für den Wettkampf überraschend keinen Teampartner auftreiben konnte, blieb Toni zu Hause und reihte sich am Jenner mit Mama Annemie und Papa Wolfgang in den Palzer-Express ein.
Anfangs ließ der Ramsauer nach dem Start-Countdown durch Richard Lenz die starken Österreicher noch gewähren. Weil er bis zur Mittelstation aber nicht richtig gefordert war, zog Toni an. Weder Markus Stock noch Paul Innerhofer konnten dem 16-Jährigen auch nur annähernd folgen. Während die Österreicher gerade im unteren Teil der Tragepassage kämpften, schwang Toni Palzer schon wieder hinunter in Richtung Mittelstation, wo die Felle für einen erneuten Aufstieg wieder angelegt wurden. »Zwischenzeitlich hatte ich starke Krämpfe«, blickte Toni nach seinem Sieg zurück. »Doch dann habe ich sehr viel getrunken und so lief es schließlich wieder sehr gut«. Dass er das Rennen gewinnen würde, war Toni aber erst beim zweiten Erreichen der Bergstation klar. »Da dachte ich mir, dass es eigentlich reichen müsste«.

Heuer noch zwei Weltcup-Einsätze

Für Toni Palzer war es der bislang wichtigste Sieg in seiner noch jungen Karriere als Skibergsteiger. Nicht nur, weil er sich damit 300 Euro Preisgeld verdienen konnte. Er ist sich bewusst, dass er damit einen großen Schritt in Richtung Weltklasse gemacht hat. Schließlich ließ er die besten Rennläufer aus Deutschland und Österreich weit hinter sich. Kein Wunder, dass Toni nun in Richtung Weltcup schielt. Zwei internationale Termine stehen heuer noch an - und die will der Ramsauer nutzen. Ein Platz unter den ersten 20 könnte durchaus drin sein. Und natürlich hofft Toni Palzer, dass auch der »Jennerstier« einmal ein Weltcup-Termin wird. Jean-Claude Tornare, der das Rennen als Beobacher des internationalen Skibergsteiger-Verbands ISMF am Samstag mitverfolgt hat, bescheinigte der Route schon einmal Weltcup-Tauglichkeit. Wenn die Homologierung erfolgt, dann könnten am Jenner von 2012 bis 2015 Weltcup-Rennen im Skibergsteigen stattfinden.
Von den Österreichern konnte beim »Jennerstier« nur Markus Stock auf Platz 3 ganz vorne mitmischen. Der 42-Jährige holte sich damit den österreichischen Meistertitel. Dahinter kamen Martin Echtler aus Peiting und der Ramsauer Altmeister Franz Graßl ein. Der »Moarei« lief am Jenner erneut ein starkes Rennen und verpasste im Rahmen der deutschen Meisterschaft mit Rang 4 nur knapp einen Podestplatz.

Die Abfahrts-Angst der deutschen Meisterin

Barbara Gruber, die sich bei den Damen gewohnt souverän den Sieg holte, bedauerte fast ein wenig, dass keine der starken Österreicherinnen am Start war. So lief sie ein Rennen ohne ernsthafte Konkurrentinnen und reihte sich etwa an 20. Stelle bei den Herren ein. Schließlich hatte die Reichenhallerin beim Aufstieg auch Zeit, an anderes zu denken: »Mir ging die ganze Zeit nur die Abfahrt über den Spinnergraben durch den Kopf«, erzählte Barbara Gruber. So rief die 32-Jährige, die gerne über ihr bescheidenes skifahrerisches Talent klagt, den staunenden Zuschauern an der Bergstation zu: »Wenn ich grad schon unten wäre«.
Am nächsten kam der konditionsstarken Reichenhallerin noch Claudia Till aus Traunstein, die gut zwölf Minuten zurücklag. Und Judith Graßl aus Ramsau holte sich in Abwesenheit von Steffi Klinger-Koch, die sich in sportlichem »Mutterschaftsurlaub« befindet, den 3. Platz. Während sie sich im unteren flacheren Teil gewohnt schwer tat, lief es dann oben deutlich besser. »Mir ging’s echt gut und ich kann zufrieden sein«, so das Fazit der Ramsauerin.

Starke Jugend

Starke Leistungen zeigte beim diesjährigen »Jennerstier« auch wieder die Jugend, die nur einmal bis zum Gipfel aufsteigen musste. Mit Abstand am schnellsten aller Jugendläufer unterwegs war der erst 16-jährige Simon Kurz aus Oberau, der die ganze Strecke in 1:24:36,70 Stunde zurücklegte und sich damit den Sieg bei den Cadets sicherte. Bei den weiblichen Cadets gewann in 1:49:32,40 Stunde die Traunsteinerin Franziska Gröbner vor Katharina Stöger aus Schönau am Königssee. Schnellste Juniorin war Barbara Abler aus Bad Reichenhall vor der Berchtesgadenerin Maria Hochfilzer. Die erhielten genauso wie die Senioren aus Deutschland, Österreich und Belgien ihre Medaillen und Urkunden bei der Siegerehrung im Gasthof »Unterstein«. »Jennerstier«-Organisator Richard Lenz sprach hier genauso wie DAV-Sektionschef Beppo Maltan und DAV-Vertreter Matthias Keller von einer gelungenen Veranstaltung. Zahlreiche ehrenamtliche Helfer der Alpenvereinssekton Berchtesagden hatten dazu genauso ihren Beitrag geleistet wie die Mitarbeiter der Jennerbahn. Ulli Kastner