Zur Sicherheit: kein Sport, kein Fasching

Berchtegaden/Bischofswiesen: (11. Februar 2010) - Ein ungewohnt ruhiges Faschingsfinale werden heuer die beiden Bischofswieser Turnhallen erleben. Wo üblicherweise die Narren zum ausgelassenen Endspurt ansetzen, heißt es diesmal »gesperrt«. Die Gemeinde entschloss sich zu dem Schritt, weil Sicherheitsprobleme wegen kritischer Spannstähle im Hallendach nicht ausgeschlossen werden können. Genauso verhält es sich in Berchtesgaden, wo die beiden Breitwiesen-Sporthallen derzeit gesperrt sind. Und in beiden Gemeinden sind Hunderte von Schülern, Sportvereinsmitgliedern und Privaten betroffen, die nun erst einmal für unbestimmte Zeit vor verschlossenen Sporthallen-Türen stehen.

 

Den Anfang machte die Gemeinde Piding. Die gab - vor dem Hintergrund des Reichenhaller Eishalleneinsturzes - vor einiger Zeit eine Bauwerksüberwachung in Auftrag. Das damit beauftragte Ingenieurbüro holte sich bezüglich der Pidinger Sporthalle Rat an der Technischen Universität München. Dort rieten die Experten der Gemeinde, die Halle wegen der Verwendung so genannter korrosionsgefährdeter Stähle zu schließen. Dem kam die Gemeinde nach und auch der Landkreis Berchtesgadener Land sperrte kurz darauf die Turnhalle II des Rottmayr-Gymnasiums in Laufen. Dabei waren die statischen Bauteile der Landkreis-Turnhallen erst im Jahr 2006 überprüft worden. Zu diesem Zeitpunkt seien noch keine Informationen über zu Rost neigenden Stahl vorgelegen, heißt es bei der Kreisbehörde.
Das Landratsamt riet schließlich auch den Gemeinden Berchtesgaden und Bischofswiesen, die jeweils zwei Turnhallen zu schließen. Auch hier war Ende der 60er beziehungsweise Anfang der 70er Jahre der kritische Stahl, der zur »interkristallinen Korrosion« neigt, verwendet worden. Beide Gemeinden kamen der Empfehlung unverzüglich nach. »Wir gehen hier kein Risiko ein und müssen weitere Überprüfungen abwarten«, sagte der Bischofswieser Geschäftsleiter Rupert Walch dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Genauso sieht man es bei der Marktgemeinde Berchtesgaden. »Wir wollen jetzt die Tendenzen in dieser Angelegenheit abwarten. Vor allem wird es mit entscheidend sein, wie es in Laufen weitergeht«, sagt Marktbaumeister Helmut Graßl. Im Rottmayr-Gymnasium laufen derzeit Träger-Untersuchungen.
Mittlerweile versucht der von den Gemeinden beauftragte Statiker Hans Angerer krampfhaft, Kontakt zu den Experten der Universität München herzustellen. »Das ist mir bisher einfach nicht gelungen. Die Leute dort sind zu sehr beschäftigt«, bedauert der Ingenieur und verspricht: »Wir bleiben dran«. Sollte man an der Universität weiterhin Zweifel an der Sicherheit der Hallen äußern, »dann wird es kritisch«. Weitere Untersuchungen und längere Sperrzeiten wären dann erforderlich. Zurzeit aber ist man noch optimistisch. »Im Moment gehen wir davon aus, dass die Probleme nicht größer sind«, sagt der Bischofswieser Geschäftsleiter Rupert Walch. Der erinnert daran, dass das Sporthallendach auch der großen Schneelast vor zwei Jahren ohne weiteres standgehalten hatte. »Doch solange wir nichts Genaues wissen, muss die Sperrung bleiben«, betont Walch.
Hauptproblem ist der bis zum Jahr 1975 in den Spanndrähten verwendete Stahl. »Durch Umwelteinträge kann es hier passieren, dass der Stahl korrodiert, ohne dass es von außen zu erkennen ist«, sagt Statiker Hans Angerer. In jedem der verwendeten Betonträger sind zwölf dieser Drähte gespannt. Angerer weiß, dass der korrodierte Stahl im Brückenbau durch Feuchtigkeit und die Verwendung von Streusalz bereits mehrfach Probleme bereitet hatte. Im Hochbau aber ist ihm so ein Fall nicht bekannt. »Dennoch müssen wir von den Experten an der Universität wissen, woran wir sind«, bekräftigt der Berchtesgadener. Es geht auch um die Frage, wie sich im Zweifelsfall der Zustand der Drähte in den Trägern überprüfen lässt. Das funktionierte schon einmal mithilfe magnetischer Felder, aber dafür ist der Einsatz riesengroßer Maschinen erforderlich.
Während der Hilferuf aus dem Berchtesgadener Land von den Experten an der Universität München bislang unbeantwortet blieb, müssen sich Hunderte von Schulkindern, Vereinssportlern und Faschingsfans erst einmal eine neue Bleibe suchen. Entweder der Schulsport fällt aus oder man sucht nach Alternativen wie dem Wechsel in die Rodlerhalle. In Bischofswiesen trifft es die Närrinnen und Narren hart: Der Sportlerball am Samstag fällt genauso aus wie der Kinderfasching am Sonntag und der Rosenmontagsball. Vielleicht heben sich die Maschkera ja alle Energie für den Faschingszug in Winkl am Dienstag auf. Womöglich dürfen sie im nächsten Jahr wieder unter dem Hallendach feiern. Sicher weiß das zurzeit jedoch niemand.Ulli Kastner