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So entstand der inzwischen berühmte Sumo-Ringer. Ende Januar schufen ihn Berchtesgadener Schnitzschüler. | |
Blaue Lippen hatte der kleine Louis und der herbeigeeilte Notarzt ließ ihn zur Beabachtung ins Innsbrucker Unfallkrankenhaus bringen. Wo ihn die erleichterten Eltern am nächsten Morgen fast unversehrt entgegen nehmen konnten. Das wäre der Hauptteil der Geschichte, die hier enden könnte, wäre nicht die englische Boulevardpresse nun auf den Jungen eingestürzt wie zuvor der lädierte 2,50 Meter hohe Sumo-Ringer. Ins »künstliche Koma« wurde der Junge geschrieben und als Lawinenopfer betrauert. Verwandte, der Arbeitgeber des Vaters und Nachbarn, die zum Zeitpunkt des Geschehens in Großbritannien waren, wandten sich an die besorgten Leser.
Die Schöpfer der Figur wussten davon allerdings lange nichts. Der Berchtesgadener Schnitzschuldirektor Norbert Däuber erfuhr erst davon, als sich auch bei ihm Zeitungen meldeten.
Jedes Jahr feiert man in Seefeld ein Schneefest. Und regelmäßig werden Schneefiguren präsentiert. Dazu werden die Schulen für Holzbildhauerei aus Österreich und Deutschland eingeladen. Unterkunft und Verpflegung der Schneekünstler werden dabei vom jeweiligen Hotelier übernommen, vor dessen Haus die Plastik steht und Gäste zum Verweilen einlädt. So waren auch diesmal im Januar angehende Holzbildhauer der Berchtesgadener Schnitzschule mit ihrem Lehrer Hannes Stellner in Leutasch-Seefeld. Einen kräftigen Sumo-Ringer, der sich des Angriffs eines kleineren erwehren muss, stellten sie vor den Hotel-Eingang.
Am 28. Januar wurden die kalten Kunstwerke übergeben, das Schneefest eröffnet und die Schöpfer der Skulpturen verabschiedet. Der Sumo-Ringer verursachte erst später, aber dafür nachhaltige Wirkung. Nicht nur aus ästhetisch-künstlerischer Sicht. Nach den Freunden schöner Plastiken zog er Vandalen, eine Spezies, die auch bei Schneefiguren in Berchtesgaden schon ihr Dummwesen trieb, an. Diese nämlich machten sich nächtens an die Zerstörung des Schneewerkes, zertrümmerten zunächst den kleinen Ringer und nagten am großen, den sie allerdings noch stehen lassen mussten. Vermutlich die Sonne schwächte dann den nun alleinstehenden Kämpfer so sehr, dass die tatsächlich Kraft eines Kindes genügte, um ihn endgültig zu fällen.
Unglücklicher Weise fielen die verdichteten Schneemassen auf den Dreijährigen. Der Vater und hilfreiche Passanten, so steht es im örtlichen Polizeibereicht, brauchten glücklicherweise nur Sekunden, um den Buben aus den »betonartigen« Trümmern zu graben. Vorsorglich wurde das Kind für eine Nacht in der Unfallklinik beobachtet, konnte aber bald entlassen werden. Die Gemeinde hat dem kleinen Louis einen Geschenkkorb überreicht, als kleines Trostpflaster.
Für Schnitzschuldirektor Norbert Däuber und Lehrer Hannes Stellner kam der Schrecken später, und dann auch nur kurz. Ein Anruf bei der Kurdirektion in Seefeld brachte schnell Beruhigung. Zwar, so Däuber gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger« bedauere er den Vorfall sehr, betonte aber auch, dass seine Schnitzschüler keinerlei Einfluss auf diesen Vorfall hatten. Vor allem aber freute man sich an der Schnitzschule, dass es dem kleinen Engländer wieder gut gehe.Dieter Meister
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