Askese als Kopfsache

Berchtesgaden: (18. Februar 2010) - Jetzt tritt man wieder auf die Bremse. Zumindestens diejenigen, die sich aktiv an der Fastenzeit beteiligen. Standen am Faschingswochenende noch vermehrt Krapfen und das ein oder andere Gläschen Alkohol auf dem Tisch, begann am gestrigen Aschermittwoch für viele Bayern die siebenwöchige Fastenzeit. Verzichten die einen auf traditionelle Gewohnheiten wie Süßes, Alkohol und Zigaretten, verleihen manch andere der 40-tägigen Askese einen modernen Aspekt: jeden Tag eine freundliche Geste, bewusst ein Gespräch mit einer lieben Person führen, jemandem zur Hilfe kommen. So bestreitet auch die Evangelische Kirche jährlich die Fastzeit mit einem anderen Motto. Unter dem Slogan »Näher! - Sieben Wochen ohne Scheu« wirbt die Evangelische Kirche 2010 für mehr Nähe und Begegnungen in der vorösterlichen Zeit. Die Heimatzeitung wollte es wissen: Fasten die Berchtesgadenerinnen und Berchtesgadener? Und wenn ja, traditionell oder modern?

 

»Keine Chips, keine Gummibärli, keine Schokolade.« Konsequent zieht Birgit Eder seit 10 Jahren die Fastenzeit durch. Um die 40 Tage genussfrei jedoch erfolgreich meistern zu können, steht am Wochenende zuvor noch einmal richtiges Naschen an. »Die Tage vor Aschermittwoch wird ordentlich geschleckt und dann ist die Fastenzeit auch kein Problem«, so die Ramsauerin. Entgegengesetzt der weitläufigen Abnehmversuche vieler Bürger in der Fastenzeit, stehen für Birgit Eder gesundheitliche Gründe im Vordergrund. »Einmal im Jahr verzichte ich auf alles Ungesunde, da macht es mir auch nichts aus, wenn andere neben mir was Süßes essen.« Allgemein werden im Christentum die sieben Wochen vor Ostern als Fastenzeit bezeichnet. Ihren Anfang hat die 40-tägige Askese am Aschermittwoch, wobei der Tag zugleich das Ende des Faschings darstellt. Laut christlicher Überlieferung endet die Fastenzeit in der Osternacht, wobei alle Sonntage vom Fasten ausgenommen sind.
Das gute Gefühl im Nachhinein
Die Meinung, dass das Fasten eine Kopfsache ist, ist auch im Berchtesgadener Talkessel weitläufig vertreten. »Ich kann nur abnehmen, wenn es vom Kopf her geht, wenn das Empfinden da ist«, erzählt eine 45-jährige Schönauerin. »Es ist wie mit den guten Vorsätzen zum Neujahr, entweder man ist konsequent oder es klappt nicht. Wie meistens bei mir«, schmunzelt die Schönauerin weiter. So lautet der weitläufige Tenor der Berchtesgadener Bevölkerung »Alles in Maßen«. »Was bringt es mir, wenn ich sieben Wochen faste und den Rest des Jahres sinnlos Süßes und Alkohl in mich hineinschütte?«, fragt eine Rentnerin. Lediglich das gute Gefühl im Nachhinein, dass man es schaffen kann, seinen Körper für eine gewisse Zeit unter Kontrolle zu haben, wäre für die meisten Einheimischen ein Ansporn für die Fastenzeit.
Während traditioneller Verzicht auf Süßes, Fleisch, Alkohol oder Zigaretten für viele die Fastenzeit charakterisiert, macht »modernes Fasten« in den letzten Jahren immer mehr Schlagzeilen. Angefangen vom »Autofasten« über Abstand zum Internet bis hin zu freundlichen Gesten. Die Fastenzeit nimmt neue Formen an. »Man sollte einen Unterschied von Körper und Geist machen«, so ein 35-jähriger Berchtesgadener. »Schränke ich Süßes und Alkohol ein, tue ich meinem Körper etwas Gutes, der Geist hat davon jedoch gar nichts.« So ist für den 35-Jährigen die Fastenzeit eine Zeit, in der man für sich und seine Mitmenschen im positiven Sinne etwas verändern kann. »Auch in anderen Religionen heißt es, willst du Gutes für dich tun, tue erst anderen Menschen Gutes.« Die Meinung des jungen Mannes trifft immer mehr auf positive Zustimmung. Auch die Evangelische Kirche setzt seit mehreren Jahren neue Schwerpunkte für die Fastenzeit. Unter dem Motto »Näher! - 7 Wochen ohne Scheu« ruft die Kirche dazu auf, in der Fastenzeit sich mehr mit seinem Mitmenschen zu beschäftigen: Freunde besuchen, eingeschlafenen Kontakte wiederbeleben, Einsamkeit vermeiden.
»Nähe zum Menschen«
Auch Kleinigkeiten können die Fastenzeit ungemein bereichern. Jeden Tag einmal lächeln, ein bewusstes Gespräch mit einem lieben Menschen führen, jemandem helfen - kleine Geste, um anderen etwas Gutes zu tun, erfreuen sich gerade in der Fastenzeit immer größerer Beliebtheit. »Generell finde ich die neuen Gedanken gut, es ist nur traurig, dass man dafür eine bestimmte Zeit braucht. Sollte es nicht so sein, dass man das ganze Jahr über seinem Gegenüber Aufmerksamkeit schenkt?«, fragt nachdenklich eine junge Bischofswieser Verkäuferin. »Leider ist das nicht mehr selbstverständlich«, beantwortet sie selbst ihre Frage traurig. Auch für eine 40-jährige Ramsauerin hat das »moderne Fasten« wenig mit der Fastenzeit zu tun. »Für mich bedeutet Fasten Verzicht, Nähe zum Menschen hat wenig mit Fasten zu tun und sollte eigentlich gang und gäbe sein.«
Während die einen in der Fastenzeit immer mehr eine Besinnung auf sich selbst und andere Menschen sehen, halten die anderen fest am traditionellen Süßigkeiten-Fasten. Für alle scheinen die sieben Wochen vor Ostern jedoch in gewisser Hinsicht etwas Besonderes zu sein: Entweder weil man dem Trend zum modernen oder traditionellen Fasten folgt oder bewusst an seinen bisherigen Lebensgewohnheiten festhält. Carolin Irlinger