Dem Watzmanngletscher Adieu sagen

Berchtesgaden: (20. Februar 2010) - Vor 18 000 Jahren war das Nationalparkmanagement noch deutlich einfacher: Hochlagen am Königssee und im Wimbachgries waren eisfrei. Konsequenz daraus: Außer etwas Pistenpflege musste nicht viel gemacht werden. Charmant und verschmitzt leitete Dr. Chris-
toph Mayer seinen Vortrag über das Blaueis, den Watzmanngletscher sowie die Eiskapelle in der Konferenz zur Klimaforschung im Nationalpark Berchtesgaden im Kur- und Kongresshaus Berchtesgaden ein. Trotz der komplexen Darstellung geophysikalischer Methoden gelang es Mayer, die Balance zwischen der wissenschaftlichen Präsentation seiner Ergebnisse und einer verständlicher Vermittlung zu halten. Gewürzt wurde der 20-minütige Vortrag mit einer Brise trockenen Humors seitens des Allgäuers.

 

»Dank Berchtesgaden gibt es seit vorletztem Jahr sechs Gletscher in Bayern. Aufgrund eines klimatisch günstigen Umstands konnte sich der Blaueisgletscher durch Zellteilung vermehren«, so verschmitzt Christoph Mayer, der in der Kommission für Glaziologie an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften beschäftigt ist. Derzeit sind in Bayern, abgesehen von der Berchtesgadener Gletscherteilung, fünf Eisgletscher vorhanden. Neben dem nördlichen und südlichen Schneeferner sowie dem Höllentalferner forscht Mayer mit seinem Team ebenso am Watzmanngletscher und im Blaueis. »Auch die Eiskapelle ist Teil unseres Projektes, wobei es sich jedoch dabei um keinen Gletscher handelt, sondern um ein Schneefeld«, berichtete Mayer. Grund für den Projekteinbezug der Eiskapelle: Das Forschungsteam erhofft sich Ergebnisse, anhand derer zwischen den höher gelegenen Gletschern und der auf rund 900 Meter liegenden Eiskapelle Unterschiede gezogen werden können. »So nass wie an der Eiskapelle bin ich noch nie geworden, und als Allgäuer bin ich Regen wirklich gewohnt«, resümierte der Wissenschaftler über seine feuchten Erfahrungen am Fuße der Watzmann-Ostwand. Einmal im Jahr, meistens im Herbst, nimmt der Allgäuer die beiden Berchtesgadener Gletscher und das Schneefeld genauer unter die Lupe, ehe in München, an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die Analysen und Auswertungen erfolgen.
Das Besondere am Watzmanngletscher und dem Blaueis, welche jeweils rund fünf bis sieben Hektar aufweisen, ist ihre erstaunlich tiefe untere Eisgrenze. Bayernweit besitzt das Blaueis mit 1 937 Metern den niedrigsten Gletscherrand in den Nordalpen. Grund hierfür sind die speziellen Niederschlagsbedingungen der Gegend. »Eigentlich dürften in dieser Höhe gar keine Gletscher sein, trotzdem ist hier noch Eis vorhanden«, schmunzelt Mayer, »schuld daran sind die Berchtesgadener Bedingungen, also der Schatten.«
Wie lange der Watzmanngletscher und das Blaueis aber noch vorhanden sein dürften, ist fraglich. Ebenso wie bei den anderen bayerischen Gletschern ist auch in Berchtesgaden deutlich zu beobachten, dass die Gletscherflächen seit den 90er Jahren kontinuierlich abnehmen. »Lediglich durch spezielle klimatische Temperaturen in den 70er Jahren konnten die Gletscher in den 80er Jahren wachsen. Seitdem geht es jedoch bergab«, klärte der Wissenschaftler auf. Erste Auswirkungen sind bereits beim Blaueis zu sehen. Weniger durch Zellteilung als mehr durch klimatische Bedingungen hat sich der untere Teil vom oberen Teil des Blaueises bereits abgetrennt. Während sich der untere Teil mit einer durchschnittlichen Eisdicke von fünf bis zehn Meter wohl über kurz oder lang verabschieden wird, besteht für den oberen Teil des Blaueisgletscher noch Hoffnung. »Durch das stete Hinzukommen von Schnee und die exponierte, schattige Lage im Hochkaltergebiet wird sich das obere Blaueis halten«, prognostizierte Mayer zuversichtlich. Ein ähnliches Schicksal wie dem unteren Blaueis könnte jedoch auch dem Watzmanngletscher bevorstehen: »Wenn das Klima so weitergeht wie bisher, können wir dem Watzmanngletscher in den nächsten 15 Jahren Adieu sagen.« Einzig die Eiskapelle erwartet eine frohe Zukunft: Als riesiger Lawinenkegel, der sich immer wieder aus der Watzmannostwand speist, kann im Sommer der komplette Winterschnee nicht weggeschmolzen werden.
Ihre Ergebnisse bekommt das Team der Kommission für Glaziologie durch tachymetrische Messmethoden sowie das kinematische GPS. »Manche Touristen wundern sich, in welch komischem Muster wir über den Gletscher wandern, aber es hat wirklich seinen Zweck«, rechtfertigte sich der Allgäuer mit einem Lächeln. Wie lange jedoch Dr. Christoph Mayer und sein Team noch über die bayerischen Gletscher wandern können, sei dahingestellt. Fest steht bereits heute: Eine längere Wärmephase werden die Gletscher nicht überleben. In diesem Fall haben es die niedriggelegenen Schneefelder deutlich besser. Und sollten diese irgendwann auch nicht mehr existieren, findet der regenerprobte Allgäuer sicherlich auch Gefallen an der Analyse von Niederschlägen. Den nötigen Humor dafür besitzt er bereits. ci