Vom Kälberstein nach Vancouver

Vancouver/Berchtesgaden: (24. Februar 2010) - Michael Neumayers olympische Silbermedaille im Teamspringen hat einen besonderen Stellenwert. Schließlich holte der für den Skiklub Berchtesgaden springende Athlet als erster Springer überhaupt eine Medaille in die Region. Dass der Bad Reichenhaller mittlerweile das Zupferd innerhalb der deutschen Nationalmannschaft ist, macht seine Gefährten, Vereinskameraden und früheren Trainer im SKB besonders stolz. Einige von ihnen ließen aus aktuellem Anlass gestern bei einem gemeinsamen Weißwurstessen die alten Zeiten noch einmal lebendig werden.

 

Erst mit zwölf Jahren entdeckte Michael Neumayer seine Liebe zum Skispringen. In einem Alter, in dem andere wegen fehlender Perspektiven schon wieder zum Aufhören gezwungen werden, ordnete der Bad Reichenhaller sein ganzes Leben dem Schanzensport unter. Ganz nebenbei erlernte er auch noch den Beruf des Steuerfachgehilfen und studiert seit 2004 in Kempten Betriebswirtschaftslehre. Als Neumayers große Tugend wird von den Trainern seine Disziplin und sein Trainingsfleiß genannt.
Wie bei den anderen Berchtesgadener Medaillengewinnern wollte der »Berchtesgadener Anzeiger« auch bei der Familie Neumayer in Karlstein ein Stimmungsbild einfangen. Doch weil der 31-Jährige den Rummel um seine Person gar nicht mag, bat Mutter Brigitte Neumayer dies zu respektieren. Gleichwohl bot sie an, nach der Rückkehr in die Heimat mit ihrem Sohn eine Zusammenkunft zu arrangieren. Sie selbst konnte nach dem großen Erfolg ihres Sohnes die ganze Nacht nicht schlafen. Brigitte Neumayer: »Bei unserem letzten Telefongespräch hat Michael gesagt, dass sich die Springer jetzt ein neues Quartier suchen und die Olympischen Spiele als Touristen noch so richtig genießen«. Danach geht es nach ein paar Tagen zu Hause gleich weiter zur Skandinavien-Tournee. In Skandinavien möchte Michael Neumayer 2011 am neuen Holmenkollen dann bei den Weltmeisterschaften seine Karriere beenden.

Weißwurstfrühstück der Weggefährten

Am Morgen nach dem Triumph der deutschen Skispringer trafen sich die hiesigen Skisprungtrainer am Kälberstein, wo der kleine Michi einst das Einmaleins des Skispringens erlernt hat. Bei einem Weißwurstfrühstück wurde der Erfolg Neumayers noch einmal nachgefeiert und Stützpunkttrainer Christian Leitner erinnerte an die Stationen seines einstigen Schützlings. Elmar Homberg war noch Kindertrainer, als der zwölfjährige Neumayer, der ein guter Alpinfahrer war, das Skispringen erlernen wollte. Drauf gekommen war der Karlsteiner durch seinen Cousin Christoph Neumayer, der es schon zu bayerischen Meisterehren gebracht hatte. Doch während Christoph Neumayer seine Karriere früh beendet hat, biss sich der Student durch.
»Seine ersten Sprünge absolvierte Michael Neumayer auf Alpinskiern auf der alten Jugendschanze, die in den Auslauf der 60m-Schanze gemündet ist. Weil es ihm schnell zu langweilig wurde, sprang er sogleich in Ruhpolding auf der 40-Meter-Schanze weiter. Doch als großes Talent wurde Neumayer nie bezeichnet, vielmehr bestach er durch Ausdauer und großen Trainingsfleiß«, erinnert sich Trainer Leitner an die Anfänge des Skispringers Neumayer. Als weitere wichtige Komponente im Sportlerleben Neumayers bezeichnete Leitner die Familie. »Beinahe täglich haben die Eltern Michael Neumayer zum Training an den Kälberstein gebracht. Wie man sieht hat es sich gelohnt, obwohl Michi nie einem Jugendkader angehört hatte, er kam gleich in den B-Kader«, blickt Leitner zurück und hängt schnell noch ein Kompliment dran: »Ich betone, dass es in erster Linie der Sportler Michael Neumayer selbst war, der sich alles erarbeitet hat«.

Zu Weihnachten noch Selbstzweifel

Am Anfang seiner erfolgreichen sportlichen Laufbahn drückte Neumayer mit Michael Uhrmann die Schulbank, zwölf Jahre später holten die beiden jetzt zusammen mit Andreas Wank und Martin Schmitt Silber. Stützpunkttrainer Leitner nannte als Neumayers Wegbegleiter die Trainer Elmar Homberg und Helmut Kurz, ehe es über die DSV-Schiene weiter ging. Dabei wurde Neumayer zu Zeiten eines Bundestrainer Wolfgang Steiert sogar einmal aus dem Team eliminiert. Dafür hielten jedoch die Trainer Reinhard Hess, Andreas Bauer, Peter Rohwein und jetzt Werner Schuster immer an Neumayer fest, auch als der SKB-Springer nach einer guten Vorbereitung auf diese Saison zunächst überhaupt nicht in Schwung gekommen ist und ihn schon große Selbstzweifel plagten. In einem Interview mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« nach Weihnachten meinte Neumayer noch, dass es nur noch besser werden könne. Auf einmal zeigte seine Formkurve wieder nach oben.

»Ich bin stolz auf die Silbermedaille mit der Mannschaft. Es ist ein grandioser Tag und ich bin überglücklich.« Mit diesen Worten schickte Michael Neumayer einen Gruß in seine Heimat. cw