Olympia als Schuldenfalle

Berchtesgaden: (13. März 2010) - Die olympiakritische Plattform »Nolympia München 2018« hatte am Donnerstag zu einer Veranstaltung über »Olympische Spiele - Mythos und Wirklichkeit« nach Berchtesgaden eingeladen. Wie schon bei ähnlichen Veranstaltungen in München und Garmisch war der Salzburger Willi Rehberg im Hotel »Vier Jahreszeiten« der Hauptredner. Er zeigte detailliert die seiner Meinung nach finanziellen Nachteile und Risiken einer Olympiabewerbung auf. Über die olympischen »Zahlenspiele« der Salzburger Bewerbung informierte Astrid Rössler, die den Untersuchungsausschuss Olympia im Salzburger Landtag leitet.

 

Während in Garmisch über 200 Leute zur Informationsveranstaltung der olympiakritischen Plattform »Nolympia München 2018« kamen, waren es in Berchtesgaden erheblich weniger. Für den Sprecher der Region Berchtesgaden »Nolympia 2018«, Dr. Bartl Wimmer, war das Thema Olympia eigentlich mit den gescheiterten Bewerbungen 1992 und 1996 beendet. Die Beteiligung an der Salzburger Olympiabewerbung stellte für ihn kein Problem dar. »Aber warum sind wir dann jetzt dagegen?«, fragte er und zählte zwei Punkte auf. Einerseits müsse man aus ökologischen Gründen solidarisch mit Garmisch sein und andererseits seien die finanziellen Verpflichtungen der Bewerbergemeinden wegen der derzeitigen wirtschaftlichen Situation nicht tragbar. Derzeit sei die Finanzkrise noch nicht ganz im Landkreis angekommen, doch sie wird in Zukunft voll durchschlagen.
Die Entscheidung für Olympia sei eine »verheerende Weichenstellung«, sagte der Grünen-Politiker. »Das ist keine Aktion gegen die Sportler«, betonte Dr.Wimmer, aber den Breitensport und den Schulsport betreffende Erneuerungen wie zum Beispiel der Sportplatz Breitwiesen werde seit Jahren geschoben, aber in die Rodelbahn werden 30 Millionen Euro investiert. »Im Haushalt des Kreises werden 240 000 Euro für die Bewerbung vorgesehen.« Das oft vorgebrachte Argument, dass man nicht mehr zurück könne, da man sonst sieben bis acht Millionen Euro zurückzahlen müsse, lässt Wimmer nicht gelten. »Ich bezweifle, dass der Bund und das Land die Gelder zurückfordern würden.« Dr.Wimmer erinnerte daran, dass von allen 20 oberbayerischen Landkreisen das Berchtesgadener Land, was die Wirtschaftskraft anbelangt, das Schlusslicht sei. »Wir würden uns mit Olympia überheben.«
Erfahrungen aus drei Salzburger Olympia-Bewerbungen brachte Willi Rehberg, Finanzexperte und Olympiakritiker aus Salzburg, mit. Wie schon bei den Veranstaltungen von Nolympia in München und Garmisch berichtete er von den Hintergründen einer Olympiabewerbung. »Das IOC ist ein einfacher Verein, dessen Vereinszweck es ist, die Olympischen Spiele zu vermarkten.« Die ausgewählte Stadt muss die Spiele nach ganz detaillierten Vorschriften durchführen. »Dabei wird nur ein Bruchteil der anfallenden Kosten ersetzt.« Hingegen besitzt das IOC ein Vermögen von 1,41 Milliarden US-Dollar. »Trotzdem lässt das IOC die öffentliche Hand zahlen.« Zwischen Gastgeberstadt und dem IOC gibt es einen »beinharten Olympiavertrag, das ist ein Knebelungsvertrag, denn die Gastgeberstadt haftet für alles«. Außerdem muss der olympischen Familie eine Steuerfreiheit eingeräumt werden.
Mit einem Blick auf ehemalige Gastgeberstädte zeigte Rehberg, wie groß die finanziellen Belas-
tungen wirklich waren. Turin ist zum Beispiel drei Mal so teuer geworden als geplant und auch Vancouver werde noch lange für die Spiele die Schulden abbezahlen müssen. Bei der Salzburgbewerbung ging man anfangs von einem Gewinn von 516 Millionen Euro aus und den Bürgern sollten die Spiele nichts kosten. Aber die Einnahmen wurden immer weiter nach unten korrigiert. Schließlich stimmten bei einer Bürgerbefragung rund 61 Prozent der Salzburger gegen eine Bewerbung. Trotzdem hielten die Politiker an einer Bewerbung fest. »Wir wurden belogen und betrogen«, sagte Rehberg. »Die Olympischen Spiele sind eine Schuldenfalle«, warnt der streitbare Olympiakritiker.
In Salzburg hat die gescheiterte Olympiabewerbung weitere Kreise gezogen. Davon berichtete Astrid Rössler, Abgeordnete für die Grünen im Salzburger Landtag und die Leiterin des Untersuchungsausschusses Olympia. »Wir haben einen handfesten Finanzskandal in Österreich.« Veruntreuung und Bilanzfälschung stehen im Raum. Die Juristin spricht von einer »Olympia-Propaganda«, die die Bewerbung begleitet hat und mit der versucht wurde, die Bürgerbefragung zu beeinflussen. Astrid Rössler bemängelte die hohen Kosten und die fehlende Transparenz allein bei der Bewerbung. Denn es gab zwei Rechnungskreise und zwei Konten, die miteinander verknüpft waren. Außerdem gab es in Salzburg einen Olympia-Förderverein, dessen Rolle noch ungeklärt ist. Durch ihn wurden ebenfalls Spendengelder gesammelt. »Was haben die politischen Verantwortlichen gewusst und welche Rolle haben sie gespielt?«, fragte die Politikerin. Für sie ist das IOC ein wirtschaftlicher Moloch und sie bedauert, dass Nachhaltigkeit, Sozial- und Umweltverträglichkeit sowie Klimaschutz instrumentalisiert werden. »Wer sich für Olympia bewirbt, für den darf Geld keine Rolle spielen. Ich bin froh, dass wir nur die Schulden für die Bewerbungskosten aufbringen müssen.« Ihr letztes Bild zeigte einen Blick in die Berge: »Beschützt uns vor Olympia«, sagte sie, »und haltet Olympia fern von euren Bergen.«
Die wichtigsten Punkte fasste Dr. Bartl Wimmer noch einmal zusammen: »Es geht um Summen, die Kommunen einfach nicht im Griff haben können. Die immer wieder zitierte belebende Wirkung für den Tourismus ist sehr oft widerlegt worden.« Außerdem würde niemand normalerweise so einseitige Verträge, wie vom IOC gefordert, unterschreiben. »Ich kann nur dringend davor warnen, sich auf diese Spiele einzulassen.« Eine Koordination des Protestes mit Garmisch wurde angeregt, denn mit dem Ja oder Nein der Garmischer bei einem möglichen Bürgerentscheid steht und fällt die Olympiabewerbung. CGM