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Das Zauberhafte in die moderne Welt geholt

Berchtesgaden – Ein »Potpourri aus 20 Jahren« nannte Stefan Birkel seine Werkschau unter dem Motto »Der Phantastische Stefan Birkel« in der Galerie »Ganghof«. Dieser Begriff ist freilich angesichts der künstlerischen Dichte, Fülle und Qualität ein sympathisches Understatement. Die Ausstellung in der Galerie »Ganghof« ist bis 21. November von Mittwoch bis Freitag jeweils von 17 bis 19 Uhr geöffnet. Am Donnerstag, 13. November, findet dort mit dem Künstler um 18 Uhr ein »Treff im Ganghof« zum Thema »Das Phantastische in der Kunst« statt.

  • Maler Stefan Birkel (l.) erklärt die Geschichten hinter seinen Bildern. (Fotos: Mergenthal)
  • Ausschnitt aus einer neuen Zeichnung mit dem Minotaurus in der Schellenberger Ache.

Als Galerieinhaber Peter Karger Birkel vor einigen Wochen an die geplante Ausstellung erinnerte, meinte der Reichenhaller Maler, einer der wenigen, der von seiner Kunst leben kann, er habe derzeit kaum Bilder dafür verfügbar. Auf dringende Bitte von Karger, der ihm eigens eine Druckerpresse vorbei brachte, erstellte er eine Neuauflage seiner poetisch-zauberhaften Drahtdrucke aus den 90er-Jahren. Drei Miniaturen in historischen Rahmen und eine Zeichnung entstanden erst in den Wochen vor der Ausstellung. Das noch unfertige Bild »Jazz der Welt«, das anhand der bunten, wuselnden Szenerie des Jazzfestivals in New Orleans die Ursprünge des Jazz dokumentiert, gibt einen interessanten Einblick in den Prozess der Bildkomposition. Für die großformatige Auftragsarbeit für einen amerikanischen Sammler realistischer Kunst mit etwa 200 Figuren im fertigen Bild rechnet Birkel mit rund zwei Jahren Arbeitsaufwand.

Lokale Kunstpreise und noch viel mehr

1966 in Bad Reichenhall geboren, gewann Stefan Birkel noch während der Schulzeit erste lokale Kunstpreise, was sich verstärkt in den letzten Jahren mit dem Euregio-Kunstpreis, dem ersten Preis beim Symposion »Salz der Heimat« sowie Preisen bei den ExTempores in Ramsau fortsetzte. Unbeirrt und unabhängig ging er seinen eigenen Weg, was auch seine Werke in der Galerie »Ganghof« widerspiegeln. Geistig verwandt scheint er sich mit dem »Phantastischen Realismus« zu fühlen, von dem Ludwig Valentin Angerer (»Angerer der Ältere«), Bruder seines Graphik-Lehrers Walter Angerer d. Jüngeren, ein herausragender Vertreter ist.

Der Minotaurus und die Waschmaschine

Neugierig, offen und verspielt wie ein Kind, ausdauernd, direkt und vorwärts drängend wie ein Forscher, akribisch in der kompositorischen und künstlerisch-handwerklichen Umsetzung wie ein Rembrandt, Dürer oder Van Gogh – das ist Stefan Birkel. Er findet es »zauberhaft«, mythologische Figuren in die moderne Welt zu bringen. Frech hockt bei seinen Drahtdrucken der Faun auf dem Fernseher oder der Minotaurus auf der Waschmaschine. Birkel erstellte dafür eine Zeichnung, die alles auf eine Linie reduziert, und fertigte ein horizontales Drahtgestell an. Die Schatten sind durch einen dickeren Draht markiert. Bei einem zweiten Druckvorgang mit einer anderen Farbe bringt er den Abdruck leicht verschoben ein zweites Mal aufs Blatt und erzeugt reizvolle Unschärfe. Auf umgekehrte Weise spielt Birkel mit um die Figuren gelegten Konturlinien, die einen 3-D-Effekt erzeugen, in Gemälden und Farbdrucken mit der Wahrnehmung.

Mit großformatigen, zeitaufwendigen Bildern, die ihn an die Grenzen seiner Möglichkeiten bringen, arbeitete er ab Ende der 90er-Jahre daran, ein Zeichen gegen die allgemeine inflationäre Kunstproduktion zu setzen. Eines davon aus einer Serie über Gewalt und Sexualität zeigt, wie aus Langeweile Jugendkriminalität entsteht. Trotz dieses »negativen« Themas ist es voller Ästhetik und Kraft. Immer wieder beschäftigte Birkel das menschliche Gesicht, wie die hier zu gestauchten und gedrehten Mehrkantbändern verfremdeten Jugendlichen-Gesichter, ein naturalistisches Bleistift-Porträt eines Pidinger Philosophie-Studenten und Bilder aus einem Zyklus über das Lachen zeigen.

Watzmann-Zacken wie Brüste

Seine skurrilen Einfälle und Details machen beim Betrachten Vergnügen. Da spielt ein Mädchen auf dem Reichenhaller Florianiplatz mit einem Feuerwehrauto. Eine nackte Frau mit Nagel-Bergstiefeln packt beim Bild »Watzmannbesteigung« die Zacken wie Brüste, während ein zusammengequetschter Mann ähnlich wie Atlas das Bergmassiv trägt. Bei einer neuen Zeichnung mit dem Marktschellenberger Wachturm durchschreitet Minotaurus mit Rucksack auf Stelzen die Ache. Auf der Mauer vor der Straße hocken zwei Menschen. Winkt die eine der Sagengestalt?

Die dezent farbigen Figuren sind ein witziger Akzent in der Bleistiftzeichnung. Eine neue Version von »Auf da Alm, da gibt’s koa Sünd« ist die Miniatur »Lie Last mit der Lust«: Vor dem Watzmann-Massiv schleppt ein Bauer sonderbar schweres Heu auf dem Rücken. Er trägt das Liebesnest der Sennerin und des Minotaurus. Auch hier ein Spiel für die Augen: Wer nur flüchtig hinschaut, meint, das Stierwesen habe unten zwei weitere Beine.

Außerhalb der Öffnungszeiten ist die Ausstellung nach telefonischer Vereinbarung unter 08652/62447 zu besichtigen. Veronika Mergenthal

Quelle: Berchtesgadener Anzeiger

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