weather-image
18°
»Respectable Ground«: Mitreißender Crossover in spannender Instrumentierung im k1-Studio

Kesser Tastenanschlag mit akzentuiertem »Kling«

Ungebremstes Vergnügen, mit grenzüberschreitendem Crossover und drei großartig harmonierenden Musikern, hatten die Gäste im mit Bistro-Tischchen besetzten k1-Studio in Traunreut. Thomas Hartmann (Klavier), Georg Karger (Kontrabass) und Anno Kesting (Vibrafon, Schlagzeug, Percussion) hatten mit ihrer Genres übergreifenden Musik tief in die Trickkiste gegriffen und wohlbekannte Werke berühmter Komponisten wie Bach, Mozart oder Satie in neuem, buntem Gewand zu spannenden, musikalischen Hörgenüssen gemacht: »Respectable Ground«.

»Respectable Ground« – erstklassiger Sound: Thomas Hartmann (Klavier), Georg Karger (Kontrabass) und Anno Kesting (Vibrafon, Schlagzeug und Schreibmaschine) ließen verschiedene Musikgenres miteinander verschmelzen. (Foto: Benekam)

Respekt, so Hartmann, der eingangs den Titel des Programms erklärte, gebühre den Komponisten, aus denen ihre neuen Arrangements und Neukompositionen inspiriert sind. Eine tiefe, demutsvolle Verbeugung seitens der Musiker war dann auch den einzelnen verjazzten Nummern anzuhören, um deren »Ground« (gleichbleibende Basslinie) herum aufregende, neue musikalische Blüten schillerten. Ein wenig erinnerten die drei Musiker auch an Kinder, die in ihrem kreativen Spiel Grenzen suchen, um sie zu überschreiten und an jeder Überschreitung neue Ideen für immer neue Variationen finden.

Anzeige

Perfekter Opener war der John-Dowland-Klassiker »Flow my tears«: Der gezupfte Kontrabass und die mit einem Geigenbogen gestrichenen Metallplatten des Vibrafons produzierten einen sphärischen Klang, um den herum sich schließlich Dowlands musikalischer Grundgedanke entspann und mit neuen Variationen gefiel. Auch Miles Davis’ Nummer »All blues« steht das Vibrafon sehr gut: Es setzt mit seinem kalten, metallenen Klang klare Akzente und liefert einen schönen Kontrast zum erdenden Basssound.

Dass Mozart crossover-tauglich ist und experimentell schräg daherkommen kann, konnten die begeisterten Zuhörer in Uri Caines Fassung »Rondo à la Turk« hören. Hartmann griff ins Innere des Flügels und zupfte die Saiten, Kesting agierte am Schlagzeug zunächst gewollt zurückhaltend, um sich dann zunehmend invasiv in die Nummer einzumischen. Zusammen mit dem Kontrabass entstand ein aufregendes Klangpotpourri, aus dem sich Mozarts bekannter »Türkischer Marsch« herausschälte und verjazzt weitergespielt in fast manischer Wut im Thema intensiviert wurde. Mozart wäre wohl begeistert gewesen – die k1 Zuhörer waren es!

Genauso wie von Charles Mingus »Fables of Faubus«, eine Nummer mit brandaktuellem politischen Hintergrund: Mingus setzte mit seiner Komposition 1957 dem rassistischen Gouverneur Faubus ein verhöhnendes Denkmal, weil dieser versucht hatte, farbigen Kindern den Schulbesuch zu verbieten. Eine Nummer, die heute mit ihrem traurigen Hintergrund besonders laut und oft gespielt werden sollte.

Im Anschluss gab es eine ansprechende Verquickung von Klassik und Blues: Thomas Hartmann spielte in beeindruckender Blues-Bearbeitung Rachmaninoffs »Prelude«: tiefsinnig, berührend und hoch anspruchsvoll. Attribute, die auch für Erik Saties »Gymnopedie« gelten, die in der Besetzung mit Vibrafon, Klavier und Kontrabass fantastisch umgesetzt wurde.

Vergnüglicher Höhepunkt des Abends war sicherlich das wohl beliebteste Solokonzert des 20. Jahrhunderts. Eigens von Leroy Anderson in den 80er Jahren für das Boston Sinfonie Orchester komponiert, wurde »The Typewriter« durch die ARD-Kultserie »Büro Büro« zum Ohrwurm. Das »Solo für Schreibmaschine und Orchester«, grandios von Anno Kesting auf einer Schreibmaschine mit kessem Tastenanschlag und akzentuiertem »Kling« am Ende des Satzes getippt, und in bester Begleitung vom »Orchesterchen« (Hartmann und Karger), gab dem Konzert die komische Note, den gehaltvollen Witz.

Auch die brillanten Soli aller drei Musiker verdienen das Gütesiegel der Extraklasse. Georg Karger, immer ein entspanntes Lächeln auf den Lippen, gab ein vertontes Gedicht von Wilhelm Busch zum Besten und Anno Kesting eine Jazzkomposition von Mark Glentworth am Vibrafon. Bei dem Konzert stimmte einfach alles, sogar der »Flintstones Song«, der dann für tosenden Applaus mit Füßestampfen sorgte. Nach zwei Zugaben verabschiedete sich das Trio, welches in dieser Besetzung übrigens zum ersten Mal auf der Bühne stand. Respekt! Kirsten Benekam