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Das »Moscow Stanislavsky Ballet« virtuos bei Münchens »BallettFestwoche 2017«

Ungezügelte Leidenschaft

Die Sorge des Dramaturgen war unberechtigt. Das formidable »Moscow Stanislavsky Ballet«, das sein Ex-Chef und jetzige Münchner Ballettdirektor Igor Zelensky für ein nur einmal wiederholtes BallettFestwochen-Gastspiel 2017 nach München holte, verfügt mit Leichtigkeit über die, für Kenneth MacMillans Handlungsballett »Mayerling« nötigen, »mindestens fünf große Ballerinen«.

Kronprinz Rudolf (Sergei Polunin) mit drei seiner »mindestens fünf großen Ballerinen« (Anastasia Pershenkova, Anastasia Limenko und Ksenia Shevtcova) vor dem Schlussvorhang von »Mayerling«. (Foto: Gärtner)

Der vom Publikum unbemerkt gebliebene Bühnenunfall Natalia Somovas am ersten Abend konnte mit dem beherzten Einspringen Ksenia Shevtcovas fürs makabre Schluss-Bild überspielt werden. Die schlaksige, energische Shevtcova war denn auch der heftig gefeierte, weibliche Star der zweiten Aufführung. Sie tanzte die 17-jährige Mary Vetsera so locker und selbstverständlich, als ob sie wochenlang allein für diese Rolle gearbeitet hätte.

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Mary Vetsera? Wer sich in der Geschichte der Habsburger Monarchie zu Zeiten Kaiser Franz Josephs I. einigermaßen auskennt, weiß: So hieß die blutjunge Geliebte des komplizierten, selbstzerstörerischen Womanizers namens Rudolf, der auf Schloss Mayerling jenen aufsehenerregenden Doppelmord begangen hatte: Zuerst erschoss er Mary, dann sich selbst. In zwei nachtdunkle Friedhofs-Bilder (»Heiligenkreuz vor Sonnenaufgang«) gerahmt, erlebte ein staunendes, mit Beifall nicht geizendes BallettFestwochen-Publikum drei Akte lang die vom hochrühmlichen Ensemble des Stanislawski- und Nemirowitsch-Danchenko-Musiktheaters Moskau hinreißend getanzten, von Nicholas Georgiadis opulent ausgestatteten, letzten Episoden im Leben des exzentrischen 31-jährigen Kronprinzen, des einzigen (ungeliebten) Sohns Franz Josephs und seiner legendären Gattin Elisabeth (»Sisi«).

So steif und abweisend sich das Herrscherpaar gab – Kaiser-Schwarm Katharina Schratt hatte einen Gesangs-Auftritt, für den Heike Grötzinger zu Recht kurz applaudiert wurde –, so unbändig gab sich der rebellische, hochintellektuelle, aber zügellos in seine unerwiderten Leidenschaften verstrickte, Thronerbe Rudolf. Ihm lieh der am Ende von zahlreichen weiblichen Fans am Bühnenausgang in Beschlag genommene Superstar Sergei Polunin seine tänzerisch exzessiven Künste. Luftsprünge und Verrenkungen, Bodenkriechen und ein selbstbefriedigend- ausfälliges Spiel mit Totenkopf und Revolver beherrschte der sich ungebremst bis ins Letzte verausgabende Polunin virtuos. Er wurde mehrmals vor den Vorhang gerufen.

Auch den Dirigenten Timur Zangiev feierte man. Mit jugendlichem Elan forderte er dem Bayerischen Staatsorchester die von John Lanchbery arrangierten Ausschnitte aus dem Klavier- und Orchesterwerk Franz Liszts ab. Der Ungar schenkte MacMillans, 1978 in London uraufgeführtem, Ballett exakt die richtigen musikdramatischen Illustrations-Momente, die den Kronprinzen Rudolf mehr leidenschaftlich-draufgängerisch als hingebungsvoll liebend zu charakterisieren vermögen. Hans Gärtner