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Foto: David Ebener/dpa-Archivbild

Hat Rentner Drogen bestellt und gelagert? – Viele Zufälle: Haschisch und Kokain im Küchenschrank

Bad Reichenhall/Laufen – Der 59-jährige Kurstädter beschrieb sich selbst als technikbegeistert und Internet-affin. Doch die 1000 Gramm Haschisch will er nie via Darknet bestellt haben. Und die Drogen im Küchenschrank? Die habe er für einen »alten Bekannten« aufbewahrt. Vor dem Laufener Schöffengericht ließ sich am Ende nur dieser »Besitz« nachweisen, nicht aber ein Handeltreiben. Der Frührentner hat deswegen 6000 Euro Strafe zu zahlen. 


Das Kilo Haschisch war auf den Namen des Angeklagten auf einer Darknet-Markt-Plattform bestellt worden. Zur Auslieferung war es nicht gekommen, denn am selben Tag waren die Betreiber der Plattform verhaftet worden. Und doch war fast zwei Jahre später die Wohnung des 59-Jährigen durchsucht worden. Im Küchenschrank hatte der Kurstädter zehn Gramm Haschisch und 3,6 Gramm Kokain aufbewahrt. Doch mit beidem wollte der Mann nichts zu tun haben. »Ich habe definitiv keine Drogen bestellt«, beteuerte er im Gerichtssaal, »es könnte jeder getan haben.« Denn Pakete würden in dem Mehrfamilienhaus im frei zugänglichen Flur abgestellt. Die freiwillig herausgegebenen Betäubungsmittel habe er lediglich aufbewahrt. »Ein alter Bekannter wollte mit Freunden feiern. Weil der aber schwer süchtig ist, hat er mich gebeten, sie zu deponieren, denn sonst wären sie schon vor dem Fest weg gewesen.«

»Wie heißt der Mann?«, wollte Vorsitzender Richter Martin Forster wissen. Als der Angeklagte erwiderte »sag ich nicht«, machte Forster deutlich: »Das nährt den Verdacht: Diesen Bekannten gibt es nicht.« Doch, beteuerte der Angeklagte, nur sei der inzwischen verstorben und dessen Hinterbliebene hätten schon genug mitgemacht.

In dem Verfahren gab es weitere Fragezeichen. So war zunächst eine Haarprobe nicht möglich gewesen, weil die nur wenige Millimeter lang gewesen waren. Ein später abgeschnittenes Haarbüschel erwies sich als nicht ausreichend für die Bewertung von Drogenkonsum. Für die Ermittler mysteriös waren auch diverse Geldflüsse auf sechs Konten, darunter jenes, des bereits verstorbenen Vaters sowie in Kryptowährungen. Ein Mitarbeiter der Kripo Traunstein bezifferte die monatliche Unterdeckung auf 1000 bis 2000 Euro. Weil es relativ wenig Abbuchungen gegeben habe, müsse weiteres Bargeld vorhanden gewesen sein. Wenn Abbuchungen, dann seien die unter der Geldwäsche-Grenze von 10.000 Euro gewesen.

Speichermedien in der Wohnung des Angeklagten waren nur kurz in Augenschein genommen worden, hatten aber keine Hinweise auf ein Handeltreiben mit Drogen aufgezeigt. Der Kurstädter, der weder in Deutschland noch in Österreich vorbestraft ist, erklärte seine finanzielle Flexibilität mit einer großen Erbschaft.

An »die ganzen Zufälle« wollte Staatsanwalt Thomas Putschbach nicht glauben, allerdings mochte er sich nicht vorstellen, dass der »nicht dumme« Angeklagte ein Kilo Haschisch auf seinen eigenen Namen bestellen würde, weshalb nur der unerlaubte Besitz nachzuweisen sei. Hierfür sollte der Reichenhaller 180 Tagessätze zu je 40 Euro zahlen.

»Ich glaube ihm, dass er keine Drogen nimmt«, erklärte Rechtsanwalt Udo Krause. Im Übrigen sei es ein bekannter Trick, auf anderen Namen zu bestellen, und in diesem Fall wüssten viele, dass Pakete im Hausflur leicht zugänglich seien. Daher Freispruch in dieser Sache. Lediglich den Besitz müsse sich sein Mandant ankreiden lassen. »Ich meine, dafür sind 80 Tagessätze zu je 40 Euro ausreichend«, so der Verteidiger. Diese Aufbewahrung bezeichnete der Angeklagte selbst als Fehler, »wenngleich mit gutem Willen«.

Dem Teilfreispruch schlossen sich die drei Richter an; der unerlaubte Besitz kostet den Frührentner 150 Tagessätze á 40 Euro. Martin Forster verwies auf den Bundesgerichtshof, wonach eine Bestellung für eine Verurteilung nicht ausreiche. Es müssten weitere deutliche Hinweise auf Datenträger oder Kontobewegungen hinzukommen. Der Vorsitzende würdigte das kooperative Verhalten des Mannes bei der Hausdurchsuchung. Die drei Betreiber der Verkaufsplattform wurden inzwischen zu Haftstrafen von eineinhalb, fünfdreiviertel und sechsdreiviertel Jahren verurteilt.

Hannes Höfer