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2016: Besonders belastendes Einsatzjahr mit sechs Toten und 80 Einsätzen

Stefan Strecker ist neuer Leiter der Reichenhaller Bergwacht

2016 war ein besonders belastendes Einsatzjahr mit sechs Toten und 80 Einsätzen. Urs Strozynski ist neuer Stellvertreter und es gab das silberne Stadtsiegel für Burgers außergewöhnliche Verdienste rund um den Neubau der Bergrettungswache.

Dr. Klaus Burger (rechts), sein Nachfolger Stefan Strecker (links) und Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner (zweiter von links) gratulieren Fritz Eberlein zu 60 und Urs Strozynski (von links) zu 25 Jahren aktiven Bergwachtdienst.

Bad Reichenhall (ml) – Sein bisheriger Stellvertreter Stefan Strecker löst Dr. Klaus Burger nach sechs Jahren als Bereitschaftsleiter der Reichenhaller Bergwacht ab; neuer Stellvertreter ist Urs Strozynski, der vor Burgers Amtszeit bereits Leiter der Bergwacht war, aber aufgrund der damaligen Perspektivenlosigkeit auf der Suche nach einer neuen Unterkunft im März 2011 zurückgetreten war und damit ein Zeichen gesetzt hatte. Die ehrenamtliche Rettungsorganisation berichtete auf ihrer Jahreshauptversammlung am vergangenen Freitag von einem arbeitsreichen und auch sehr belastenden Jahr mit 80 Einsätzen und sechs Bergtoten. Zahlreiche Ehrengäste und Bergwacht-Kameraden lobten Burger für seine außergewöhnlichen Führungsqualitäten und Verdienste, vor allem um den Neubau der Bergrettungswache, darunter auch Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner, der ihm als Anerkennung das seltene Reichenhaller Stadtsiegel in Silber verlieh.

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Die aktive Mannschaft dankte dem scheidenden Bereitschaftsleiter Dr. Klaus Burger für seine außergewöhnlichen Leistungen und lobte den bisherigen Stellvertreter und Nachfolger Stefan Strecker für seinen unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz für die Reichenhaller Bergwacht und als Leiter der Lawinenhundestaffel. Für beide gab es Geschenkkörbe; für den fanatischen Kletterer Burger ein neues Seil und für Streckers Einsatzhund Zabo einen großen Sack voll Futter.

Zeit des Übergangs
Aktuell ist die Reichenhaller Bergwacht mit 75 Mitgliedern personell sehr gut aufgestellt und auch gut mit Fahrzeugen und Ausrüstung ausgestattet und dementsprechend motiviert – der Neubau der Bergrettungswache hatte seit 2012 für eine sehr gute Stimmung gesorgt und auch viele junge Leute motiviert, aktiv mitzumachen. Die Zahl der aktiven Einsatzkräfte ist von 41 auf 48 angewachsen, davon sind zwölf ausgebildete Einsatzleiter, 18 Flugretter, sieben Anwärter, drei Hundeführer, zwei Canyon-Retter, zwei weitere in Ausbildung, und ein Fachberater Krisenintervention (KID). Der neue Bereitschaftsleiter Stefan Strecker sieht die kommenden vier Jahre geprägt von Leistungsbereitschaft und Kameradschaft als eine Zeit des Übergangs in der Bergwacht, in der jüngere Leute an der Seite erfahrener Kameraden für zukünftige Leitungsfunktionen vorbereitet werden sollen: „Wir wollen mit dem hohen Potential der Jungen arbeiten und sie für zukünftige Ämter einarbeiten.“ Strecker und der scheidende Bereitschaftsleiter Dr. Klaus Burger lobten die vielen, oft öffentlich kaum wahrgenommenen Ämter im Hintergrund, ohne die der Dienstbetrieb und die Instandhaltung der Rettungswache nicht funktionieren würden. Anwärter-Ausbilderin Monika Assmann übergibt ihr Amt 2017 aus beruflichen Gründen an ihren Nachfolger Freek Wolters, der weiterhin durch sehr engagierte Ausbilder wie Christoph Trübenbacher und Markus Furtner tatkräftig unterstützt wird. Stefan Strecker nahm bei der Jahreshauptversammlung Dr. Dinah Fräßle-Fuchs nach komplett absolvierter Anwärter-Ausbildung als jüngste Bergwachtfrau in die Bereitschaft auf.



Bisher keine zusätzlichen Garagen
Neben der Einführung des neuen Digitalfunks hat die Reichenhaller Bergwacht 2016 die persönliche Schutzausrüstung und Bekleidung ihrer aktiven Einsatzkräfte modernisiert, darunter mit Leicht-Steigeisen, Jacken, Steinschlaghelmen, Trinkflaschen und medizinischer Notfallausrüstung wie Wärmewesten, wobei erstmals auch aufgrund der hohen Anschaffungskosten ein Sponsoring-Projekt mit einer Hersteller-Firma gestartet wurde. Der Neubau von zusätzlichen Garagen zur Unterbringung weiterer Fahrzeuge und Ausrüstung für die Bergwacht-Region und die Bereitschaft Bad Reichenhall hat in Burgers Amtsperiode trotz erteilter Baugenehmigung nicht mehr geklappt und fordert nun seinen Nachfolger Stefan Strecker. Knackpunkt ist ein von der Stadtverwaltung geforderter Haftungsausschluss für Sach- und Personenschäden angesichts einer Baumwurfzone, in der das Bauwerk stehen soll, die der komplett ehrenamtliche Bereitschaftsleiter unterzeichnen soll, aber als Freiwilliger nicht persönlich für alle möglichen Risiken privat haften kann und will. Strecker ist zuversichtlich, dass sich in den kommenden Wochen eine für alle annehmbare Lösung abzeichnen wird, da der zusätzliche Platz beispielsweise für die Wartung der alpinen Digitalfunk-Masten, für die die Bergwacht verantwortlich zeichnet, dringend benötigt wird. „Von der Funktionsfähigkeit dieser Digitalfunk-Masten sind der gesamte Rettungsdienst, die Polizei und die Feuerwehren abhängig. Eine baldige Lösung der Garagenproblematik dient der Sicherheit aller Bewohner und Touristen in Bad Reichenhall und im gesamten Landkreis“, betont Bergwacht-Pressesprecher Marcus Goebel.

80 Einsätze und sechs Bergtote
„Langweilig war es nicht!“, meinte der neue stellvertretende Bereitschaftsleiter Urs Strozynski in seinem Rückblick auf das Einsatzjahr. 2016 war für die Reichenhaller Bergwacht mit sechs Bergtoten und 80 Einsätzen nicht nur arbeitsreich, sondern auch sehr belastend, wobei schon im April und Mai sehr schwere Einsätze in kurzer Folge wie die nächtliche Rettung der drei Afghanen vom Fuderheuberg und insgesamt drei tödliche Abstürze am Hochstaufen und Fuderheuberg die ehrenamtlichen Bergretter ungewöhnlich intensiv forderten. „Wir helfen immer, ohne zu werten“, betonte Burger seit jeher angesichts manch kurioser Rettungen aus Bergnot, die durch vorausschauendes Verhalten der Bergsteiger durchaus vermeidbar gewesen wären. Strozynski berichtete eindrucksvoll mit Bildern und Erzählungen vom sehr breiten Einsatzspektrum mit aufwendigen Vermissten-Suchen, der Rettung eines notgelandeten Gleitschirm-Piloten vom Bürgleck, der nächtlichen Rettung von drei blockierten Kletterern in den Nordwänden der Reiter Alpe, zahlreichen Rettungen aus unwegsamen Gelände, internistischen Notfällen und verletzten und abgestürzten Bergsteigern, einem Quad-Unfall auf der Reiter Alpe, lebensgefährlichen Wespenstichen und dem Einsatz der heimischen Canyon-Retter beim Hochwasser in Niederbayern. Am meisten war wie immer in den Sommermonaten Juli (14) und August (14) los, wobei aufgrund der warmen Witterung und wegen des frühen Beginns der Wander-Saison bereits im April (9), Mai (10) und Juni (8) ungewöhnliche viele und auch schwere Einsätze mit Toten anfielen. Ein viertel der Einsätze fand mit Hubschrauber-Unterstützung statt. Die meisten Notfälle waren im Lattengebirge (23), gefolgt von Staufen, Zwiesel und Fuderheuberg (17), Teisenberg und Högl (13), Reiter Alpe (6), Unterjettenberg, Schneizlreuth und Jochberg (6), Taleinsätzen in Bad Reichenhall und Bayerisch Gmain (5), Untersberg (4), Hallthurm mit Götschen (3) und Müllnerberg mit Ristfeuchthorn (3).

Viele könnten sich eine Scheibe abschneiden
„Privat bin ich gerne allein in den Bergen unterwegs und schätze die Einsamkeit, aber in der Rettung geht ohne Team und Gemeinschaft nichts! Es war ein besonderes Glück in meinem Leben, die Reichenhaller Bergwacht führen zu dürfen; als Höhepunkt die Einweihung der neuen Rettungswache. Der Blick zurück auf die schwierigen Zeiten und das gemeinsam Erreichte gibt uns den notwendigen Zusammenhalt für zukünftige Herausforderungen und turbulente Zeiten“, sagte der scheidende Bereitschaftsleiter Dr. Klaus Burger, der seinem gesamten Team für die außerordentlich gute Zusammenarbeit dankte. Burger bleibt der Bergwacht weiterhin als Einsatzleiter und aktiver Bergretter erhalten. 2011 hatte er in einer für die Ehrenamtlichen perspektivenlosen Lage das Amt von seinem Vorgänger Urs Strozynski übernommen und mit sehr viel persönlichem Einsatz und Herzblut in einer Rekord-Zeit federführend den Neubau der dringend benötigten Bergrettungswache an der Reichenbachstraße realisiert. Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner überreichte ihm für die herausragende Leistung die seltene Auszeichnung des silbernen Stadtsiegels.

DAV-Vorsitzender Robert Kern, Lorenz Aschauer von der Bergwacht Teisendorf-Anger und Polizeichef Wilhelm Bertlein dankten Burger für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, wobei sich Bertlein zugleich als Dienststellenleiter von Bad Reichenhall verabschiedete: „Während meiner dreizehneinhalb Jahre hat es zwischen Bergwacht und Polizei nie gehakt; ich hab das super Klima zwischen den Organisationen sehr geschätzt!“ Burgers Nachfolger und bisheriger Stellvertreter Stefan Strecker, zugleich Leiter der Such- und Lawinenhundestaffel der Bergwacht Chiemgau lobte seinen Vorgänger für seinen diplomatischen Führungsstil mit Gleichgewicht, von dem sich viele eine Scheibe abschneiden könnten: „Du warst auch in sehr schwierigen Situationen für mich immer erschreckend besonnen und gelassen, allerdings sehr überlegt und extrem konsequent in der Umsetzung aller Pläne, dabei aber stets sehr bescheiden und nie vom Boden abgehoben. Man muss vor Dir den Hut ziehen!“

99 Fortbildungstermine
Ausbildungsleiter Martin Neubauer berichtete von den insgesamt 99 Aus- und Fortbildungsveranstaltungen im vergangenen Jahr. „Als ehrenamtliche Rettungsorganisation investieren wir ein Vielfaches der Zeit bei Einsätzen in Übungen, da wir im Gegensatz zu den Profis im Landrettungsdienst weniger Einsätze und Routine haben. Ein großer Übungswille gehört daher automatisch zu unserem Idealismus!“ 29 Ausbildungen führten die aktiven Einsatzkräfte durch, 32 weitere die Anwärter, 17 die Hundestaffel, elf die Canyon-Retter, fünf die Krisenberater, drei Übungen fanden am Hubschrauber-Simulator in Bad Tölz statt, eine mit einem echten Hubschrauber am Berg und eine Fortbildung für die Einsatzleiter.

Fritz Eberlein & Urs Strozynski geehrt
Dr. Klaus Burger und sein Nachfolger Stefan Strecker zeichneten Bergwacht-Urgestein Fritz Eberlein für 60 und den neuen stellvertretenden Bereitschaftsleiter Urs Strozynski für 25 aktive Dienstjahre in der Bergwacht aus. Strecker lobte Strozynski als echten Kameraden, dem er bedingungslos vertrauen kann und Eberlein mit seiner Zuverlässigkeit und außergewöhnlichen Ortskenntnissen als sehr wichtige Einsatzkraft: „Fritz, Du bist für mich ein echtes Vorbild in Haltung und Pflichterfüllung!“ Eberlein dankte für die hohe Auszeichnung und brachte seine Wertschätzung für die erlebte besondere Kameradschaft in der Bergwacht zum Ausdruck, die ihn bei all seinen Krankheiten wieder auf die Füße gebracht hatte. Er erzählte, wie die Bergwacht ihm beispielsweise sein ganzes Brennholz aus dem Wald geholt und nach Hause gebracht hatte, als er selbst dazu gerade nicht in der Lage war.

Kein kostenloser Gebäude-Service mehr: Defizit von bis zu 10 000 Euro erwartet
Kassenwart Werner Thaler muss ehrenamtlich mit der Reichenhaller Bergwacht mittlerweile ein mittelständisches Unternehmen managen: Rund 52 500 Euro an Einnahmen standen 2016 rund 55 000 Euro an Ausgaben gegenüber, wobei nur ein Drittel der Einnahmen aus Benutzungsentgelten für die geleisteten Einsätze besteht; beim Rest ist die Bergwacht auf öffentliche Zuwendungen und Spenden angewiesen. 38 Prozent der Ausgaben fielen für Ausrüstung an, 15 Prozent für die Gebäude, zwölf Prozent für die Fahrzeuge, zehn Prozent für Versicherungen, acht Prozent für Instandhaltung, fünf Prozent für medizinischen Bedarf und jeweils drei Prozent für Ausbildung, Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Soziales und Verwaltung und EDV. 2016 fiel der bisher völlig kostenlose Winter-, Gartenpflege- und Reinigungsdienst durch die Firma Schöndorfer weg, weshalb Thaler für 2017 ohne den geplanten Garagenbau ein Defizit von 8 000 bis 10 000 Euro erwartet. Damit ist die Bergwacht heuer noch mehr auf Spenden und Unterstützung angewiesen.

Text und Fotos: Leitner, BRK BGL