weather-image

30 Jahre Umweltpraktikum im Nationalpark Berchtesgaden

2.3
2.3
Bildtext einblenden
Andrea Heiß leitet die Umweltbildung im Nationalpark Berchtesgaden und war selbst mal Praktikantin. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Berchtesgaden – Der Nationalpark Berchtesgaden feiert ein besonderes Jubiläum: 30 Jahre Umweltpraktikum. Die Kooperation mit der Commerzbank ist mehrfach als UN-Dekaden-Projekt ausgezeichnet worden. Seit diesem Jahr übernehmen die Praktikanten des Nationalparks die Verantwortung für die neuen mobilen Stände, die Besucher an Hotspots aufklären sollen.


Andrea Heiß, Leiterin Sachgebiet Umweltbildung, und Sabine Aschauer, Leiterin Praktikantenbetreuung im Nationalpark, haben selbst als Umweltpraktikanten begonnen, wie sie im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« berichten.

Anzeige

Die Leidenschaft für Natur und Umwelt war bei Andrea Heiß seit Klein auf Teil ihres Lebens. Die studierte Landschaftsökologin arbeitet seit über 20 Jahren im Nationalpark Berchtesgaden und betreut dort vor allem Jugendliche – 50 Prozent aus der Region, 50 Prozent von außerhalb.

Die meisten kommen in Schülergruppen, wenn gerade keine Pandemie weite Teile des Angebots lahmlegt. »Es gibt viele Kinder, die Nationalparks häufig nur mit dem Ausland in Verbindung bringen«, sagt sie. »Wenn die jungen Leute dann bei uns zu Besuch sind, können sie sich ein eigenes Bild von der Gegend machen, die Natur persönlich kennenlernen.«

Kind hält Murmeltier für Gorilla

Als Aufklärung sei dies besonders wichtig, sagt Sabine Aschauer, die als Praktikantenbetreuerin auf zahlreiche Anekdoten zurückblicken kann: Als Kinder mit einem Murmeltier konfrontiert waren, fiel die Antwort, um welche Tierart es sich handeln könnte, auf den Bär oder das Streifenhörnchen. Ein Kind sagte: »Das ist ein Gorilla.« Aber Aschauer fügt hinzu: »Die meisten kennen sich gut aus.« Für Umweltpraktikanten ist der Sachverhalt um die Zuordnung eines Murmeltieres in der Regel bereits geklärt. Seit Start des Projektes gab es über 80 Studierende, die mindestens drei Monate im Nationalpark praktizierten.

In einem durchschnittlichen Jahr betreuen Praktikanten rund 1 500 Besucher, 80 Prozent davon sind Schüler. Das sind mehr als zehn Prozent aller Gäste, die im Gelände geführt werden, weiß Andrea Heiß. Die Leiterin der Umweltbildung hat mal nachgerechnet: Summiert man die Arbeitszeit aller Praktikanten, kommt man auf eine Vollzeitstelle über einen Zeitraum von 37 Jahren.

»Die Umweltbildung lebt vom Personal und dem Bildungsgedanken.« Praktikanten seien im Nationalpark Berchtesgaden auch deshalb so wichtig, weil sie unvoreingenommen neue Ideen mitbringen. Viele davon seien am Ende verwirklicht worden und hätten dem Nationalpark einen Mehrwert gebracht.

Kindgerechte Inhalte für das Nationalparkhaus

So war das ehemalige Nationalparkhaus vor allem für Erwachsene gestaltet worden. Eine Sommersaison lang kümmerten sich die Studierenden darum, kindgerechte Inhalte zusammenzustellen, die am Ende in einem Kinderareal verwirklicht wurden. Im Nationalparkzentrum, dem »Haus der Berge« in Berchtesgaden, wurden Indoor-Programme von Studenten begleitet. Praktikanten gestalteten Wechselausstellungen und waren in Filmprojekte involviert. Vor zwei Jahren gewannen sie damit einen bayernweiten Jugendfilmwettbewerb.

Im Laufe der Jahre sei die Digitalisierung in den Nationalpark eingezogen. Hinzu kommt die zunehmende Bedeutung digitaler Kanäle, über die der Kontakt zu Kindern und Jugendlichen besser gehalten werden könne. Insofern, sagt Andrea Heiß, habe die Digitalisierung deutlich an Stellenwert gewonnen, zumal in Pandemie-Zeiten häufig der persönliche Kontakt fehlt.

»Natürlich sind wir vor allem draußen unterwegs, darauf liegt auch unser Hauptaugenmerk«, so Heiß. Während der Sommermonate, geprägt von der Corona-Pandemie, habe der Urlaub im eigenen Land an Bedeutung gewonnen. »Wir hatten enorme Besucherzahlen«, sagt Heiß.

Illegales Campen und Drohnenflüge

Nicht alle wussten sich richtig zu verhalten: Illegales Campen, Drohnenflüge, zahlreiche Lagerfeuer und die Erkundung von schwierig zugänglichen Hotspots zu Fotozwecken hätten den Rangern des Nationalparks oftmals Kopfschmerzen bereitet (wir berichteten). »Der Stellenwert der Umweltbildung ist deshalb wichtig«, sagt Heiß.

Für die Nationalpark-Mitarbeiterin ist es als großer Erfolg zu werten, dass die mobilen Stände, die es seit Juli gibt und die von Praktikanten betrieben werden, auf große Resonanz stoßen. Weil eine Teilnahme an Umweltprogrammen für Besucher oft unmöglich waren, entschieden sich die Verantwortlichen des Nationalparks, mobile Einheiten aufzubauen, die im Freien Information leisten.

An ausgewählten Orten des Nationalparks, wo die Frequenz besonders hoch ist, informieren seitdem Umweltpraktikanten über alle Belange. Über 4 000 Besucher wurden auf diese Weise bislang sensibilisiert, heißt es aus dem Nationalpark – das sind so viele Besucher, wie sonst in einem gewöhnlichen Jahr am Wanderprogramm teilnehmen.

Umweltpraktikanten soll es auch in Zukunft geben, sagt Sabine Aschauer. Das Projekt wolle man fortsetzen und weiter ausbauen.

Bewerbung ab sofort möglich

30 Jahre nach dem Start sind jedes Jahr bundesweit rund 80 Praktikumsplätze in insgesamt 27 Schutzgebieten verfügbar, darunter 13 Nationalparks, sechs Naturparks und acht Biosphärenreservate. Im Jahr 2007/2008 erhielt die Ini-tiative eine Auszeichnung als UN-Dekade Projekt »Bildung für nachhaltige Entwicklung«, 2015/2016 folgte eine weitere Auszeichnung als UN-Dekade Projekt »Biologische Vielfalt«. Ein Umweltpraktikum dauert mindestens drei Monate. Die Praktikanten führen in Absprache mit dem Nationalpark Projekte zur Umweltbildung durch und unterstützen den Nationalpark bei der Öffentlichkeits- und Informationsarbeit.

Voraussetzung für die Bewerbung ist die Immatrikulation an einer Hochschule sowie gute Deutschkenntnisse in Wort und Schrift.

Bewerbungen für ein »Open Air-Semester« im Jahr 2021 sind ab sofort bis zum 15. Januar 2021 unter www.umweltpraktikum.com möglich.

Kilian Pfeiffer

Mehr aus Berchtesgaden