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Dr. Matthias Loretto forscht seit Sommer vergangenen Jahres im Nationalpark Berchtesgaden. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Aas für alle: Forschungsprojekt im Nationalpark soll Bedeutung von Kadavern aufzeigen

Berchtesgaden – Auf tote Tiere könnten Besucher des Nationalparks Berchtesgaden künftig häufiger stoßen. Der Schutzpark plant ein Aasökologieprojekt, informiert Biologe Dr. Matthias Loretto, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Ökosystemdynamik und Waldmanagement in Gebirgslandschaften an der TU München. Seit Sommer arbeitet er für den Nationalpark. Die Nützlichkeit von Totholz sei bereits gut erforscht. Bei Aas ist das noch nicht der Fall.


Im Nationalpark Berchtesgaden laufen derzeit die Planungen für ein Aasökologieprojekt. Was darf man sich darunter vorstellen?

Dr. Matthias Loretto: Vor etwa 20 Jahren startete eine intensive Forschung um das Thema Totholz im Wald. Die positiven Effekte von Totholz auf viele Tierarten sowie die Biodiversität im Allgemeinen haben sich vielfach bestätigt. Ähnlich wie Totholz ist auch Aas ein wesentlicher Bestandteil des Ökosystems. Viele Arten hängen davon ab. Aber während die Rolle von Totholz im Wald mittlerweile gut untersucht ist, gibt es im Bereich der Aasökologie erheblichen Forschungsbedarf. Um diese Wissenslücken zu schließen, wollen wir über die nächsten Jahre verschiedene Fragen untersuchen.

Etwa welche Auswirkungen die Häufigkeit von Aas auf die Populationsdichte und die Artenvielfalt von Aasfressern in einem bestimmten Gebiet hat. Oder finden sich zum Beispiel an Lawinenstrichen, an denen häufig Tiere zu Tode kommen, mehr Arten als an Plätzen, wo nur selten ein totes Tier zu finden ist? Geklärt werden soll auch die Frage, wie sich die Nutzung von Aas und die Abbauprozesse in verschiedenen Lebensräumen, Höhenstufen und zu unterschiedlichen Jahreszeiten unterscheiden.

Der Stand der Kadaverforschung sei vergleichbar mit den Anfängen der Totholzforschung, heißt es bereits in einem aktuellen Beitrag im Nationalpark-Magazin. Befindet sich das Forschungsfeld also noch in den Kinderschuhen?

Loretto: Richtig, die Aas-ökologie steckt tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Wie wichtig Kadaver als Nahrungsquelle für viele Tierarten aber auch als natürlicher Nährstoffeintrag sind, wird oft unterschätzt. Beispielsweise konnten im Nationalpark Bayerischer Wald über 90 Arten von Aaskäfern an toten Tieren gefunden werden. Auch für viele andere Arten und Gruppen ist Aas lebensnotwendig und daher wichtig für die Erhaltung der Biodiversität. Es sind aber noch viele Fragen offen.

Beim Totholz ist man sich über dessen Nützlichkeit bereits einig. Wie ist da der Stand der Dinge?

Loretto: Etwa ein Drittel aller im Wald lebenden Arten benötigt Totholz als Nahrungsquelle oder Lebensraum. Viele weitere Arten profitieren von Totholz, etwa als Unterschlupf während der Wintermonate. In Deutschland gibt es mehr als 1 300 Käfer- und über 8 000 Pilzarten, die nur an Totholz vorkommen. Totholz ist also eine Schlüsselgröße für die Artenvielfalt in Wäldern. Seit das erkannt ist, wird zunehmend Totholz in Wäldern belassen, da der Mensch durch die Nutzung über die Jahrhunderte die Totholzmengen auf etwa 10 bis 20 Prozent der natürlichen Mengen reduziert hat. Deshalb finden sich heute auch sehr viele der Totholzbewohner auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Neben der Bedeutung für die Artenvielfalt ist Totholz ein wichtiger Kohlenstoff- und Nährstoffspeicher. Zudem kann es die Verjüngung der Bäume beeinflussen. So finden junge Fichten in Bergwäldern auf Totholz bessere Wachstumsbedingungen als direkt am Boden, weil sie der Konkurrenz durch Gräser und andere Pflanzen ausgesetzt sind.

Tierkadaver liegen zu lassen, ist gesellschaftlich noch nicht akzeptiert und wird auch nicht praktiziert. Könnte sich das langfristig ändern?

Loretto: Ich denke schon, dass sich die gesellschaftliche Akzeptanz dafür ändern lässt. Es ist verständlich, dass sich die meisten Menschen vor toten Tieren ekeln. Das braucht sich auch nicht zu ändern. Wir würden aber gerne dahin gehen, dass wir mit unseren Erkenntnissen aus der Forschung über die Umweltbildung ein Bewusstsein dafür schaffen, dass tote Tiere Nahrungsgrundlage für andere Arten und ein wichtiger Nährstoffeintrag im Ökosystem sind. Auch wenn sich Menschen in Zukunft weiterhin vor Aas ekeln, wissen sie im Idealfall etwas mehr darüber, welche wichtige Rolle Aas im Ökosystem spielt. Wir schlagen nicht vor, dass Tiere geschossen und liegen gelassen werden sollen. Aber natürliches Fallwild oder auch Verkehrsopfer könnten zukünftig in der Natur verbleiben.

Gibt es vergleichbare Kadaverprojekte in anderen Nationalparken?

Loretto: Europaweit gibt es etwa eine Handvoll Studien zum Thema Aasökologie. In Deutschland ist da vor allem der Nationalpark Bayerischer Wald zu nennen. Wir sind mit den Kollegen im intensiven Austausch und planen, unsere Studien direkt zu vergleichen. Gerade der Alpenraum ist diesbezüglich noch kaum untersucht.

Bis wann sollen die Planungen des Aasökologieprojekts abgeschlossen sein?

Loretto: Wir wollen im Frühsommer beginnen, Aas auszulegen, beispielsweise Fallwild aus dem Straßenverkehr. Wir werden aber auch Untersuchungen an natürlichem Fallwild, zum Beispiel durch Lawinen, durchführen. Wir planen, dafür Fotofallen und Insektenfallen sowie Bodenproben für Pilze und Nährstoffgehalt einzusetzen. Zudem wollen wir Abstriche am toten Tier für Mikroorganismen nutzen.

Was erwarten Sie sich langfristig vom Aasökologieprojekt im Nationalpark Berchtesgaden?

Loretto: Als erstes werden wir herausfinden, welche Arten hier Aas nutzen und in welcher Häufigkeit diese Arten vorkommen. Das ist leicht vorhersehbar für größere Wirbeltiere, aber weitgehend unbekannt bei Insekten. Beides ist ein wichtiger Teil der Biodiversitätsforschung des Nationalparks. Vielleicht schaffen wir es auch, ähnlich wie für Totholz, in Zukunft Mindestmengen an Aas zu definieren, die für die Erhaltung der Biodiversität notwendig sind. Dadurch, dass wir Rehe, Hirsche und Co. nutzen, deren Bestände regulieren und diese Tiere auch oft Verkehrsunfällen zum Opfer fallen, entnehmen wir ständig der Natur eine wichtige Nahrungsquelle und Nährstoffe. Vielleicht reicht es ja schon aus, dass Fallwild aus dem Straßenverkehr zurück in die Natur anstatt in die Tierkörperverwertung gebracht wird, um einige Aasfresser-Arten zu unterstützen.

Über Matthias Loretto

Dr. Matthias Loretto ist Biologe und arbeitet seit Sommer vergangenen Jahres für den Nationalpark Berchtesgaden sowie die Technische Universität München.

Im Nationalpark ist es Lorettos Aufgabe, die Forschung an Wirbeltieren und im Bereich Aasökologie auszubauen, aber auch das Monitoring verschiedener Arten zu organisieren. Nach seinem Studium in Graz und Wien folgte die Doktorarbeit über Verhalten und Flugbewegungen von Kolkraben in den Alpen.

Danach startete ein Projekt im Yellowstone Nationalpark, wo Matthias Loretto untersuchte, wie Kolkraben Aas finden und ob sie dabei Wölfen oder Pumas folgen. »Durch das Aasprojekt im Nationalpark kann ich meine bisherigen Studien im Bereich Verhaltensbiologie und Tierwanderung perfekt mit der Forschung an Biodiversität und Ökosystemprozessen verbinden«, sagt er.

Kilian Pfeiffer

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