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Beitrag auf Instagram: Beim vorgestellten SS-Bierdeckel handelt es sich um eine Fälschung, wie die Dokumentation Obersalzberg nun mitteilte. (Screenshot: Kilian Pfeiffer)

Achtung, Fälschung: Angeblicher SS-Nazi-Bierdeckel ist nicht echt

Berchtesgaden – Ein Bierdeckel mit einer doppelten Siegrune, der aus der SS-Kaserne am Obersalzberg stammen soll, hat sich als Fälschung erwiesen, obwohl die Provenienz zunächst schlüssig schien. Die Dokumentation Obersalzberg hatte das Exponat auf dem eigenen Instagram-Kanal vorgestellt, nachdem sich der Bierdeckel schon einige Jahre im Besitz der Doku befunden hatte. »Achtung, Fälschung«, heißt es nun.


Immer wieder zeigt die Dokumentation Obersalzberg Exponate aus dem eigenen Archiv, zuletzt eine bronzene Hitler-Büste, die in der wegen Umbaus mittlerweile geschlossenen Ausstellung jahrelang als umstrittenes Objekt galt. Im ehemaligen Ausstellungsbereich über den »Führerkult« sollte die Büste zeigen, wie Hitler verehrt wurde.

Der SS-Bierdeckel hingegen war zu keinem Zeitpunkt Teil der Ausstellung und wurde bislang nicht eingehend analysiert. »Der Zeitpunkt der Prüfung von Objekten hängt von verschiedenen Kriterien ab, zum Beispiel, ob die Provenienz plausibel ist«, sagt Dr. Mathias Irlinger, Bildungsreferent der Dokumentation Obersalzberg. Objekte würden spätestens dann intensiv geprüft werden, »bevor wir sie in einer Ausstellung oder Publikation zeigen«. Die Recherchen dabei seien oft aufwendig. In Einzelfällen hatten die Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, unter dessen Dach die Dokumentation Obersalzberg läuft, Materialproben nehmen und in Laboren untersuchen lassen.

Vor einigen Jahren hatte eine Privatperson der Dokumentation den besagten Bierdeckel überlassen. Laut Aufdruck soll dieser aus der SS-Kaserne Obersalzberg kommen. Die Herkunft des Bierdeckels schien schlüssig. Der Bierdeckel stammte offensichtlich aus dem Berchtesgadener Talkessel, hatte auch einen Obersalzberg-Bezug. Auf Instagram veröffentlichte die Dokumentation das Bild des Bierdeckels, ergänzt wurde dieses durch einen einordnenden Text. »In diesem Fall war das Problem, dass der Bierdeckel noch nicht genau nachrecherchiert wurde«, sagen die Mitarbeiter der Dokumentation auf Nachfrage.

Kurz darauf sei ein Hinweis eines Bierdeckel-Sammlers eingegangen, der nach eigenen Angaben seit 35 Jahren dieses Hobby betreibt. Die Mitarbeiter der Dokumentation nahmen daraufhin mit ihm und anderen Experten Kontakt auf, etwa dem hiesigen Hofbrauhaus Berchtesgaden und einem Museum mit eigener Bierdeckelsammlung. Klarheit sollte geschaffen werden, ob es sich bei dem SS-Pappdeckel um ein Original handelt. Neben weiteren kleineren Indizien war das ausschlaggebende Kriterium einer Fälschung, dass der Hofbrauhaus-Aufdruck auf der Vorderseite in dieser Form erst ab den 1970er-Jahren in Gebrauch war. Die Bierdeckel des Hofbrauhauses der 1930er-Jahre sahen hingegen anders aus.

»Vermutlich wurde der Bierdeckel bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren gefälscht«, vermutet Irlinger. Von wem, darüber könne man nur mutmaßen. Fakt ist: Es sind wohl mehrere Untersetzer mit Obersalzberg- oder NS-Motiven und unterschiedlichen Brauereien im Umlauf gewesen. »Wir gehen davon aus, dass der Bierdeckel bereits andere Eigentümer hatte, bevor ihn die Privatperson uns überließ.«

Dass man nun offen über die Fehlinformation spricht und die bekannt gewordene Fälschung einräumt, gehört zur Arbeit eines Historikers. »Wir machen erkannte Fälschungen umgehend und transparent öffentlich, um zu verhindern, dass mit diesen oder ähnlichen Gegenständen gehandelt wird«, sagt Leonie Zangerl, die auch als Bildungsreferentin in der Dokumentation Obersalzberg arbeitet.

Allerdings: Ein Objekt gilt auch dann von Interesse, wenn es eine tatsächliche Fälschung ist. »Wir nutzen die Gegenstände, um zu zeigen, wie noch heute mit echten und gefälschten Obersalzberg-NS-Artikeln Geld gemacht wird und welche dubiosen Kreise sich in diesem Bereich des ›Antiquitäten-Handels‹ tummeln.« Nicht nur in der rechtsextremen Szene seien solche Objekte beliebt. Ein Bierdeckel sei in der Regel nur für jemanden von Interesse, der selbst Untersetzer sammelt, ist sich Mathias Irlinger sicher. »Sobald dieser wirklich oder vermeintlich aus der NS-Zeit stammt, kaufen ihn auch Nazi-Devotionalien-Sammler.«

Am Obersalzberg denkt man bereits einen Schritt weiter: Denkbar sei in Zukunft etwa eine Sonderausstellung zur Bierdeckel-Thematik. Deshalb befinden sich die Verantwortlichen auf Suche nach weiteren Untersetzern des Hofbrauhauses Berchtesgaden aus den 1930er- und den 1970er-Jahren. Gemeinsam mit der Fälschung wollen sie diese präsentieren und das Gezeigte einordnen. Auch weitere nachweislich gefälschte Exponate könnten dabei ausgestellt werden. Das könnte allerdings noch dauern. Die Ausstellung am Obersalzberg eröffnet frühestens Ende dieses Jahres wieder – nach Umbau des Bildungszentrums und Fertigstellung der Ausstellungserweiterung.

Kilian Pfeiffer

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