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»Allen Bauern und Nationalparks...«

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Die geheimnisvollen Bedeutungen einer Holzskulptur. Das Kunstwerk steht hinter dem Alten Friedhof in Berchtesgaden. (Foto: Jörg Tessnow)

Berchtesgaden – Seit einigen Wochen steht eine rund 2,50 Meter hohe Holzskulptur zwischen der Sonnenpromenade und dem angrenzenden Alten Friedhof. Das Kunstwerk stellt einen großen Vogel dar. An dem Schnitzobjekt ist an der Frontseite lediglich ein schmuckloses Schild mit der Aufschrift »Allen Bauern und Nationalparks...« montiert. Mehr nicht. Auf dem Seitensockel hat sich eine künstliche Kerze hinzugesellt, die auch ein wenig an ein Grablicht erinnern könnte. Mehr Informationen erfährt der Flaneur jedoch nicht. Heißt: Der Betrachter wird mit vielen offenen Fragen konfrontiert.


Zum Beispiel: Warum steht die Skulptur ausgerechnet in Friedhofsnähe? Ist der große Holzvogel mit gesenktem Haupt ein Adler aus dem Nationalpark oder ein Geier? Welche Verbindung zwischen Nationalparks und Bauern symbolisiert werden soll, bleibt ebenfalls unklar. Auch die Kerze, wenn diese überhaupt vom Künstler aufgestellt wurde, erweckt Interpretationskombinationen. Der Schaffende hinterließ auch keine direkte Visitenkarte. Lediglich eine kleine Signatur »Morla« schmückt seitlich das Spruchschild. So lässt sich nicht konkret erschließen, was es mit dem Kunstwerk auf sich hat.

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Licht in die Fragen und Aussage des Objekts beziehungsweise Projekts liefert ein Gespräch mit dem Künstler selbst. Sein Name »L. Morla« ist nur ein Pseudonym. Er hat einige Jahre in Berchtesgaden gelebt und dort seine künstlerische Ausbildung absolviert. »L. Morla« betont im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«: »Die Skulptur stellt einen Gänsegeier dar und steht seit Anfang Juli am Alten Friedhof Berchtesgaden. Denn der Gänsegeier verkörpert den Tod. In weiterer Auseinandersetzung mit diesem Tier wird der Kreislauf des Lebens ein unausweichliches Thema.

Das Fressen von Aas reinigt die Natur, andere Raubtiere werden von dem fliegenden Riesen angelockt.« Der Künstler fährt fort: »Das Material ist Fichte mit einer Lasur aus Rinderblut. Auch das ist etwas ungewöhnlich, aber dieses dient als hervorragender Holzschutz und stammt ebenfalls aus dem Berchtesgadener Land. Die Kerze habe ich allerdings nicht dorthin gestellt. Passt aber, denn für mich ist die Skulptur ein Mahnmal mit friedensstiftender Aussage. Bauern und Nationalparks weltweit, also nicht nur im Berchtesgadener Land, verfolgen meist ein gleiches Ziel nach Rechtsgrundlagen für ihre Tätigkeiten beziehungsweise Ideen. Diese können laut Aussage und Umsetzung jedoch auch oft konträr verlaufen.« Für die Umsetzung spricht »L. Morla« Marktbürgermeister Franz Rasp seinen Dank aus. Der Rathauschef unterstützte den Künstler und bot sich sogar als Käufer an, um somit einen Solidaritätsbeitrag zu leisten. Auf Nachfrage im Rathaus wurde zusätzlich erklärt, dass der Aufbau mit der Gemeindeverwaltung abgestimmt sei. Es ist also kein Schwarzbau oder Ähnliches, was bei Nacht und Nebel dorthin platziert wurde. Die Skulptur steht auch nur temporär an diesem Ort und wird anschließend in den Waldkindergarten an der Waltenbergerstraße auf dem Obersalzberg angesiedelt. Bis dahin wird die Skulptur von »L. Morla« noch erweitert. Zum Winter ergänzt dann ein Fischotter das Gebilde, welcher als eine Art Gegenspieler zum Gänsegeier fungiert. Jörg Tessnow

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