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Alternativen im »Lockdown-Advent«

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Tommy Grüner stört in diesen Tagen am meisten, dass er nicht das Fitnessstudio besuchen kann.
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Christoph Klaus sieht die Situation entspannt und nimmt sich aktuell mehr Zeit für die Familie.
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Thomas Schöbinger glaubt, dass die Leute heuer den weihnachtlichen Hintergrund besser erkennen.
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Robert Brandner nutzt die ruhige Zeit, um zur Ruhe zu kommen und in sich zu gehen. (Fotos: Wechslinger)

Berchtesgaden – Die »stade Zeit« begann heuer in Berchtesgaden bereits sechs Wochen vor dem Advent. Ob der Lockdown zum offiziellen Beginn der Weihnachtszeit Ende November beendet ist, weiß aktuell noch niemand. Auf jeden Fall wird die Vorweihnachtszeit heuer, nach der Absage des Berchtesgadener Advents, eine andere als in den letzten Jahren sein. Welche Erwartungen die Berchtesgadener heuer an die stade Zeit haben, erfuhr der »Berchtesgadener Anzeiger« bei einer Umfrage im Markt.


Lebensmittelverkäufer Tommy Grüner stört aktuell am meisten, dass er nicht ins Fitnessstudio gehen kann: »Seinen Körper zu trainieren sorgt doch für eine Kräftigung des Immunsystems. Ich verstehe nicht, warum Studios geschlossen werden, in denen das Hygienekonzept nachhaltig umgesetzt wird«, fragt sich Grüner.

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Seine Kolleginnen Sandra Haunsberger und Julia Eichberger haben mit dem abgespeckten Advent keine Probleme: »Dann trinken wir unseren Glühwein eben nach der Arbeit und daheim, da schmeckt er ohnehin besser.« Die Restaurant- Fachfrau Franziska Bauer hofft darauf, dass die Geschäftsleute ihre Auslagen adventlich herrichten, um der Bevölkerung wenigstens etwas Schönes beim erlaubten Einkaufen zu bieten.

Wie viele andere ist der Betreiber der Jenner-Gastronomie, Thomas Hettegger, sehr enttäuscht, dass der Berchtesgadener Advent nicht stattfindet. Gleichwohl versucht der Gastronom, gleichzeitig 1. Vorsitzender der Aktiven Unternehmen und Geschäftsführer der Berchtesgadener Advent GmbH, zusammen mit Vroni Schlagbauer für die Bevölkerung etwas Adventliches zu finden, weiß aber noch nicht, wie das aussehen könnte. »Unser Problem ist, dass wir derzeit überhaupt nicht planen können«, bedauert Hettegger. Ähnlich sieht es Stefan Schlagbauer, der ebenfalls noch nach Alternativen sucht.

Er komme auch gut ohne den herkömmlichen Advent aus, erklärte Lederhosen-Spezialist Franz Stangassinger. Gleichwohl fühlt er mit den Geschäftsleuten und Gastronomen, die jetzt überhaupt kein Geschäft machen. Stangassinger sieht auch eine Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen nicht mehr gegeben.

Silke Sonnleitner bereitet der Verzicht auf den Berchtesgadener Advent keine Probleme, weil ihr das ohnehin zu viel Trubel war und sie es am früheren Adventsmarkt gemütlicher und persönlicher fand. »Ich weiß wirklich nicht, ob das alles so richtig ist, was uns da auferlegt wird«, spricht Sportartikelhändler Robert Brandner die aktuelle Lockdown-Situation an. Er verweist auf viele Freunde und Bekannte, die derzeit nicht wissen, wie es weitergehen soll. Doch er persönlich findet auch einen pragmatischen Aspekt: »Mein Leben ist ja recht turbulent. Und so nutze ich diese Zeit, um etwas zur Ruhe zu kommen, in mich zu gehen, trotzdem in positiver Geisteshaltung zu bleiben und durchaus entspannt in die Zukunft zu denken.«

Auch Thomas Schöbinger will trotz vieler Einschränkungen nicht schwarzmalen: »Vielleicht hat man jetzt einfach wieder die Zeit und Stille, um zu erkennen, dass es ja um das Christkind geht, respektive ging. Irgendwie schienen wir das im normalen Advent vergessen zu haben.«

Frank Woodcock analysiert die Situation ganz nüchtern: »Ob man nun in Bezug auf die Absage der Christkindlmärkte von der Notwendigkeit oder der Verhältnismäßigkeit überzeugt ist oder nicht – das Resultat ist für mich schlichtweg ein weniger verkommerzialisierter Advent. Wem die Adventszeit aus Gründen der Besinnlichkeit oder des Glaubens wichtig ist, dem macht das Fehlen der Adventsmärkte wohl weniger aus.« Aus der Perspektive der betroffenen Händler und Unternehmer sei die Situation jedoch ebenso tragisch wie auch aus Sicht des sozialen Miteinanders. »Letztendlich wird die Adventszeit 2020 wohl besinnlicher und familiärer ausfallen«, erwartet Frank Woodcock.

Auch Falkner Wolfgang Czech gewinnt dem Ausfall des Kommerz-Advents durchaus Positives ab: »Wenngleich uns der Lockdown zur Ruhe verdammt hat, so können wir auch den Advent entschleunigt genießen. Ich lebe hier oben am Obersalzberg ohnehin recht ruhig und habe damit keine Probleme.«

Rosi Plenk sieht die Situation differenziert. Im Verlag versuche man, online seine Verbindungen aufrechtzuerhalten. Privat findet sie es jedoch sehr schade, dass die »stade Zeit« dieses Mal so anders verläuft.

Outdoorhändler Christoph Klaus gewinnt dem Advent in neuer Form sehr viel Positives ab: »Ich genieße es, viel mehr Zeit für meine Familie zu haben. Kürzlich sagte ich zu einem über die Situation jammernden Gastronomen, dass er doch sonst im November regelmäßig auf den Kanaren in Urlaub wäre, worauf er nichts erwiderte. Die derzeitigen Zeiten zeigen uns doch, dass vieles gar nicht nötig ist.«

Für Daniela Graf, viele Jahre für den »Berchtesgadener Anzeiger« tätig, ändert die Situation nicht allzu viel. Freilich wäre sie mit ihren Kindern auch einmal auf einen Christkindlmarkt gegangen. Doch Daniela Graf wird die schöne Adventszeit mit ihrer Familie wie immer gemütlich und heimelig gestalten.

Auch Christoph Karbacher kann gut ohne die Advents- und Christkindlmärkte leben: »Früher war ich manchmal am Schlossplatz-Adventsmarkt. Beim Berchtesgadener Advent habe ich mir nur mal heiße Maronen geholt. Trotzdem habe ich Respekt vor den Standlbetreibern, die sich immer große Mühe geben. Freude bereitete mir immer am Heiligen Abend Chorleiter Ernst Schusser vom Volksmusikarchiv Oberbayern. Bei dessen Auftritten habe ich gerne mitgesungen.«

Sprachlos über den zweiten und für Berchtesgaden verlängerten Lockdown in Verbindung mit der Absage des Berchtesgadener Advents ist Gastwirt Peppi Haslinger. Eine geringe Hoffnung hat er jedoch: »Vielleicht wird es mit dem Christkindl auf etwas andere Weise etwas.«

Christian Wechslinger

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