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Zum Christkindlschießen stellen sich die Auer Weihnachtsschützen am Kloiberbichl auf.

Am Neujahrstag vor 100 Jahren gegründet – Auer Weihnachtsschützen feiern Jubiläum vom 11. bis 14. August mit einem Festzelt auf der Au

Berchtesgaden – Mit Festtagen von Donnerstag, 11., bis Sonntag, 14. August, feiern die Auer Weihnachtsschützen ihr 100-jähriges Bestehen. Erstmals seit 2003 wird hierzu auf der Au wieder ein Festzelt errichtet. Unter dem Motto »Fertig, auf, feiern« möchte der Verein sein rundes Vereinsjubiläum würdig begehen. Er ist ein intakter Verein, bei dem das über 360-jährige Weihnachtsschützenbrauchtum von Alt und Jung gelebt wird. Mit rund 250 Mitgliedern ist er der fünftgrößte Verein unter den 17 Mitgliedern der Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes.


Gegründet wurde er am 1. Januar 1922 im Gasthaus »Pechhäusl«. Jedoch wurde schon lange vor diesem Datum in der Au an Weihnachten, Silvester, Pfingsten, Fronleichnam, zum Wecken der Brautleute, bei Umzügen sowie bei Taufen, geschossen. Um die Jahrhundertwende, als die Au noch keine eigene Kirche hatte, begaben sich die Weihnachtsschützen zum Mettenschießen nach Berchtesgaden. Ein anderer Teil der Schützen begab sich nach Bad Dürrnberg. Als 1911 die Auer Kirche eingeweiht wurde, schossen die Schützen, nach der Rückkehr aus Berchtesgaden, ein zweites Mal.

Nach dem 1. Weltkrieg, als in der Au eine Expositur errichtet wurde und die Christmette um Mitternacht gefeiert wurde, schossen sie am Stoffelbichl, wie es heute auch noch der Brauch ist. 1921/1922 fand das Neujahrsschießen am Standort des ehemaligen Gasthof »Dora« statt. Danach begaben sich die Schützen ins Gasthaus »Pechhäusl« und fassten den Entschluss, einen Verein zu gründen. Die treibende Kraft war damals Georg Fendt vom Madllehen. Gründungsvorstand wurde Johann Koller. Bereits zwei Jahre nach Vereinsgründung kam es jedoch zu großen Zwistigkeiten, die dann zu Neuwahlen führten. Bei den Neuwahlen 1924 ging der 24-jährige Johann Stangassinger (»Saghäusl Hansi«) als neuer 1. Vorstand hervor.

Zusammen mit seinem Freund Wolfgang Walch, der Schriftführer wurde, verstand er es, die zerstrittenen Parteien zu versöhnen und somit den Weiterbestand des Vereins zu sichern. 45 Jahre war der »Saghäusl Hansi« 1. Vor- stand und hat mit seinem Wirken, wesentlich die Geschichte des Auer Weihnachtsschützenvereins geprägt. Gar 48 Jahre bekleidete Walch das Amt des 1. Schriftführers und in Personalunion 18 Jahre das Amt des Schützenmeisters. Nicht zu vergessen werden darf bei dieser Auflistung Anton Stangassinger, der in der Ära »Saghäusl Hansi«, 23 Jahre die Vereinsfinanzen verwaltete.

Die Weltwirtschaftskrise machte nach den Gründerjahren auch vor dem Weihnachtsschützenverein nicht halt. Welche Idealisten hier am Werk waren, zeigt die Tatsache, dass das damalige Mitglied Georg Aschauer, den Erlös aus dem Verkauf eines Kalbes zum Kauf von Böllerpulver zur Verfügung stellte.

Während des 2. Weltkrieges, wurden auf Anregung des »Saghäusl Hansi«, Pakete an die im Kriegseinsatz befindlichen Kameraden verschickt. Zehn bis 15 ältere Schützen hielten während des Krieges, in der Heimat, das Brauchtum aufrecht. In dieser, für die deutsche Geschichte dunklen Zeit, muss auch an das Ehrenmitglied und Gönner der Auer Weihnachtsschützen, Prof. Dr. Rudolf Kriss erinnert werden. Unvergessen bleiben seine Publikationen über das Weihnachtsschützenbrauchtum. Auch vom Auer Schützenverein forderte dieser Weltkrieg seine Opfer. Etwa 25 Mann kehrten nicht wieder in die Heimat zurück.

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Die Weihnachtsschützen vor der Auer Kirche. (Fotos: privat)

Als im Mai 1945 die Amerikaner als Besatzungsmacht einmarschierten, wurde ein allgemeines Schießverbot erlassen. Erst 1946 durfte wieder an Weihnachten und 1949 an allen anderen Festen und Umzügen geschossen werden. Mitglied Georg Walch stellte Böller, die zu dieser Zeit eine Rarität waren, her. Mit der Firma Stangassinger & Söhnen ist heute auf der Au ein renommierter Böllermacher ansässig. Nach den wirtschaftlich nicht einfachen Nachkriegsjahren konnte am 30. Mai 1965 ein langjähriger Wunsch in Erfüllung gehen. Die Auer Weihnachtsschützen konnten die erste Vereinsfahne weihen. Entworfen wurde sie von Paul Rasp. Fahnenmutter war Therese Schröder. 1968 errichteten die Auer Schützen erstmalig in der Weihnachtszeit, am Draxlehenbichl, einen beleuchteten Weihnachtsstern. Die Holzkonstruktion wurde 1994 durch einen Weihnachtsstern aus Edelstahl ersetzt.

Nach eigenen Worten »geerbt« hat Alfred Stangassinger den Posten des 1. Vorstandes 1970, von seinem Onkel »Saghäusl Hansi«. Müßig zu erwähnen, dass der Hansi zum Ehrenvorstand ernannt wurde. Mit einem Festtag groß gefeiert, wurde zwei Jahre später das 50-jährige Vereinsjubiläum, bei dem Schriftführer Wolfgang Walch zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Anwesend waren noch 11 Gründungsmitglieder, die ebenfalls geehrt wurden.

1972 wurden die Weihnachtsschützen auch weltweit bekannt, schossen sie bei den Olympischen Sommerspiele in München einen Ehrensalut. Auch hier wirkten einige Schützenkameraden aus der Au mit. 1973 verstarben die »Schriftführerlegende« Wolfgang Walch sowie Ehrenmitglied Prof. Dr. Rudolf Kriss. 1981 beteiligten sich die Auer am traditionellen Trachtenumzug, anlässlich des Oktoberfestes, in München. Im selben Jahr musste man vom »Vater« des Vereins, »Saghäusl Hansi«, für immer Abschied nehmen.

Das Jahr 1985 war kein gutes Jahr, schlug doch beim Vereinskreuz des Auer Trachtenvereins, am Roßfeld, der Blitz ein und drei Kameraden wurden durch tragische Unfälle aus ihrer Mitte gerissen. Mit Franz Angerer verstarb 1986 das letzte noch lebende Gründungsmitglied. Spannend wie noch nie in der Vereinsgeschichte verliefen die Neuwahlen 1997. Nach einer Stichwahl wurde Wolfgang Geistlinger, mit zwei Stimmen Mehrheit, zum neuen 1. Vorstand gewählt. Johann Fendt trat nach 18-jährigem Wirken als 1. Vorstand bei diesen Wahlen nicht mehr an. Wie eng das »Saghäusl« mit dem Weihnachtsschützenverein verbunden ist, zeigte sich bei dieser Wahl. Denn mit Wolfgang Geistlinger wurde, nachdem sein Vorvorvorgänger »Saghäusl Hansi« schon 45 Jahre den Verein führte, der aktuelle Betreiber der Sägerei, an die Vereinsspitze gewählt.

Im Jahr 1997 fand das erste Auer Dorffest. Die Weihnachtsschützen waren für ein »Seifenkistenrennen« verantwortlich und betrieben einen Armbrustschützenstand. Bis 2007 sollten sechs weitere Dorffeste folgen.

1999 wurde der Weihnachtsstern am Draxlehenbichl mit beleuchteten Jahreszahlen ergänzt. Die Jahrtausendwende war somit auch in der Au optisch gut erkennbar. Auf Initiative der Auer Weihnachtsschützen wurde, zusammen mit den anderen Dorfvereinen, im Jahr 2001, erstmalig am 4. Advent, ein »Auer Adventsmarkt«, am Kirchplatz, durchgeführt. Vier Standln mit Brotzeit, Getränken und Weihnachtsspezialitäten stimmen seitdem die Einheimischen auf die anstehende Weihnachtszeit ein. Diese beliebte und gut besuchte Veranstaltung fand bis 2019 jedes Jahr statt. Ein gemeinsames Christkindlschießen am Kloiberbichl, mit teilweise bis zu 80 Mann, bildete dabei zweifelsfrei den Höhepunkt. Bei zwei Großereignissen in den beiden Folgejahren im Berchtesgadener Talkessel beteiligten sich die Auer Weihnachtsschützen. 2002 bei der 900-Jahr-Feier Berchtesgadens marschierten 16 und 2003 beim 113. Gaufest in Berchtesgaden 17 Schaftböllerträger beim jeweiligen Kirchen- und Festumzug mit. Die anwesenden Zuschauer quittierten den »Auer Aufmarsch« mit Sonderapplaus.

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Weihnachtsschützen im Sommer auf dem Kloiberbichl. Johann Stangassinger (»Saghäusl-Hansi«) steht rechts.

Das Fest »Berchtesgaden 200 Jahre bayerisch« wurde 2010 groß gefeiert, die Auer Weihnachtsschützen durften hierbei auch nicht fehlen. Beim 100-jährigen der Auer Kirche 2011, schossen die Weihnachtsschützen beim Weckruf 100 Schuss Ehrensalut und umrahmten den Festumzug lautstark. Nach 15-jähriger Tätigkeit als 1. Vorstand übergab Wolfgang Geistlinger die Vereinsführung am 6. Januar 2012 an den langjährigen 1. Schriftführer, Josef Prex. Ein Jahr später wurde von den Mitgliedern bei der Generalversammlung beschlossen, eine neue Vereinsfahne zu beschaffen. Am 28. Mai 2017 war es so weit, es konnte die zweite Fahnenweihe begangen werden. Die Motive der alten Fahne wurden im Wesentlichen übernommen. Fahnenmutter wurde Ursula Geistlinger. Bei strahlend schönem Frühsommerwetter wurde dieses Ereignis mit den anderen Auer Vereinen gefeiert.

Nach über 27-jähriger Tätigkeit in der Vorstandschaft der Auer Weihnachtsschützen übergab Josef Prex die Vereinsführung bei der Generalversammlung 2018 in jüngere Hände. Wasti Wendl steht seit dem an der Spitze des Vereins. Im gleichen Jahr erfuhr das Weihnachtsschützenbrauchtum im Talkessel eine große Anerkennung, wurde es doch in die Liste des Immateriellen Kulturerbes des Freistaates Bayern aufgenommen. Für die erfolgreiche Kulturerbebewerbung verantwortlich zeichnete der ehemalige Vorstand Josef Prex.

Mit Ausbruch der Covid-19-Pandemie im März 2020 kam es zu umfangreichen Einschränkungen im öffentlichen Leben, die auch die Brauchtumsausübung betrafen. So wurde das Schießen auf den Standplätzen aufgrund einer möglichen Ansteckungsgefahr untersagt. Trotzdem fand das Christkindlschießen, das Metten- und Silvesterschießen statt. Viele schossen vor der Haustüre oder alleine auf den Feldern, um das Brauchtum auch in dieser Zeit aufrecht zu erhalten. In der Weihnachtszeit 2021 konnten das Schießen wieder wie gewohnt durchgeführt werden. Bei der Generalversammlung im August 2021 wurde Wolfgang Geistlinger zum Ehrenvorstand, die Kameraden Reinhard Brandner, Rudi Herzinger und Johann Walch zu Ehrenmitglieder ernannt.

Eine Besonderheit bildet bei den Auer Weihnachtsschützen das sogenannte »Neujahrsanschießen«. Nach dem Silvesterschießen am Standplatz ziehen mehrere Gruppen durch die verschiedenen Ortsteile der Au und wünschen den Einheimischen und Gästen mit ihren Schüssen »A guads neis Joar«.

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