Anekdoten von Taxifahrer Ludwig Griesbacher: »Eine Klapperschlange auf der Rückbank«

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»Wo san Sie her?« So kommt Ludwig Griesbacher ins Gespräch mit den Fahrgästen. Er fährt seit 44 Jahren Taxi. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. (Foto: Lisa Schuhegger)

Berchtesgaden – Jede Fahrt – ein Lottoschein. »Taxifahren ist wie Lottospielen«, sagt Ludwig Griesbacher. Er ist seit 44 Jahren im Geschäft, hat unzählig viele Fahrgäste chauffiert, mehr als 3 Millionen Kilometer zurückgelegt. Fast jede Fahrt – ein Gewinn, ein Gewinn der Ludwig Griesbacher um eine Erinnerung reicher macht und Stoff liefert für eine Anekdote. Der 69-Jährige erzählt von einer Klapperschlange auf der Rücksitzbank, von einer Kurierfahrt für die Bildzeitung und davon, wie ein pensionierter Finanzbeamter das Amt betrogen hat.


Der wohl dienstälteste Fahrer der Taxizentrale Berchtesgadens tischt eine Anekdote nach der anderen auf: »Ich werde in die Maximilianstraße gerufen, zum Kaser oberhalb des Soundcafés«, erzählt er. Der fränkische Dialekt des seit 55 Jahren in Schönau am Königssee lebenden Familienvaters klingt durch. Amerikaner bestellten ein Taxi. »In den Siebzigern haben oft Amerikaner in einem der vier Ami-Hotels Urlaub gemacht«, schiebt er ein. »Ich habe mich auf den Weg zum Kaser gemacht. Ein Paar ist eingestiegen. Beide – Frau und Mann – haben auf dem Rücksitz Platz genommen.« Ludwig Griesbacher schielte in den Rückspiegel. »Oh Schreck!«

Er reißt die Augen auf. »Auf der Rücksitzbank rekelt sich eine Klapperschlange.« Ludwig Griesbacher versteht es, Spannung zu erzeugen. Wieder macht er große Augen. Dann lächelt er.

»Die Klapperschlange war ausgestopft.« Schnell durchschaute er den Spaß, den sich die Amerikaner wohl machen wollten. Er hätte es besser wissen müssen, der Kaser verkaufte ausgestopfte Tiere. »Mir ist das Herz in die Hose gerutscht.« Ludwig Griesbacher lächelt, scheint kurz nachzudenken, setzt eine ernste Mine auf. Er setzt an.

Festnahme am Grenzübergang

»Oder die Männer, die bei Nacht mit dem letzten Zug aus Freilassing am Bahnhof in Berchtesgaden ankamen und gleich weiter wollten nach Salzburg.«

Ludwig Griesbacher, der eine Nachtschicht fuhr, ließ sie einsteigen, fuhr über Marktschellenberg in Richtung Grenze. »Ich habe überlegt«, sagt er. »Warum wollen die Männer, die soeben aus Richtung Salzburg mit dem Zug in Berchtesgaden angekommen sind, nach Österreich.« Am Grenzübergang hoffte er, die Zollbeamten wollen die Pässe sehen. »Die Deutschen haben Brotzeit gemacht, uns durchgewunken.« Er setzte auf die Kollegen aus Österreich. »Ich habe den Zöllnern den Reisepass entgegengestreckt.« Ich zischte: »Kontrollieren!« Das sollte ein Hinweis sein.

Ludwig Griesbacher holt Luft. »Die Männer sind noch im Taxi festgenommen worden – als illegal Reisende.« Davon waren seinerzeit viele unterwegs. »Wir Taxifahrer haben sie nach München gefahren – weg von der Grenze.« Ludwig Griesbacher erinnert sich an Fahrten, die eine schnelle Mark gebracht haben. »Die Leute – meist aus Osteuropa – haben den Taxifahrern noch vor der Fahrt 160 Mark bezahlt.«

Das erste Gerichtsurteil wegen Schleusertätigkeit eines Taxifahrers führte zum Umdenken. »Mit der Polizei haben wir vereinbart, auf die Illegalen mit dem Codewort »Taxi 11«, aufmerksam zu machen. »Ein Gerichtstermin ist mir selbst die schnelle Mark für eine Fahrt von Berchtesgaden nach München nicht wert gewesen.«

Nach München wurde er auch von einer Redakteurin der Bildzeitung geschickt. »Ich habe dem Verlag ihre Kamera mit Bildern von einer Höhlenrettung am Königssee bringen müssen.« Das war noch lange vor dem digitalen Zeitalter. »Die Bildzeitung lebt seit jeher von Schlagzeilen.«

Kurierfahrt nach Breslau

Wie er erzählt, erinnert er sich an eine Fahrt von Berchtesgaden nach Breslau, wo er in einer Firma einen Produktionsstopp verhindert hat. »Das war kurz nach der Grenzöffnung«, sagt er. 700 Kilometer einfach legte er zurück, um der polnischen Firma ein Ersatzteil eines Berchtesgadener Werkzeugmachers zu bringen. »Das ist meine erste Fahrt mit Navi gewesen«, wirft er ein, macht kurz Pause.

»An diesem Tag hätte ich eigentlich früh Feierabend machen wollen, mit der Frau gemütlich zu Abend essen.« Wie so oft wurde daraus nichts. »Meine Frau weiß, ich bin mit dem Taxi verheiratet und mit ihr – oder umgekehrt.« Ludwig Griesbacher lacht. Nachdem er in den Ruhestand gegangen ist, machte er mit seiner Frau vier Wochen lang Urlaub. »Nun aber sitze ich wieder im Taxi«. Die Nachtschicht fährt mittlerweile sein Sohn. Und den Vorsitz bei der Taxizentrale hat ein Kollege. »Jetzt fahre ich eine Schicht von 7 Uhr in der Früh' bis in den Nachmittag hinein«, sagt er.

Ludwig Griesbacher kann es nicht lassen. Auf der Straße lernt er Charaktere kennen. »Der Fahrstil eines Lenkers zeigt das wahre Gesicht des Fahrers«, ist Ludwig Griesbacher überzeugt.

Er ist neugierig. »Oft überlege ich, wie der Fahrgast auf dem Beifahrersitz oder der Rückbank wohl lebt, was er arbeitet.«

Was der unscheinbare kleine ältere Herr mit den ausgetretenen schwarzen Schuhen, der grauen Hose, dem anthrazitfarbenen Mantel, der schwarzen Baskenmütze und der runden Nickelbrille wohl vor dem Ruhestand gemacht hat, fragte er sich oft. »Ich habe auf Lehrer oder Pfarrer getippt«, erzählt Ludwig Griesbacher.

Jeden Freitagvormittag fuhr er den Mann vom Altenheim in der Stanggaß in den Markt. Er deckte sich dort mit Kreuzworträtseln ein. Der Herr streckte ihm stets vor der Fahrt einen Zehner entgegen, sagte: »Das Billet ist bezahlt.«

Irgendwann fragte Ludwig Griesbacher, warum er nicht will, dass das Taxameter läuft. »Ach wissen Sie«, erwiderte er, »ich bin Hauptkassier beim Finanzamt gewesen.« Schmunzelnd gab er ihm den Zehner. »Und heute bescheiße ich das Finanzamt.«

Lisa Schuhegger

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