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»Arbeitsaufträge ersetzen den Unterricht nicht«

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Berchtesgaden: Schüler des Gymnasiums loben Vorbereitung in Corona-Zeit auf Matheabitur – Kritik an Mebis
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Jennifer Richter lernt momentan online. Sonderlich glücklich macht sie das nicht. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Angehende Abiturienten dürfen ab heute wieder ins Gymnasium gehen. Sie können nun die letzten Unterrichtsstunden vor der ersten schriftlichen Prüfung am 20. Mai nutzen. Viele Schüler beklagen sich über die Umstände. Besonders die Vorbereitung über Onlineplattformen sei mangelhaft gewesen. Manche fordern deshalb sogar ein leichteres Abitur. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat die Schüler des Gymnasiums Berchtesgaden zu dieser Situation befragt. Nicht alles schien negativ.


Kevin Schwahn ist zunächst erleichtert. Der Schüler hätte noch drei Klausuren bis zum Abitur schreiben müssen. Die entfallen aber, wie Staatsminister Michael Piazolo kürzlich verkündete. »Ich finde es gut. Jetzt kann ich mich auf das Abitur konzentrieren«, sagt Schwahn. Außerdem freut er sich, dass er heute wieder in die Schule darf. Er vermisste den Frontalunterricht. Während der Schließung erledigte der 18Jährige Arbeitsaufträge über die Onlineplattformen Mebis, Google Drive und Microsoft Teams.

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»Es war ungewohnt. Vor allem ist mir der lebendige Unterricht abgegangen«, bewertet der 18-Jährige die Übergangslösung. In diesem Zusammenhang kritisiert Schwahn die fehlende Präsenz eines Lehrers, der die Fragen unmittelbar beantwortet.

Vieles musste er sich selbst erarbeiten – ausgenommen in Mathematik über Microsoft Teams. In diesem Fach hielten Lehrer mittels Videokonferenz den Unterricht ab. Dabei sei es möglich gewesen, bei Unklarheiten sofort nachzuhaken. Die Umstände stressen den Schüler aber keineswegs. Eines sieht Schwahn sogar positiv: »Ich habe gelernt, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen. Das ist sicher nützlich für das Leben nach der Schule.«

Jennifer Richter hingegen nervt das Ganze. Besonders die kurzfristigen Mitteilungen des Kultusministeriums, ob und wann das Abitur stattfindet, verunsicherten sie. »Wir konnten und können nicht vorhersehen, was passiert. Wegen der Ungewissheit habe ich die Motivation zum Lernen verloren«, sagt sie. Zumal sie sich nur bedingt mit dem OnlineUnterricht anfreunden konnte. In Mathe seien die Besprechungen nützlich gewesen, in den restlichen Fächern hingegen nicht. »Die Lehrer haben die Unterrichtsmaterialien ohne Hilfestellungen online gestellt. Ich habe weitgehend die Arbeitsaufträge für die ursprünglich angesetzten Klausuren erledigt. Doch ich wusste nie, ob es sich lohnt«, beklagte sich Richter.

Zu ihrem Ärger war dies nicht der Fall. Sie und weitere Schüler hätten sich für Umsonst auf die Klausuren vor dem Abitur vorbereitet. Richter stört auch das weitere Verfahren. »Nun haben wir drei Wochen Intensivunterricht. Und dann müssen wir uns am Nachmittag zu Hause hinsetzen und den ganzen Stoff vertiefen«, sagt Richter. In dieser Hinsicht fühlt sie sich benachteiligt. Die Abschlussklassen vor ihr hätten mindestens eine Woche vor dem Abitur keinen Unterricht mehr gehabt. Nach derzeitigem Stand soll der Unterricht bis zum 19. Mai stattfinden. Die freie Zeit hätte sie gerne genutzt, um die Vorbereitung für sich einteilen zu können.

Dieselbe Ansicht hat auch Valentina Brandner. »Es ist schon eine psychische Belastung«, sagt sie. Nie wusste sie, wie es mit dem Abitur weitergeht. Zudem hätten die Lehrer den Unterricht noch nicht komplett abgeschlossen. Brandner befürchtet deshalb, nicht alle könnten ihre Höchstleistung abrufen.

Insbesondere Schüler, die Fächer wie Medizin studieren wollen, seien davon betroffen. Für die Zulassung braucht man eine sehr gute Gesamtnote. Dies setze sie zusätzlich unter Druck.

»Die Stimmung ist ohnehin betrübt«, so die 18-Jährige. Alle Schüler könnten die letzten Wochen innerhalb der Klasse nicht nostalgisch ausklingen lassen. Die Schüler müssen auf die geplante Mottowoche, den Abiball und den Abistreich verzichten. Diese Tatsache bremst die Euphorie ein. »Lass noch einen Coronafall in der Familie eintreten. Dann ist der angehende Abiturient gar nicht mehr bei der Sache. Unter diesen Umständen wäre ein leichteres Abitur schon angebracht«, sagt sie.

Dem widerspricht Wasti Fraas: »Ein leichteres Abitur hat Nachteile für die Zukunft.« Im Studium würden einem die nötigen Kompetenzen fehlen, die man bereits erwerben könnte. Allgemein sieht der Berchtesgadener die Situation gelassen. Fraas nutzte die Schulschließung für eine intensive Vorbereitung in Mathe. »Das selbstständige Lernen funktionierte auch gut«, sagt er. Die Online-Plattformen seien dagegen gescheitert. Lehrer hätten zwar per E-Mail Fragen beantwortet – aber nicht unmittelbar.

So erledigte Fraas meistens Aufgaben, ohne zu wissen, ob er davon profitierte. »Arbeitsaufträge ersetzen den Unterricht nicht«, betont er. Aus diesem Grund ist der 18-Jährige erleichtert, heute wieder in die Schule zu gehen. »Ich finde die momentane Lösung gut«, sagt er. Der Berchtesgadener könne nun drei Wochen einen intensivierten Unterricht besuchen. Eine Gelegenheit für ihn, ausstehende Fragen in den abiturrelevanten Fächern zu klären. Des Weiteren freut er sich, seine Klassenkameraden zu sehen. »Wir sind zwar nur zum Lernen da. Doch wenigstens bin ich nicht mehr alleine.«

Patrick Vietze

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