Auto- und Motorradposer nerven die Bürger zunehmend

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Wer ist am lautesten? Auto- und Motorradposer sorgen aktuell regelmäßig für Unruhe im Markt und am Königssee. Leidgeplagte Anwohner fordern von Polizei und Politik ein Einschreiten. (Foto: privat)
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Ein Halteverbot auf dem Busparkplatz vor dem AlpenCongress – mehr ist den Verantwortlichen bislang nicht eingefallen, um für Ruhe im Markt zu sorgen. (Foto: Ulli Kastner)

Berchtesgaden – Sie wollen auffallen um jeden Preis und bringen damit viele Bürgerinnen und Bürger um den Schlaf. Lärmende Auto- und Motorradposer nerven auch in Berchtesgaden zunehmend die Anwohner. Ein Schwerpunkt ist die Maximilianstraße, in der immer öfter dröhnende Motoren und regelrecht knallende Auspuffanlagen zu vernehmen sind. 16 Anwohner beschwerten sich darüber letzte Woche bei der Polizei und 2. Bürgermeister Josef Wenig sprach das Problem am Mittwoch im Marktgemeinderat Berchtesgaden an.


Wenig war nach eigenen Worten auch selbst beim Termin auf der Polizeiinspektion dabei, um sich über die »Verkehrsrowdys« zu beschweren, die abends mit Autos und Motorrädern zwischen Franziskanerplatz und Triembachereck hin und her fahren und die Anwohner massiv stören. Ähnliche Probleme gibt es, wie der »Berchtesgadener Anzeiger« erfuhr, auf der Bahnhofstraße zwischen Bahnhofskreisverkehr und Bavariakreuzung, auf der Königsseer Straße sowie auf dem Parkplatz Königssee, wo eventuell sogar ein verbotenes Autorennen stattgefunden hat. Hotels am Rande der »Poserstrecken« mussten bereits frühzeitige Abreisen von Gästen hinnehmen oder bekamen wegen des Lärms schlechte Bewertungen im Internet.

»Da ist neben der Polizei auch die Gemeinde gefordert«, sagte Sepp Wenig, der sich selbst ein Bild von so einem Poser-Event gemacht hatte. »Die fahren da dreimal hintereinander die Straße auf und ab und dann wird geklatscht.«

»Selbstverständlich« sei vonseiten der Gemeinde schon etwas unternommen worden, sagte Bürgermeister Franz Rasp. Er meinte damit die Errichtung eines Halteverbotsschildes auf dem Busparkplatz vor dem AlpenCongress. Hier habe es bislang lediglich ein Schild »Nur für Busse« gegeben – eine »Grauzone«. Sollten sich die Poser hier wieder treffen, habe die Polizei eine Handhabe, dagegen einzuschreiten. »Ein wesentlicher Punkt ist es aber, sich mit den Verursachern einmal auf Augenhöhe vernünftig zu unterhalten«, betonte Rasp. Man müsse ihnen vielleicht erklären, dass es Menschen gibt, die hier Urlaub machen, weil sie erholungsbedürftig sind. In jedem Fall werde die Gemeinde hier auch verstärkt Geschwindigkeitskontrollen durchführen – »und die Polizei wird das Ihre dazutun«.

Tut die Polizei zu wenig?

Das ist nach Ansicht vieler betroffener Anlieger allerdings bislang deutlich zu wenig. So soll die Diskussion in der hiesigen Polizeidienststelle nicht immer harmonisch verlaufen sein, sogar mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde soll vonseiten der Anlieger gedroht worden sein. Das erfuhr der »Berchtesgadener Anzeiger« aus Teilnehmerkreisen. Bislang jedenfalls fühlen sich Anwohner von Polizei und Politik im Stich gelassen. »Viele haben mittlerweile sogar psychische Probleme, weil der anhaltende Lärm, vor allem auch nachts, nicht mehr auszuhalten ist«, sagt eine Betroffene. Die Anwohner fühlen sich von der Szene bedroht, die Randalierer treten bei Beschwerden äußerst provokant auf und urinieren regelmäßig sogar an die Haustüren. »Vor der Polizei haben sie jedenfalls keine Angst«, sagt eine Anwohnerin. Die hat auch beobachtet, dass sich die jungen Leute sogar zur strengen Lockdown-Zeit regelmäßig mit Bierkästen mitten im Markt getroffen hätten, um Party zu machen.

Walter Schreyer, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Berchtesgaden, betonte auf Anfrage des »Berchtesgadener Anzeigers«, dass man schon verschiedene Kontrollaktionen in Zusammenarbeit mit anderen Dienststellen durchgeführt habe. »Im Rahmen unserer Möglichkeiten werden wir hier auch weitere Maßnahmen ergreifen«, betonte Schreyer. Allerdings sei man auch auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen. Bürger, die entsprechende Beobachtungen machen, sollten sich das Kennzeichen des Fahrzeugs notieren und der Polizei auch eine möglichst genaue Beschreibung des Fahrers liefern.

»So massiv wie in letzter Zeit ist die Auto- und Motorradposer-Szene in Berchtesgaden bislang noch nicht aufgetreten«, räumt Gerhard Schreyer ein. Er weiß, dass dabei Fahrzeuge mit über 300 PS unterwegs sind. Problematisch, weil lärmintensiv, sind aber vor allem die Auspuffanlagen. Da gibt es die sogenannten Klappenauspuffe, mit denen sich der Klang auf Knopfdruck verändern lässt. Denn noch mehr als das Tempo zählt für die Poser die Lautstärke ihrer Autos. Je lauter, desto besser. Bis zu 100 Dezibel und mehr sind keine Seltenheit. Und für den aggressiven Motorensound hält sich die Szene nicht immer an die gesetzlichen Regelungen.

Rechtliche Grauzone

Seit dem 1. Juli 2016 dürfen Sportwagen in der EU und der Schweiz kaum lauter sein als normale Mittelklasseautos, nämlich 75 db. Das Gesetz verbietet alle Vorrichtungen, die unnötigen Lärm verursachen, und damit faktisch auch Klappenauspuffsysteme. Aber: Dieses Verbot gilt nur für neue Fahrzeugtypen, die ab dem 1. Juli 2016 typgeprüft wurden. Das heißt, dass zurzeit noch immer Neuwagen mit solchen Klappen ausgeliefert werden, sofern sie vor dem 1. Juli 2016 homologiert worden sind.

Mehrfach hörten Anwohner im Markt zuletzt auch einen besonders aggressiven Knall. Dabei könnte es sich um eine deaktivierte Schubabschaltung handeln. Diese Schubabschaltung wird normalerweise aktiviert, wenn man mit dem Auto bergab fährt und vom Gas geht. Dann wird der Motor durch die Räder am Laufen gehalten, nicht umgekehrt. Die Schubabschaltung dient dazu, Treibstoff zu sparen. Wenn man die Funktion deaktiviert – das kommt in der Tuning­szene vor – wird weiterhin Benzin eingespritzt, das dann zum Teil erst im Abgastrakt zündet und ein Schubknallen erzeugt.

Bürgermeister Franz Rasp hat jedenfalls seine eigene Meinung zu den Auto- und Motorradposern: »So eine Szene ist ja mal ganz nett. Aber jeden Tag – das ist störend und anstrengend.« Die betroffenen Anlieger würden hier sicherlich noch zwei Adjektive hinzufügen: gesundheitsgefährdend und existenzbedrohend.

Ulli Kastner

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