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Der Trend zu Skitouren ist ungebrochen. Die Berchtesgadener Alpen locken immer mehr Wintersportler. (Foto: Kilian Pfeiffer)

»Bei Warnstufe 3 passieren die meisten Unfälle« – Thomas Feistl vom Lawinenwarndienst Bayern

Berchtesgaden – »Die nächsten Tage bleiben kritisch«, sagt Thomas Feistl, Leiter des Lawinenwarndienstes Bayern. Am vergangenen Wochenende waren mehrere Menschen in den Alpen tödlich verunglückt, darunter ein 61-jähriger Mann in der Ramsau. Für den Chiemgau und das Berchtesgadener Land bestünden teils »erhebliche« Gefahren. Hinzu kommt: Das Risiko für einen Unfall steige mit der Anzahl der Personen, die sich im Gebirge bewegen. In den vergangenen Tagen herrschte in den Alpen Hochbetrieb.


In den Alpen starben bei Lawinenunglücken acht Personen am Freitag in Tirol, drei weitere am Wochenende. Wie angespannt ist die Situation derzeit in den Alpen, etwa in den Berchtesgadener und den Chiemgauer Bergen?

Thomas Feistl: Aktuell herrscht eine erhebliche, in inneralpinen Regionen Österreichs und der Schweiz sogar eine teilweise große Lawinengefahr. Im Chiemgau und rund um Berchtesgaden besteht oberhalb der 1 500-Meter-Grenze eine erhebliche, unterhalb davon eine mäßige Lawinengefahr.

In Tirol gingen besonders viele Lawinen ab, auch in den Berchtesgadener Alpen gab es einen Toten. Ausgegeben war Lawinenwarnstufe drei von fünf. Wie tückisch ist die häufig ausgegebene »Drei«?

Feistl: Stufe drei bedeutet »erheblich«. Das ist tatsächlich die Gefahrenstufe, bei der am meisten Unfälle passieren. Die Gefahrenstufe fünf ist für den Katastrophenfall reserviert und wird nur sehr selten prognostiziert. Stufe drei ist für den Wintersportler damit in der Tat auf der gefährlicheren Seite. Bei Gefahrenstufe drei liegen »sicher« und »gefährlich« oft nahe beieinander. Daher sind diese Situationen oft schwer zu beurteilen, auch für Experten.

Kann es passieren, dass Gefahrenstufen falsch ausgegeben werden oder mangelt es bei der fünfstufigen Skala an Eindeutigkeit?

Feistl: Gefahrenstufen können durch die Warndienste falsch prognostiziert werden. Wir aktualisieren den Bericht jederzeit, wenn uns eine Fehleinschätzung bewusst wird. Eine Prognose ist aber immer mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Von Unfällen auf falsche Gefahrenstufen zu schließen, wäre aber falsch, da es viele Ursachen für Unfälle gibt: Das beginnt mit der Gruppendynamik, geht über die Risikobereitschaft, eine falsche Einschätzung der Lage. Natürlich spielt auch Pech eine Rolle beziehungsweise das Restrisiko, das im Gebirge immer mitspielt. Zudem steigt das Risiko für einen Unfall mit der Anzahl der Personen, die sich im Gebirge bewegen. Diese Zahl war in den vergangenen Tagen sehr hoch.

Der Trend zum Skitourengehen ist unaufhaltsam. Führt das Plus an Wintersportlern unweigerlich auch zu mehr Lawinenopfern?

Feistl: Es gibt in ganz Bayern eine Tendenz zu mehr Tourengehern, Schneeschuhwanderern und Winterwanderern. Das bedeutet aber nicht gleichzeitig auch eine Tendenz zu sich häufiger ereignenden tödlichen Lawinenunfällen.

Wie sehen die Prognosen des Lawinenwarndienstes Bayern für die kommende Zeit aus?

Feistl: Die nächsten Tage bleiben kritisch. Die ersten Tage nach einem Schneefallereignis sind immer die unfallträchtigsten, vor allem, wenn später dann die Sonne wieder scheint. Die Lawinengefahr wird erst gegen Ende der Woche sinken.

Worauf sollten Freunde des sportlichen Schneevergnügens besonders achten?

Feistl: Aktuell sind besonders Triebschneeansammlungen kritisch zu beurteilen. Wir raten zu einer überlegten Tourenplanung, zu Touren im flachen Gelände mit weniger als 30 Grad Steigung, generell zur Zurückhaltung in den nächsten Tagen. Am besten wäre es, man würde sich zum entspannten Skifahren und Snowboarden entscheiden – auf gesicherten Pisten.

Kilian Pfeiffer

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