Berchtesgadener Abiturienten: »Wir sind ›mit Abstand‹ die Besten«

Bildtext einblenden
Gruppenfotos waren verboten. Ein Geehrten-Quartett (v.l.): Anna-Lena Babel, Patrick Illgner, Sarah Hofer und Tabea Prechtl.

Berchtesgaden – Was sich vor ein paar Monaten noch als Satire verstanden oder als schlechter Scherz gelesen hatte, ist mittlerweile akzeptierte Realität. Pflichtgemäß steril und alle Hygienebestimmungen berücksichtigend, konnte am Freitag in der Aula des Gymnasiums Berchtesgaden die Vergabe der Abizeugnisse an ihre Absolventen erfolgen. Das war zwar organisatorisch aufwendig, aber schlussendlich zeigten sich alle erleichtert, dass die Veranstaltung ein fast gewohntes Ambiente erfuhr.


Denn nach den neuesten Regelungen für Schulveranstaltungen muss unter anderem die Sitzplatzordnung entsprechend der Abstandsvorschriften eingehalten werden. Diese unterlag außerdem einer alphabetischen Zuteilung mit nummerierter Bestuhlung. Den Absolventen war es mittlerweile sogar erlaubt, zwei Begleitpersonen mitzubringen.

Anzeige

In jeweiligen Dreier-Stuhlgruppen hatte der Abiturient dabei in der Mitte zu sitzen, rechts davon die Mutter, links der Vater. Der Mund- und Nasenschutz konnte nach Eintritt in die Aula abgenommen werden. Auf der Bühne trennte eine große Plexiglaswand Jubilare von Laudatoren, denen wechselnd ein frisch desinfiziertes Mikrofon und Rednerpult hergerichtet wurde. Eine Positionierung zu einem Jahrgangs-Gruppenfoto blieb weiterhin verboten. Auch der Abiball beziehungsweise »Maskenball« war untersagt.

Über Corona und Moral

So war es nur logisch, dass der Tenor aller Ansprachen einen coronabezogenen Hintergrund hatte. Folglich äußerten sich alle Sprecher in der zweistündigen Ehrung zur plagenden Pandemie samt Konsequenzen. Manche taten das mit einem Augenzwinkern, andere wiederum mit subtiler Kritik. So hatte Abiturientin Tabea Prechtl ein mit vielen rhetorischen Finessen gespicktes Plädoyer vorbereitet. Sämtlichen Zweiflern über die etwaige mindere Qualität des »Corona-Abiturs« galt es den Wind aus den Segeln zu nehmen: »In diesem Jahr schon gar nicht. Wir sind mit ›Abstand‹ die Besten. Und wir werden in die Geschichte eingehen. Das kleine Virus hatte zwar einen großen Einfluss auf die Schlussphase unseres Schullebens, aber dass das Abitur jedes Jahr leichter wird, dagegen wehren wir uns vehement«, resümierte sie mit mokantem Unterton.

Bildtext einblenden
Chapeau! Bürgermeister Franz Rasp (2.v.r.) hatte die Ehre, die Jahrgangsbesten auszuzeichnen (v.l.): Sarah Hofer, Felix Wächter, Anna-Lena Babel und Maximilian Ilgner. Nicht anwesend: Florian Scherer. (Fotos: Jörg Tessnow)

Zu einem ähnlichen Resultat war zuvor auch der stellvertretende Schulleiter Markus Spiegel-Schmidt in seiner Begrüßungsansprache gekommen. Denn die Herausforderungen dieser Zeit verlangten außergewöhnliche Disziplin und konstante Konzentration von allen Lernenden und Lehrenden. Aber es dürfe zukünftig nicht nur um Ehrgeiz, also Streben nach Erfolg und Anerkennung, gehen, definierte er mit Bezug auf die historische Bedeutung. Für alle gelte es einen Kompromiss zu finden, im weiteren Leben gleichwertig die Moralwerte zu berücksichtigen.

Das sah der stellvertretende Landrat Michael Koller ebenfalls so. Er appellierte an die Abgänger, zukünftig Eigenverantwortung zu übernehmen. Gelte es doch ab jetzt, selbstständig im Leben zu stehen, aber auch füreinander da zu sein. Das Leben sei ein Kreisel.

Und damit man aus diesem nicht hinausschießt sollte man sich besser auf die notwendige Bodenständigkeit besinnen, darauf bezog sich Elternbeirat Helmut Langosch: »Aus is' noch lange nicht! Geht mit eurem Wissen hinaus in die Welt! Aber vergesst eure Wurzeln nicht!«, gab er zu bedenken.

Bürgermeister Franz Rasp schloss sich den Aussagen seiner Vorredner an und machte es gewohnt kurz und knackig: »Werdet glückliche Menschen! Versteht es, mit den Fliehkräften der Welt umzugehen!«, meinte er zusammenfassend und übernahm im weiteren Programmablauf die Ehrung der Jahrgangsbesten: Anna-Lena Babel, Sarah Hofer, Maximilian Ilgner sowie für ihr besonderes soziales Engagement: Florian Scherer und Felix Wächter.

Über Dystopie und Demokratie

Vor der Vergabe der ersehnten Zeugnisse wandte sich Schulleiter Andreas Schöberl an die Abiturienten und deren Familien. Über das frisch desinfizierte Mikrofon verkündete er: »Ja, es ist schon schön, dass wir uns hier alle versammeln können! In dieser monatelangen und außergewöhnlichen Phase hing viel von Kooperationsbereitschaft und Zwischenmenschlichkeit ab. Nicht nur digitaler Unterricht war erforderlich, auch soziale Interaktion hat diesen Jahrgang so erfolgreich ausgezeichnet.«

Bildtext einblenden
Zeugnisvergabe durch Schulleiter Andreas Schöberl hinter Plexiglas mit Sonnenblume.

Andreas Schöberl beließ es aber nicht bei Dankesbekundungen und wurde kritisch. »Von heute auf morgen«, so Schöberl, »wurde unser System auf eine fast dystopische Ordnung umgeschaltet«. Das Szenario an den Grenzen habe ihn doch sehr betroffen gemacht. Dennoch sei er froh, dass in Europa die richtigen Entscheidungen gegen die Pandemie getroffen wurden. Auch wenn Beschlüsse aus München und andere Abstandsregeln nur ein paar Kilometer weiter in Österreich schon nachdenklich machten. Schöberls Seitenhieb an die Politik ging noch weiter. Im Gegensatz zu anderen sogenannten Demokratien, wie die USA oder Brasilien, sollte man sich doch Europa ans Herz legen.

Mit viel Applaus und frischen Sonnenblumen konnte anschließend die Vergabe der Zeugnisse und der Lohn für jahrelange Schularbeit an die Absolventen erfolgen. Unter der Assistenz von Oberstufenkoordinator Rupert Aigner wurden 57 Kuverts feierlich überreicht. Einen kleinen Wermutstropfen gab es mehr oder weniger dennoch. So durften während der zweistündigen Veranstaltung keine Speisen und Getränke eingenommen werden. Dafür war eine phonetische »Lockerung« jedoch möglich. Mit kräftigen Fusion-Rock-Titeln und rauchig »angebluestem« Gesang unterhielten Alex Lässle (Westerngitarre und Gesang), Amadeus Huber (Cajón) und Sebastian Fraas (Sologitarre) die Gäste mit nicht ewig abgedudelten Mainstreamsongs. Auch Schulleiter Andreas Schöberl wusste das Repertoire zu schätzen und dankte mit den Worten: »Auch dieses gestaltete sich heuer etwas ungewöhnlich.« Jörg Tessnow

Mehr aus Berchtesgaden