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Der Warenbestand in der Berchtesgadener Tafel sieht zu Beginn der Woche bescheiden aus. (Foto: Patrick Vietze)

Berchtesgadener Tafel: Mehr Bedürftige seit Corona

Berchtesgaden – Erst Corona, dann Inflation und nun die Flüchtlinge aus der Ukraine: Mehr Personen sind auf Lebensmittel von der Berchtesgadener Tafel angewiesen. Gab es vor der Pandemie noch 280 Bedürftige, sind es inzwischen 345. Noch macht sich Vorsitzender Manfred Weber keine Sorgen, dass die Waren knapp werden, denn er hat aus der Flüchtlingswelle 2015 gelernt. Trotzdem ist er auf jedes Szenario gefasst.


Dienstagnachmittag in der Berchtesgadener Tafel, sie liegt im Erdgeschoss des Rathauses. Der Warenbestand sieht dürftig aus. Neben dem Eingang steht eine leere Theke. Auf einem Tisch liegen Kisten mit unterschiedlichen Lebensmitteln und ein Sack Kartoffeln. Links daneben weitere Kisten mit Süßigkeiten, Mehl und Speiseöl. Das Regal ist mäßig bestückt. Etliche Konservendosen, ein paar Packungen Müsli, zwei Gläser Marmelade und Nutella.

Mangelware Speiseöl

»Keine Sorge, wir sind erst am Anfang der Woche. Das sieht am Samstag wieder anders aus«, sagt Manfred Weber. Er holt im Laufe der Woche mit Helfern die restlichen Waren ab und sortiert sie. Einige Lebensmittel sind angesichts des Ukrainekonflikts Mangelware. »Speiseöl ist ein Paradebeispiel dafür.« Dennoch bemüht sich das Team, dass alle Produkte ausgegeben werden können – und jeder Bedürftige sie auch bekommt. »Es wäre unerträglich, wenn wir jemanden nach Hause schicken müssten«, sagt Weber.

Der 56-Jährige wirkt entspannt, denn das Team hat nach seinen Angaben gut genug vorgesorgt. Man habe aus der Flüchtlingskrise vor sieben Jahren gelernt, so der Vorsitzende. Damals wurde das Team überrascht, als an einem Samstag plötzlich 70 Flüchtlinge vor der Tafel standen. »Wir hatten keine Chance, uns auf diese Situation einzustellen.«

Inzwischen sieht alles anders aus. Laut Weber haben die Ehrenamtlichen die steigenden Lebensmittel- und Energiepreise inklusive Flüchtlinge kommen sehen. Darum holten sie haltbare Lebensmittel auf Vorrat, um den Bedarf decken zu können. Der Vorsitzende warnt aber, dass auch die Tafel irgendwann ihre Grenze erreicht. »Wir sind keine Vollversorger, sondern bieten nur einen Zusatz an Lebensmitteln an.«

Trotzdem wolle man jedem helfen, so Weber. So wird auch den Geflüchteten aus der Ukraine unter die Arme gegriffen. Die Hilfe läuft unbürokratisch. Flüchtlinge müssen in den ersten drei Monaten nur ihren Personalausweis vorzeigen, um Lebensmittel zu bekommen.

Sonst darf nur zur Tafel, wer den Bedarf durch sein Haushaltseinkommen nachweisen kann. Im Gegenzug erhält der Bedürftige einen Tafelausweis mit Barcode, der dann vor Ort gescannt wird.

Alle fünf Tafeln im Berchtesgadener Land haben sich auf dieselbe Handhabe abgestimmt. »Die Vernetzung ist uns wichtig, damit alles einheitlich bleibt.« Die Ukrainer nehmen jedenfalls das Angebot dankbar an. »Die Kommunikation funktioniert auch ganz gut.« Man könne mit den meisten Englisch reden, so Weber. Und wenn das nicht klappt, greift man auf den Dolmetscher zurück. Neben Flüchtlingen unterstützt die Tafel Alleinerziehende, Arbeitslose, aber auch Menschen, die vom Lohn ihrer Arbeit allein nicht leben können. 160 Haushalte nehmen diese Chance wahr. Bis zu 700 Kilogramm Lebensmittel werden pro Woche angeboten. »Im Moment können wir alles stemmen«, zeigt sich der Vorsitzende zuversichtlich.

Grund dafür ist die Aufteilung in vier Teams, um gewisse Abläufe zu erleichtern. Jede Gruppe arbeitet eine Woche, jedes Team besteht aus bis zu zehn Mitarbeitern, die der jeweilige Gruppenleiter kontaktiert. Die Ehrenamtlichen arbeiten nach Webers Ansicht vorausschauend, begutachten die Waren und sorgen dafür, dass die Lebensmittel möglichst frisch ausgegeben werden. Die Zahl der Abnehmer hat sich zwar wegen Corona und der Flüchtlinge erhöht, »sie ist aber nicht exorbitant gestiegen«.

Vorerst keine Extra-Ausgabe

Extra-Ausgabezeiten wie in anderen Einrichtungen benötigt die Berchtesgadener Tafel nicht. Ausgeschlossen wird die Option aber auch nicht. »Immerhin wollen wir auf alles gefasst sein.« Vorerst bleibt es bei der üblichen Ausgabe am Samstagvormittag. Diese wird nach wie vor Corona-konform gehalten. Das heißt, es wird keine Theke mit Waren geben. Stattdessen bereiten die Mitarbeiter Tüten voller Lebensmittel vor. Darin enthalten: Salat, Fleisch, Wurst, Käse, Nudeln, Reis und Konserven. Allerdings betont Weber, dass Frischwaren Vorrang haben. Die Tüten werden dann am Rathaus ausgegeben.

Der Vorsitzende spricht von einem relativ kontaktarmen Vorgang. Obwohl zuletzt sämtliche Coronabeschränkungen aufgehoben worden sind, will das Team auch in nächster Zeit bei der Ausgabe nichts lockern. Vorerst. Jetzt kommt es für die Mitarbeiter der Tafel darauf an, dass jeder versorgt werden kann.

Patrick Vietze

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