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Besuche in Heimen sind verboten – Wie kommen die Bewohner damit zurecht?

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Berchtesgaden: Besuche in Altenheimen wegen Corona verboten – Wie kommen die Bewohner damit zurecht?
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Seit drei Jahren betreibt die Lebenshilfe Berchtesgadener Land nahe dem Triftplatz ein Haus, in dem Menschen mit Behinderung wohnen. Aufgrund der momentanen Situation ist das Haus für jeglichen Besucherverkehr geschlossen. (Foto: Christian Wechslinger)

Berchtesgaden – Die derzeitigen Umstände belasten viele Menschen. Besonders schwierig ist es auch für Menschen mit Behinderung. Viele dieser Menschen verstehen gar nicht, was um sie herum geschieht. Viele Heimbewohner waren es bisher gewöhnt, von ihren Verwandten und Nächsten besucht zu werden. Doch in allen Heimen herrscht ein striktes Besuchsverbot, was die Aufgabe für das Heimpersonal, aber auch die Verwandten nicht leicht macht.


In der größten Behinderteneinrichtung der Region, dem kleinen Dorf »Hohenfried« bei Bayerisch Gmain, gelten in der Coronavirus-Pandemie ganz besondere Regeln. »Wir haben schon vor den politischen Entscheidungen unsere Anlage gegen außen abgesichert«, erklärten die Hohenfried-Vorstände Astrid Kreuzer und Nikolaus Perlepes. Die strengen Auflagen sind wohl auch die Grundlage dafür, dass »Hohenfried« virusfrei ist. Vier Verdachtsfälle stellten sich als negativ heraus. Freilich ist auch hier – wie auch in den Seniorenheimen – das Personal die große Gefahr, denn es ist im Gegensatz zu den Bewohnern unterwegs.

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Der Betrieb mit den verschiedenen Werkstätten, in denen Menschen mit Behinderung arbeiten, läuft ganz normal. Auch das Café und der Hofladen innerhalb der Anlage sind geöffnet. Man sei sich in Hohenfried bewusst, dass die Einrichtung für Menschen mit Behinderung, die sich nicht so leicht helfen können, eine besondere Verantwortung trägt. So sei oberstes Ziel, die Bewohner bestmöglich zu schützen und die Versorgung in dieser schwierigen Zeit sicherzustellen. So werden Lieferanten bereits weit vor der Anlage in der Zufahrt überprüft.

Externen Besuchern ist es nicht gestattet, Wohngruppen zu betreten. Sollten Eltern, Angehörige oder Betreuer einen Bewohner von Hohenfried abholen, muss dieser zu Hause bleiben, solange der Katastrophenfall in Bayern gilt. »Sollte es dennoch einen Infektionsfall in unserer Einrichtung geben, sind wir auch darauf mit einem Plan B vorbereitet«, so das Vorstandsduo.

Arbeitsunterbrechung in den Pidinger Werkstätten

Die Werkstätten und Förderstätten der Lebenshilfe in Piding sind derzeit geschlossen. Die dort arbeitenden Menschen befinden sich entweder bei ihren Familien oder in Wohnheimen der Lebenshilfe. Auch dort gilt aufgrund der Umstände ein behördlich angeordnetes Betretungs- und Besuchsverbot.

So feierte das Gesicht der »Special Olympics« – Paul Wembacher – seinen Geburtstag im Heim an der Ache in Berchtesgaden. Pauls Verwandte, die Familie Stocker, haben ihm zum Geburtstag einen Kuchen gebracht, den er sich mit seiner Wohngruppe hat schmecken lassen. Kontakte zu den Heimbewohnern der Lebenshilfe Berchtesgadener Land finden derzeit nur über Telefon und dergleichen statt.

Auch Heidi aus Schönau am Königssee wurde vor einigen Tagen aus ihrem Heim abgeholt und wohnt seitdem dauernd bei ihren Eltern. Die Heimleitung ist froh, dass derzeit nur etwa ein Drittel der Bewohner in den Einrichtungen betreut werden muss. Bei voller Besetzung würde das den Rahmen komplett sprengen, denn viele Menschen mit Behinderung brauchen schon in normalen Zeiten viel Zuwendung und Aufmerksamkeit.

Geleitet wird die Lebenshilfe Berchtesgadener Land von Dieter Schroll, der dreimal auf Holz klopfte, da bei den von seiner Institution betreuten Menschen mit geistiger und schwerster mehrfacher Behinderung bisher kein positiver Fall aufgetreten ist. Eine Ansteckung zu verhindern, ist Aufgabe aller Betreuer. Es diesen Menschen klarzumachen, worum es geht und warum sie sich dementsprechend verhalten müssen, ist zwar oftmals nicht leicht, aber zwingend nötig. Wie viele Menschen haben auch die Menschen mit Behinderung teilweise große Ängste, die ihnen die Betreuer zu nehmen versuchen.

Der ehemalige Leiter der Bergwachtregion Chiemgau, Thomas Küblbeck, zeichnet ebenfalls für die Lebenshilfe Berchtesgadener Land verantwortlich. Er leitet die »Offene Hilfe« und koordiniert unter anderem die Belange der Eltern, der gesetzlichen Betreuer und der Kostenträger und für die sozialgesetzlichen Belange. Das Haus der Lebenshilfe nahe dem Triftplatz in Berchtesgaden ist für den Publikumsverkehr gesperrt. Im Haus leben in Gruppen mehrere Menschen, die normalerweise in den Pidinger Werkstätten arbeiten.

Viel Arbeit für das Personal

Der Vater eines der Heimbewohner richtete einen tiefen Dank an das Personal, das in diesen schweren Tagen Großartiges leistet. Innerhalb der Wohngruppen können sich die Bewohner des Heims auch etwas um das Haus bewegen. Alles, was die Bewohner von außen brauchen, wird vor die Türe geliefert. Die einzige Verbindung zwischen den Heimbewohnern und ihren Angehörigen ist derzeit das Telefon oder Internet. Nachdem Anfang März die »Special Olympics Deutschland« (SOD) in Berchtesgaden stattgefunden haben, wurden alle bundesweiten Veranstaltungen, Fortbildungen und vieles Weitere zunächst einmal ausgesetzt. Termine und Sitzungen werden weitgehend als Telefon- und Videokonferenzen abgehalten.

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