Brutaler Angriff oder Notwehr?

Traunstein: Geschichten eines Heiratsschwindlers am Gericht: Mann knöpfte Angestellter mehr als 10.500 Euro ab
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Berchtesgaden – Wegen Körperverletzung und Beleidigung sollte der 33-jährige Busfahrer 3600 Euro zahlen. Dagegen legte der Mann Einspruch ein, denn er fühlte sich von seinem Gegenüber provoziert und seinerseits mit gestrecktem Mittelfinger und »Motherfucker« beleidigt. Strafverteidiger Jürgen Tegtmeyer mochte gar von Notwehr sprechen. Ein Video vom Berchtesgadener Bahnhofsplatz brachte kein eindeutiges Ergebnis. Am Ende stellte Richter Christopher Lang das Verfahren gegen die Zahlung von 2000 Euro ein.


Was war am Vormittag des 12. März dort passiert? Der angeklagte Busfahrer will den gegen die Einbahn fahrenden Autolenker per Handzeichen zu Vorsicht gemahnt haben. Der habe darauf mit dem gestreckten Mittelfinger reagiert. Am Bahnhofsplatz soll es dann zu Streit und Schubsereien gekommen sein. Die Anklageschrift beschrieb rund 15 Schläge gegen den Kopf und den Oberkörper des Gegenübers, der multiple Prellungen und Verstauchungen davongetragen habe.

»Mein Mandant darf seine und die Ehre seiner Mutter verteidigen«, zeigte Rechtsanwalt Tegtmeyer Verständnis für die Reaktion des Busfahrers, wobei der Verteidiger eine etwas überzogene Reaktion nicht ausschließen mochte. Tegt-meyer verwies auf Zeugen des Geschehens, die Streit und »Stinkefinger« bestätigten. »Er hat mir eine reingeboxt«, beschuldigte der Angeklagte den anderen Mann, der währenddessen im Flur des Amtsgerichts auf seine Aussage wartete. »Die Verletzungen hat sich der Zeuge sicher nicht selbst zugefügt«, relativierte der Strafrichter die Darstellung des Busfahrers.

Staatsanwalt Dr. Ralf Burkhard mochte in der Videosequenz der Überwachungskammer zumindest eine Phase erkennen, in der die Angelegenheit hätte beendet werden können. Und doch war die Auseinandersetzung weitergegangen. Die wenigen Zeugen des Geschehens hatten gegenüber der Polizei jeweils nur Sequenzen beschreiben können. Einer davon konnte einen mehrfachen gestreckten Mittelfinger des Gegenübers bestätigen. Ein Zweiter hatte den Eindruck geschildert, der Andere habe nicht von dem Busfahrer abgelassen.

An diesem Punkt regte Anwalt Jürgen Tegtmeyer die Einstellung des Verfahrens an. Bei einer Einvernahme des Widersachers als Zeuge sah der Verteidiger die Gefahr einer Falschaussage und erwartete »einen Belastungseifer hoch drei«. Nach anfänglichem Zögern zeigte sich Staatsanwalt Burkhard »in Gottes Namen« zu einer Einstellung bereit. Als Geldauflage einigten sich die Beteiligten auf 2000 Euro. Der Busfahrer hat bis Ende November Zeit, diesen Betrag an die Staatskasse zu überweisen. Über den Widersacher wurde weder Alter noch Wohnort und Beruf bekannt.

Hannes Höfer

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