Buchpräsentation im Pfarrheim St. Andreas

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Ein gut aufgelegter Pfarrer i.R. Dr. Walter Brugger las aus seinem neuen Buch.
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Der frühere Berchtesgadener Pfarrer Dr. Walter Brugger (M.) stellte im Pfarrheim St. Andreas seine Memoiren vor. Darüber freuten sich (v.l.) die Verleger Anton Plenk, Rosmarie Plenk und Anton Quirin Plenk sowie Pfarrer Dr. Thomas Frauenlob. (Fotos: Ulli Kastner)

Berchtesgaden – Mit seinen 92 Jahren hat Dr. Walter Brugger nichts von seiner Energie, seinem Wissensdurst und seiner Erzählkunst verloren. Das war am Dienstag im Pfarrheim Berchtesgaden zu spüren, als der frühere Berchtesgadener Pfarrer im sehr kleinen Kreis sein im Plenk Verlag erschienenes Buch »Unterm Gipfelkreuz des Lebens« präsentierte.


In seinen Memoiren schildert er nicht nur seine aufregende Lebensgeschichte, sondern will vor allem mit den Klischees rund um den Priesterberuf aufräumen. Humorvoll und emotional beschreibt der gebürtige Laufener, wie er in seiner Berchtesgadener Zeit immer wieder gegen Wände lief und er nach schlimmen Schicksalsschlägen die Frage nach dem Warum selbst nicht beantworten konnte. Sein Fazit: »Selbst bist du nur ein armer Schlucker. Die Kraft kommt von oben, von der Auferstehung her.«

Mit Zielstrebigkeit, Humor, aber auch einer guten Portion Streitbarkeit ging Dr. Walter Brugger durch sein fast 93-jähriges Leben, das er nun in dem 238-seitigen Buch zusammenfasst. Er erzählt von seiner Kindheit in Laufen, den Kontakten mit dem NS-Regime inclusive Einsätzen als Flakhelfer und den Herausforderungen im Reichsarbeitsdienst am Tatzelwurm bei Brannenburg, die Brugger als »schwerste Zeit meines Lebens« bezeichnete. Da blieb zum Kriegsende hin nichts anders als die Flucht.

Dass Walter Brugger anschließend die Priesterlaufbahn einschlug, hat er zum einen seiner Oma, zum anderen einem besonderen Geschenk zu verdanken, das er bereits im Alter von fünf Jahren von seinem Opa bekommen hatte. Es war ein Hausaltar aus Holz, fast einen Meter hoch samt allem Zubehör wie Messkännchen und Weihrauchfass. »War es Vorsehung, Vorahnung, Gnade, eine frühe Zielvorgabe?«, fragt sich Brugger in dem Buch und räumt ein, die Antwort nicht zu kennen. »Ich weiß nur, dass ich dann zu Hause Messe spielte und zur Predigt auf ein Stühlchen kletterte, um meine Schwester und ihre Freundin, die das über sich ergehen lassen mussten, besser sehen zu können und unter Kontrolle zu halten.«

Die Berchtesgadener Zeit

Zu seinen vielen Stationen, die Pfarrer i.R. Dr. Walter Brugger in dem Buch erwähnt, gehört vor allem auch die Zeit in Berchtesgaden. Lustiges und Nachdenkliches, Schräges und Bedrückendes hat er zwischen 1982 und 1995 hier erlebt, bis er das Amt wegen einer schweren Erkrankung an Pfarrer Peter Demmelmair abgab. Bis dahin war das Verhältnis zwischen Pfarrer und Bevölkerung kein leichtes. So nennt er die Berchtesgadener in dem Buch »ein Gebirgsvolk, bei dem man lange braucht, bis man angekommen ist und ins Herz geschlossen wird«. Immerhin stellt Brugger fest: »Wir haben es wechselseitig versucht, am Schluss scheint es gelungen zu sein.«

Heute kann Dr. Walter Brugger über die verschiedenen Konfrontationen mit den brauchtumsverliebten Einheimischen nur lachen. Ein paar Geschichten erzählte er am Dienstag. So konnte der Pfarrer nie verstehen, dass bei einer Bauernhochzeit der Progoder die Eheleute nach der Trauung am Alter wieder trennt. Brugger hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das zu ändern, beharrte dann in der Kirche sogar auf sein Hausrecht. Die Folge war, dass künftig die »gefügigen und gefolgsamen« Kaplane für Bauernhochzeiten herhalten mussten.

Gegen Wände gelaufen ist der Pfarrer auch in Maria Gern, wo ihm das Buttn­mandllaufen am Heiligen Abend gegen den Strich ging. »Das liegt heidnischem Brauchtum näher als christlichem Denken und Handeln«, schreibt er. Der Pfarrer schlug die Verlegung auf einen Adventssonntag vor – freilich ohne Erfolg.

»Panische Angst«

Während Dr. Walter Brugger heute humorvoll auf solche Geschichten zurückblickt, haben sich andere tief in seine Seele eingegraben. Es sind die vielen schrecklichen Unglücke, nach denen der Pfarrer den Hinterbliebenen in Berchtesgaden Trost spenden musste, obwohl er nach eigenen Worten »panische Angst« davor hatte. Das war 1992 so bei einem schlimmen Verkehrsunfall auf der Schnitzhofallee in Marktschellenberg, bei dem ein Familienvater und seine beiden kleinen Mädchen ums Leben kamen. Brugger befürchtete, dass ihn die Mutter hinauswerfen werde, weil sie mit Gott abgeschlossen habe. Doch das war nicht der Fall, er durfte mit der Frau weinen und sie umarmen. »In solchen Stunden suchst du selbst nach der Kraft, die du brauchst, um das alles durchzustehen«, ließ ein emotional stark berührter Dr. Walter Brugger die Zuhörer im Pfarrsaal wissen.

Ähnlich war es 1991 bei dem schlimmen Odlgruben-Unglück am Schablweg mit drei Toten aus einer Familie. »Da willst du eigentlich nicht hin, du suchst nach Ausreden«, erinnerte sich Brugger. »Dann sah ich da oben die Frau, sie stand, ein Mädchen am Arm, ein anderes an der Hand, wie eine Säule«. Die Frau nahm die Kinder der Verunglückten zusätzlich zu ihren drei Buben auf. »Das sind für mich die wahren Heiligen«, betonte Brugger, der zwei weitere schlimme Todesfälle im Buch erwähnt. Zwei seiner Schüler sind an einem Gehirntumor und an Leukämie verstorben. Der Pfarrer musste trösten, das Requiem und die Beerdigung abhalten. »Der Kindersarg im Grab, das Schluchzen hinter dir, das Stochern im Nebel des Warum. Fragt mich nachher jemand, wie es mir jetzt geht, wenn ich mitten drin war?«

Aber natürlich war nicht alles bedrückend während Bruggers Zeit in Berchtesgaden. Der Pfarrer konnte schon einige Erfolge erreichen, oft mit trickreichen Schachzügen. »Ich bin schon oft raffiniert, manchmal auch a bisserl gschert«, stellte er lachend fest. Damit meinte er beispielsweise seine Anstrengungen, die zunächst in München geplante Diözesanfeier im Rahmen der Seligsprechung Pater Kaspar Stanggassingers nach Berchtesgaden zu holen. Und auch der Reliquienschrein Kaspar Stanggassingers, der eigentlich in Gars am Inn hätte bleiben sollen, fand auf Betreiben Bruggers schließlich seinen Platz in Berchtesgaden.

Und dann kommt Walter Brugger in dem Buch natürlich noch auf die Wiedereröffnung des Alten Friedhofs und dem späteren Neubau der Aussegnungshalle zu sprechen. Keine Frage, dass auch hier der umtriebige Priester seine Hand im Spiel hatte.

Mittags ein warmes Weißbier

Es sind viele weitere Geschichten, die der Pfarrer i.R. in seinem Buch aufrollt: seine 15-jährige Zeit als Wieskurat in Freising, seine Freundschaft zu Papst Benedikt, seine Reisen, Begegnungen und Projekte. Und schließlich seit Januar 2020 sein Ruhestand im Wohnstift Marquartstein. Hier hat er zwar einen streng geregelten Tagesablauf, zu dem unter anderem mittags ein warmes Weißbier und der Mittagsschlaf sowie abends ein Normalbier gehören. Aber hier geht auch Bruggers Forschungsarbeit weiter, denn der Wissensdurst des 92-Jährigen ist nach wie vor ungestillt.

»Es ist eine gute Zeit für dieses Buch«, hatte Verleger Anton Quirin Plenk in seinen Begrüßungsworten im Pfarrheim festgestellt. Denn aktuell stünden die Kirchen in einem gewaltigen Spannungsfeld. Dass Brugger nach der »Geschichte Berchtesgadens« nun auch seine Memoiren im Plenk Verlag herausgebe, sei eine große Ehre. Der Autor selbst bedankte sich bei allen Mitwirkenden, allen voran Marlene Anner aus Rimsting für die umfangreiche Computerarbeit sowie Siegi und Johanna Götze aus Marquartstein für die Zusammenstellung des umfangreichen Bildmaterials.

Ulli Kastner

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