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Thomas Grasberger nutzt den freien Tag für ein privates Extra-Stück. (Fotos: Dieter Meister)

Das Refugium der Fantasie – Tag der offenen Tür in der Schnitzschule gewährt vielfältige Einblicke

Berchtesgaden – Es gibt immer viel zu sehen am Tag der offenen Tür in der Berchtesgadener Schnitzschule. Der Besucher ist sehr selten allein, immer wuseln viele Neugierige um ihn herum, was eine offizielle Aufsicht fast überflüssig macht.


Am Tag nach der Freisprechung nutzen auch viele Eltern und Freunde der Absolventen die günstige Gelegenheit, hinter die Kulissen zu schauen, das Umfeld, das ihre Familienmitglieder drei Jahre lang genießen durften (oder mussten) kennenzulernen. Man kann sich jedes Mal, wenn sich die Gelegenheit bietet, neu auf den Weg machen. Und man wird garantiert immer Neues kennenlernen, manchmal Bekanntes wiedersehen, was auch Spaß macht.

Der Schulbetrieb ruht. Ein drittes Ausbildungsjahr gibt es jetzt nicht mehr. Es sind fast schon Sommerferien. Aber die Gesellenstücke, die großteils Anerkennung verdienen, stehen noch ausgestellt. Und, fast unbemerkt in der Riege der drängelnden Neugierigen bewegt sich doch etwas. Beispielsweise Jonathan Kammerer, jetzt gerade noch zweites Lehrjahr in der Klasse von Walter Ziegler. Er will einen Schuhlöffel kreieren mit kunstvollem Griff. Das Vorbild hängt in Blickweite. Und ein paar Schritte weiter, in einem anderen Werkraum, ist Thomas Grasberger am Werken. Grasberger ist gerade dabei, das erste Lehrjahr in der Klasse von Lutz Hesse zu beenden. Er schnitzt hier in der Freizeit an einem Ritterfigürchen und ist auskunftsfreudig wie sein Kollege nebenan.

Vielleicht bräuchte man doch eine offizielle Aufsicht. Die wenigen Distanzlosen öffnen Türen von Schränken, die wohl in den Wohnungen der ehemaliger Schnitzschüler stehen sollen. Aber man muss natürlich feststellen, ob alles festsitzt, nicht wackelt, auch wenn man ein wenig fester zieht.

Die buchhalterisch Veranlagten zählen die Lamellen an Kommoden und Schränken und rechnen aus, wie lange der Schreiner oder die Schreinerin gebraucht haben mag, bis sein oder ihr Werk nun als Schmuckstück zur Schau stehen kann.

Der Durchschnittsbesucher steht vor einem beweglich wandelbaren Gesellenstück einer Holzbildhauerin und überlegt, wie geschoben werden müsste, um die Stichworte »Chaos« oder »Sehnsucht« darzustellen. Eine Gans mit Menschenfüßen erregt Aufmerksamkeit: Interessant, Quatsch, originell, sind einige der Beurteilungen.

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Die Watzmann-Sage im Wimmelbild: Das Gesellenstück von Daniel Schmid erinnert an russische Märchenbücher.

Man kann durchaus auch tolle Idee und genial umgesetzt sagen, oder wenigstens denken. Im Parterre hängt die ins Relief gesetzte und sehr detailreiche Watzmannsage, die vielleicht ein wenig an russische Märchenbücher denken lässt. Auf den Wegen in die Werkräume fällt vieles andere auf, das man bisher übersah oder das eigens für die Tage der offenen Tür dort platziert wurde. Eigenartige Figuren säumen den Weg: eine allgemein bekannte und wohlbeleibt Figur aus »Asterix«, die eine Art Riesenzapfen auf dem Rücken trägt, ein Schaukelpferd reitet auf einem Holzschwein und daneben steht ein grober Klotz, auf dem gezeichnet ist, was es einmal werden soll – eine Antilope vielleicht oder doch »nur« ein Esel?

Der Besucher befindet sich im Refugium der Fantasie. Alles ist möglich. Der doppelte Ochsenkopf aus Gips und Holz kann einem da allerdings auch nicht weiterhelfen.

Dieter Meister

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