»Der alte Obersalzberg bis 1937«: Erinnerungen an ein fast ausgelöschtes Dorf

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Das Oberwurflehen: Besitzer Josef Hölzl wehrte sich bis zuletzt gegen den Zwangsverkauf. Am Ende erhielt er nur eine Reichsmark pro Quadratmeter.
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Das Meisterlehen am Obersalzberg war geteilt, Ober- und Untergeschoss hatten jeweils andere Besitzer. (Repros: Dieter Meister)

Berchtesgaden – Im Jahre 1921 konnten die Gründer der Weihnachtsschützen Obersalzberg mit Sicherheit nicht ahnen, dass ihren Nachfolgern nach genau einem Jahrhundert große Brocken in den Weg, der zur würdigen Jubiläumsfeier führt, gelegt werden. Die Ausstellung »Der alte Obersalzberg bis 1937«, die eigentlich im Februar und März gezeigt werden sollte, öffnet erst rund ein halbes Jahr später ihre Pforten im AlpenCongress. Gut daran ist jedoch, so der 1. Vorsitzende der Weihnachtsschützen, dass man mehr Zeit zur Verfügung hatte, um die umfangreiche und mit wertvollen Informationen brillierende Schau vorzubereiten.


Wenn der Begriff Obersalzberg in den Nachrichten auftaucht, denken viele, wenn sie ihn überhaupt einordnen können, unwillkürlich an die Zeit, in der »der Führer« hier residierte, bis zum Kriegsende 1945. Den meisten, und da zählen wohl auch die zumindest jüngeren Einheimischen dazu, fehlen wohl die Informationen, dass am Obersalzberg ein ganz normales, gewachsenes Bauerndorf bestand, in dem Familien ihre Heimat hatten, oft über Generationen hinweg.

Das war auch noch so, als die »Sommerfrische« eine kleine Armada von gut Betuchten, zuweilen auch Prominenten auf den Berg spülte, die sich einkauften. Immerhin war dann hier deutschlandweit der einzige Erholungsort in mehr als 1 000 Metern Höhe. Ein abruptes Ende dieser »Idylle« setzten dann die Nationalsozialisten, die diesen wunderbaren Fleck Erde anmaßend für sich allein beanspruchten und die Bewohner gnadenlos vertrieben.

Die Ausstellung will erinnern. In Erinnerung rufen, was der »Lauf der Zeit« möglicherweise verblassen ließ oder den Nachgeborenen gar nicht erst ins Bewusstsein kam. Unter der Ägide von Sepp Hofreiter, seit 2012 der 1. Vorsitzende der Weihnachtsschützen Obersalzberg, und Dieter Schweiger, Ehrenmitglied seit 2008, entstand eine Ausstellung, die sich auf die Geschichte des Obersalzbergs bezieht, bevor das Gelände zwangsweise geräumt und verwüstet wurde.

Wegweiser

»Der alte Obersalzberg bis 1937« war ein Bauerndorf, in das sich zwar wohlbestallte Gäste eingekauft hatten, das aber den einst dörflichen Charakter weitestgehend bewahrt hatte. Die Macher der Ausstellung haben das im Jahre 1989 erschiene Büchlein von Hellmut Schöner und Rosl Irlinger mit dem Titel, den auch die Ausstellung trägt, als Wegweiser für ihr Konzept zugrunde gelegt. Tafeln zeigen Geländeübersichten und 61 Ansichten mit Hintergrundinformationen der damaligen, meist entfernten Anwesen.

Weitere Aspekte unter vielen sind beispielsweise die Motorisierung des Gebietes sowie der Rodelsport, dessen inzwischen zur Tradition gereiftes Dasein in der Region genau hier begann, was den Obersalzberg auch zur Wiege des Wintersports werden ließ. Was übrigens die Malerin Maria Harrich seinerzeit zu einem Panoramabild anregte, das ebenfalls zu sehen sein wird. Die Weihnachtsschützen Obersalzberg schossen auch vor dem Berghof zu Silvester das neue Jahr an. Aber ein paar Schritte weiter im Rundgang steht der Betrachter vor der Gedenktafel für die, die im bald folgenden Weltkrieg ihr Leben lassen mussten. Ein auflockerndes Element ist sicher der Stummfilm über das Obersalzbergrennen von 1926.

Enteignete Heimat

Der Obersalzberg war nicht nur eine Ansammlung von Bauernanwesen, Pensionen und Villen, er war vor allem auch die Heimat, der Lebensmittelpunkt vieler Menschen, denen dies weggenommen wurde. Dass die, die früh auf Druck von Bormann kapitulierten, durch die Kaufsumme in der Lage waren, sich anderswo wieder gut anzusiedeln, ist nur ein Teil der Wahrheit. Den Weihnachtsschützen Obersalzberg, die im AlpenCongress auch ihre umfang- und informationsreiche Festschrift zum 100. und doch ganz anders als geplanten Jubiläum anbieten, ist eine überaus bemerkenswerte Ausstellung gelungen, die möglicherweise nicht den üblichen museumsdidaktischen Standard erfüllt, dafür aber spürbar aus Liebe und, ja, Herzblut gewachsen ist.

Für den Rundgang muss sich der für die überwältigend üppigen Eindrücke offene Besucher Zeit nehmen. Für besondere Fragen kann er vor Ort stetig einen Ansprechpartner finden, der helfen kann, die Dinge der Vergangenheit in die Gegenwart einzuordnen. Vom 22. August bis einschließlich 12. September ist die Ausstellung geöffnet und täglich zwischen 10 und 12 Uhr sowie von 14 bis 17.30 Uhr zugänglich.

Dieter Meister

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