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Tobias Kastner (l.) übernimmt von Josef Wenig das Amt des 1. Vorstands der Vereinigten Trachtenvereine des Berchtesgadener Landes. (Fotos: Bernhard Stanggassinger)

Der »Diplomat mit Rundscheibling« macht nach 18 Jahren Schluss

Berchtesgaden – 18 Jahre lang stand Sepp Wenig an der Spitze der Vereinigten Trachtenvereine des Berchtesgadener Landes. Jetzt macht der »Diplomat mit Rundscheibling«, wie Marktbürgermeister Franz Rasp seinen Bürgermeister-Stellvertreter nannte, Schluss. Bei der Frühjahrsversammlung mit anschließendem Kranzl im »Alpensport-Hotel Seimler« übergab der »Schaffei« das Amt des 1. Vorstands an Tobias Kastner vom GTEV D'Funtenseer.


Veranstalter der Frühjahrsversammlung war der GTEV D'Untersberger-Stamm. Dessen 1. Vorstand Richard Grüsser konnte sogar den Gauvorstand Michael Hauser begrüßen, der an diesem Tag seinen 60. Geburtstag feierte. Grüsser war vor der Versammlung die Frage gestellt worden, ob man trotz des Krieges in der Ukraine ein Kranzl durchführen könne. Richard Grüssers Antwort war eindeutig: »Wenn wir jetzt, wo wir es wieder können, das wieder nicht durchziehen, also eine Frühjahrsversammlung mit anschließendem Kranzl abzuhalten, dann verlernen es wir Alten und die Jungen werden es nicht lernen«. Dafür bekam der 1. Vorstand kräftigen Applaus.

Zum Totengedenken bat Wenig die Versammlung, sich von den Plätzen zu erheben. Die Worte des Vereinigungsvorstands stimmten nachdenklich: »Es war für viele einsam das letzte Geleit, wir konnten unseren Vereinsmitgliedern wegen Corona nicht die letzte Ehre am Grab erweisen.«

Sepp Wenig: Gespür für Moderne und Tradition

»Würde ich wissen, dass morgen die Welt untergeht, dann würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen«. Mit diesem Zitat, das Martin Luther zugeschrieben wird, wollte Marktbürgermeister Franz Rasp in seinem Grußwort ausdrücken, dass es darum gehe, »an dem, was wir haben, festzuhalten, positiv in die Zukunft zu schauen und nicht zu vergessen, wo wir herkommen«. Umso mehr freue er sich, dass zurzeit mehrere Vereine Vereinsheime planen. Den scheidenden Vereinigungsvorstand Sepp Wenig, gleichzeitig 2. Bürgermeister und langjähriger Marktgemeinderat, bezeichnete der Marktbürgermeister als »Diplomat mit Rundscheibling«. Wenig habe immer darauf geschaut, dass es bei den Leuten ein Miteinander gibt. »Er war derjenige, der sich darum gekümmert hat, dass die Vereine zusammen kommen.« Sepp Wenig sei auch dafür verantwortlich, dass der Schützen- und Trachtenjahrtag »das ist, was er jetzt ist«. Franz Rasp lobte die »gerade Linie« Sepp Wenigs und sein Gespür für Moderne und Tradition. Für seine jahrzehntelange Arbeit gelte ihm ein herzliches Vergelt's Gott. Rasps Dank galt aber auch Hans Walch, der an diesem Abend das Amt des Kassiers niederlegte.

Renate Murf verlas ihren Schriftführerbericht für die letzten drei Jahre. Höhepunkte waren das 100-jährige Gründungsfest des GTEV D'Achentaler, das 100-jährige Gründungsfest des GTEV D'Funtenseer und kürzlich der Gaujugendtag im Kurgarten. Großteils berichtete die Schriftführerin aber von Veranstaltungsabsagen aufgrund von Corona.

Hans Walch verlas nach 24-jähriger Tätigkeit als Kassier seinen letzten Kassenbericht für die Jahre 2019 bis 2021. Die Kasse weist einen positiven Bestand auf und war von den Kassenprüfern Max Neudecker und Wolfgang Graßl geprüft worden. Es gab keinerlei Beanstandungen und dem Kassier wurde deshalb die Entlastung erteilt. Walch bedankte sich bei allen, mit denen er in all den Jahren zusammen gearbeitet hatte.

Auch Andreas Neumayer hört auf

Andreas Neumayer stellte nach 20 Jahren ebenfalls sein Amt als Jugendleiter zur Verfügung. In seinem Bericht bedauerte er, dass seit Corona die Jugendarbeit so gut wie still gelegt worden sei. Sein Steckenpferd als Jugendleiter war das Vereinigungs-Preisplatteln. Dadurch habe man es geschafft, dass wieder mehr Vereine beim Gau-Preisplatteln mitmachen. Neumayer äußerte den Wunsch an seinen Nachfolger, dass man das Preisplatteln mit dem richtigen Fingerspitzengefühl zwischen Gaudi und Ernst weiter betreibe. Mit den Worten »Jugendarbeit geht uns alle an« verabschiedete sich Andreas Neumayer.

Michael Brandt war von seinem Vorgänger Tobias Kastner in die Aufgaben des Gebietsvertreters eingeführt worden – und es macht ihm Freude. Nach Michael Brandts Worten gab es in den letzten neun Monaten trotz Corona viele Zusammenkünfte. Als Gebietsvertreter darf Michael Brandt das Gebiet Berchtesgaden mit knapp 2 000 Mitgliedern im Gauverband I vertreten, genauso darf er umgekehrt den Gauverband I in Berchtesgaden vertreten.

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Die Untersberger tanzen auf.

Schützen- und Jahrtage ein besonderes Erlebnis

Als schönsten Termin der letzten Zeit bezeichnete 1. Vorstand Sepp Wenig in seinem Bericht den Gaujugendtag im Kurgarten. »Es war im September ein unvergesslicher Nachmittag, der das Gefühl gab, dass nicht allzu viel in den schwierigen Zeiten kaputt gegangen ist.« Wenig verlieh seiner Hoffnung ausdruck, dass es jetzt besser wird und »wir unsere Feste wieder feiern können«. In diesem Zusammenhang verwies er auf das bevorstehende 100-jährige Gründungsfest des GTEV D'Kehlstoana.

Sepp Wenig blickte schließlich auf die 18 Jahre als 1. Vorstand der Trachtenvereinigung zurück und fasste zusammen, dass er »keinen einzigen Tag missen möchte«. Was ihn am meisten freute, waren die Schützen- und Trachtenjahrtage im AlpenCongress. »Unsere Bürgermeister waren immer da, aber auch die hohe Politik. Michaela Kaniber und Dr. Peter Ramsauer sind zu unserem Jahrtag gekommen, ohne dass wir sie eingeladen haben, weil sie gesehen haben, dass da was los ist und sich was rührt«, sagte Sepp Wenig.

Die anschließenden Neuwahlen leitete Marktbürgermeister Franz Rasp. Wie erwartet, gaben die Mitglieder Tobias Kastner das Vertrauen und wählen ihn zum neuen 1. Vorstand (alle Wahlergebnisse siehe Kasten). Der bedankte sich gleich einmal bei den Vorstandsmitgliedern für die geleistete Arbeit und formulierte drei Anliegen für die nächsten drei Jahre. Er forderte das Tragen der Tracht, das Leben des Brauchtums und das Festhalten am Glauben. Wichtig ist dem neuen Vorstand auch die Zusammenarbeit mit den Weihnachtsschützen. Der GTEV D'Schellenberger übergab schließlich die Standarte an den GTEV D'Untersberger-Stamm.

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Sterntanz der Watzmanner.

Grußworte des Gauvorstands

Gauvorstand Michael Hauser beglückwünschte die neu Gewählten in der Vorstandschaft und lobte die Werte der Einheimischen, was Brauchtum und Heimatliebe betrifft. Beeindruckt hat ihn nach eigenen Worten Pfarrer Herwig Hoffmann, der aus seiner Gegend Neumarkt St. Veit stammt. »Der hätte bei uns nie eine Tracht angezogen. Jetzt hat er sich eure Tracht gekauft und man spürt, mit wie viel Herzblut er dabei ist.«

Thomas Holm, Vorstand der Vereinigten Weihnachtsschützen, gratulierte der Vorstandschaft und beteuerte den Zusammenhalt zwischen Schützen und Trachtlern, »zwischen die kein Blatt Papier geht«.

Das anschließende Trachtenkranzl hatte Richard Grüsser organisiert. Es wurden Plattler und Trachtentänze gezeigt. Der GTEV D'Untersberger-Stamm präsentierte den Schimmeltod, die Vereinigung die Sternpolka, die Watzmanner den Sterntanz, die Schellenberger einen Zwoa Steirer, die Edelweißer einen Walzer, die Achentaler das Mühlradl, die Funtenseer einen Zwoa Steirer, die Kehlstoaner einen Drei Steirer, die Almrauscher das Mühlradl und die Weißenstoaner den Inzeller. Die passende Musik zu den Tänzen und zur Unterhaltung spielten die »Karolina Böhmischen«.

Bernhard Stanggassinger

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