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Die ehemalige Fragnerei Ladldoffei, heute Charivari. Foto: Johannes Schöbinger

Der Fragner und seine 43 Fragen – Die Tante-Emma-Läden der Fürstpropstei Berchtesgaden

Berchtesgaden – Mit Unterstützung der Berchtesgadener Landesstiftung erfuhr in den vergangenen Jahren eine Reihe heimatgeschichtlich bedeutsamer Baudenkmäler durch Denkmalschilder eine sichtbare Hervorhebung. Sie wurden mit einer historischen Informationsaussage in das Bewusstsein der heimischen Bevölkerung und Gäste gerückt, wie bei der sogenannten Hainzenbehausung in der Maximilianstraße in Berchtesgaden. Unklar blieb, was sich hinter dem Begriff »Fragnerei« verbirgt. Ein bloßer Kramerladen, dessen Betreiber Fragner hieß?


Deren Historie geht sehr weit zurück. Erste namentlich genannte Fragner finden sich in Archivalien des 15. Jahrhunderts. Und in der fürstpröpstlichen Markt- und Bürgerordnung von 1567 taucht der Fragner amtlich als historische Berufsbezeichnung für einen Klein- und Viktualienhändler auf. Diese waren zuständig für die tägliche Lebensmittelversorgung, indem die Kunden nach deren Artikeln »fragten«. Sie allein waren zum Verkauf der »gemainen fünff Fragen« berechtigt und verpflichtet: Brot, Schmalz, Käse, Schotten (Quark) und Kerzen.

Zur hinreichenden Versorgung des Marktes und seiner Bewohner wurde im Laufe der Zeit das Verkaufsrecht auf weitere Fragen des täglichen Bedarfs wie Eier, Obst, Rüben, Erbsen, Zwiebeln, Knoblauch oder auch Essig ausgedehnt. Genauere Vorschriften bieten hierzu die fürstlichen Marktordnungen der Jahre 1618 oder 1691. Jeder Fragner durfte außerdem Branntwein und Bier ausschenken. Voraussetzung war jedoch, dass er diese alkoholischen Getränke bei einem Wirt erworben hatte. Ebenso war festgelegt, bei welchen Bäckern die Fragner das Brot »zuekauffen sollen«, zum Beispiel beim Pfister, in Frauenreuth oder beim Hebenstreit in Ilsank. Sie wurden streng angehalten, auf das »rechte Gewicht« zu achten, »um sich vor Strafe zu hüten«.

Eine ausführliche Regelung erfuhr die Frage nach Umschlitt, dem begehrten Rindertalg, der für Kerzen und besonders für die Lampen dringend benötigt wurde. Die Fragner bekamen jährlich nur die Menge überlassen, die man nicht für den Salzbergbau und für die fürstliche Hofmeisterei brauchte. Bei Strafandrohung war zum Unschlittverkauf niemand anderer berechtigt. Um einen unerwünschten Export zu verhindern, bevorzugte man beim Schmalzankauf ebenfalls die Fragner. Die »Fragen« nach Leinwand, Stoff oder Tuch wurde von der fürstlichen Obrigkeit als »Sondergerechtigkeit« nur einzeln Fragnern zugestanden; zum Beispiel dem Fragner im Haidenhaus in Schellenberg.

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Spezifikation der Fragnerei im Nonntal mit den 43 Artikeln.

Ein kurzer Blick auf gängige Lebensmittelpreise beim Fragner um 1655/60: Ein Pfund (= 454 Gramm) Schmalz kostete 24 Kreuzer (Xr.), ein Pfund Rindfleisch 3 Xr., ein Laib Brot 4 Xr., fünf Eier 1 Xr., eine Maß Wein (= 1,06 l) war für 36 Xr. zu haben und ein Pfund Kerzenwachs kam auf den stattlichen Preis von 1 Gulden (fl). Um die frühere Kaufkraft vergleichen zu können, sind die seinerzeit üblichen Einkommen heranzuziehen. Ein Maurermeister hatte damals einen täglichen Lohn von 17 Xr., während der Zimmerermeister 24 Xr. verdiente und der Taglohn eines Waldarbeiters 6 Xr. betrug. Andererseits hatte der Rat und Stiftskanzler neben Naturalien (unter anderen Salz-, Wein- und Getreidedeputat, Holz, Wild, Fisch, Kerzen, Kleidung) ein jährliches Grundeinkommen von 500 Gulden. Der Gulden war die gängige Währung mit folgender Umrechnung: 1 Gulden (fl) = 60 Kreuzer (Xr) = 240 Pfennige (dn) = 480 Heller (hl).

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Informationen am heutigen Modehaus Seiberl.

Gegen Ende der Fürstpropstei Berchtesgaden im Jahre 1803 hatte sich die Verkauferlaubnis für Artikel oder »Fragen« auf 43 verschiedene Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände ausgeweitet, wie aus der »Spezifikation« der Fragnerei, dem Kramerhaus im Nonntal, ehemals Lebensmittel Gollinger, zu entnehmen ist. Der in der abgebildeten Leistungsbeschreibung genannte Kässtecher ist die salzburgisch-österreichische Bezeichnung für den Kleinhändler und hat nichts mit dem Käsemesser zu tun.

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Denkmalschild an einer ehemaligen Fragnerei.

Der Fragner bezog seine Waren überwiegend von heimischen Produzenten, zum Beispiel den »Älblern«, wie es in der Marktordnung heißt. Sie waren seit alter Zeit Direktvermarkter und Nahversorger, von denen es allein im Marktgebiet Berchtesgaden ein Dutzend gab. Einige der einstigen Fragnereien firmieren bis heute als Handelsgeschäfte (»Schmalzsuppn« – Modehaus Seiberl) oder als sonstige Gewerbe (»Ladldoffei« – Charivari). Damals wie heute mussten die Fragner kommunale Abgaben und Steuern entrichten in Höhe von jährlich 7 bis 10 fl. Bei der Neuvergabe fiel eine Gebühr von 3 bis 5 Gulden an. Wie so oft bei einem Blick in die Geschichte gilt auch hier eine alte Weisheit: »Die Zukunft hat zwar schon begonnen, aber die Vergangenheit ist noch nicht beendet.« Die Zeit der Tante-Emma-Läden ist wohl vorbei.

Johannes Schöbinger

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