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Das Salonquartett »Reich an Hall« erwies sich als Garant für ein facettenreiches Konzert (v.l.): Fred Ullrich (1. Violine), Magdalena Doering (2. Violine), Patricia Hawkins (Viola) und Barbara Eger (Violoncello). (Foto: Dieter Meister)

Drei Schöne und ein Biest – Ein »Sommernachtstraum« mit dem Salonquartett »Reich an Hall«

Berchtesgaden – Der Kulturkreis Berchtesgaden lud am Freitag zu einem Konzert der »leichten Muse« mit dem Salonquartett »Reich an Hall« in den Kleinen Saal des AlpenCongress ein. Drei Frauen und ein Mann, der, wie auch sonst, die 1. Geige spielte. Vier brillante Musiker, die mit sichtbarer Lust »Melodien spielten, die Sie kennen« und auch eine ganze Reihe von denen, »die Sie nicht kennen«, sagte Fred Ullrich, der die Besetzung als »Drei Schöne und ein Biest« vorstellte, sich aber ganz und gar nicht als solches präsentierte, sondern als charmanter Moderator zwischen den Stücken fungierte und zur Musik allerlei Wissens- und Staunenswertes in die kleinen Pausen einstreute.


Populäres und Überraschendes

Er und seine Kolleginnen Magdalena Doering (2. Violine und erstmals hörbar – prächtig eine abwesende Kollegin ersetzend), Patricia Hawkins (Viola) und Barbara Eger (Violoncello) erwiesen sich überdies als hervorragende Interpreten und wussten über fast zwei Stunden ihr Publikum zu fesseln. Populäres, aus dem Archiv Gefischtes und Überraschendes, weil man es von einem Streichquartett nicht unbedingt erwarten durfte, machten das Konzert zu einem äußerst kurzweiligen Vergnügen. Beispielsweise mit der Musik von Joseph Gung'l. Der gründete im Jahre 1868 die »Bad Reichenhaller Philharmonie«. Er war der erste Chefdirigent dieses Orchesters. Und hat Klingendes hinterlassen wie »Am Königssee«, einen »Ländler im oberbayerischen Stil«. Den zu hören ist wohl eine seltene Gelegenheit. »Reich an Hall« bot sie und ließ den eher ruhigen, fast, mindestens in Phasen, gemächlich plätschernden See erahnen.

Zuvor gab es eine weitere kleine Kostbarkeit mit heimischer Nuance. Sagte jedenfalls Fred Ullrich und machte aufmerksam, dass an Takt 56 eine Berchtesgadener Weise zu hören sei. Möglicherweise haben kundige Zuhörer mitgezählt und dann genüsslich Bekanntes im Fragment hören können bei Oskar Petras »Frohsinn auf den Bergen«.

Nicht Johann Strauß' Sohn hat den Walzer »erfunden«, sondern Joseph Lanner, der noch nicht so hieß, als er »Neue Wiener Ländler« komponierte, die im AlpenCongress mit anmutiger Frische erklangen. Und im Schlusspunkt des ersten Teils ließ das Quartett in Felix Mendelssohn Bartholdys Fantasie aus »Ein Sommernachtstraum« die Elfen marschieren und natürlich ein Häppchen »Hochzeitsmarsch« durch den Raum schweben.

Musikalische Weltreise

Den zweiten Teil bot das Bad Reichenhaller Quartett gewissermaßen als musikalische Weltreise, die allerdings ganz in der Nähe begann. Im Medley aus Bruchstücken von Carl Zellers »Der Vogelhändler« erinnerte man sich an »Grüß euch Gott, alle miteinander« und »Die Christel von der Post« konnte aber auch an die Zeit denken, »Wie mein Ahn'l zwanzig Jahr« alt war. Das facettenreiche Programm bot weiter Bekanntes und noch nie oder doch selten Gehörtes. Fritz Kreislers »Alt-Wiener Tanzweisen« etwa und Gerhard Winklers »Blau sind die Nächte in Spanien«. Den Komponisten der »Capri Fischer« nannte Fred Ullrich den Karl May unter den Komponisten, weil er viele seiner Orte, die er besang, nie persönlich erlebt hatte.

George Gershwins Thema aus »Rhapsody in Blue« war vielen sicherlich ein Höhepunkt des Abends. Für andere vielleicht die Johann Strauß'sche »Fledermaus«, die nur zwei Minuten in Anspruch nahm, aber dennoch Einprägsames wie »Ich lade gern mir Gäste ein«, »Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist« und auch das Bekenntnis: »Die Majestät wird anerkannt« erklingen ließ.

Vor der obligatorischen Zugabe erklang der »Bolero« von Maurice Ravel, immer noch oft gespielt, aber eigentlich geschrieben als Ballettmusik für großes Orchester mit Holz- und Blechbläsern und vor allem Schlagwerker. Die Adaption für eine Streichquartett-Besetzung war deshalb schon überraschend genug, übertroffen noch von der Interpretation von »Reich an Hall«. Wer bis dahin noch im Zweifel gewesen sein sollte, ob das Gehörte als Zutaten für einen guten Konzertabend genügen könnte, konnte sich dessen nun endgültig sicher sein.

Dieter Meister

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