»Du kannst nicht online schwimmen lernen«

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Die Vorsitzende der Wasserwacht Berchtesgaden, Elke Schneider, steht mit Maske im Wasser: Das Bild von einem Schwimmkurs im Schellenberger Bad entstand am 30. Juni 2020. Es war ein Pilotprojekt, wie man Schwimmkurse sicher abhalten kann. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Die Pandemie und ihre Folgen haben Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens. Manche davon sind ertragbar, andere hingegen schlimmer: So haben seit März 2020 viel weniger Kinder schwimmen gelernt, als es normalerweise der Fall wäre. Schwimmkurse fanden im südlichen Berchtesgadener Land nur wenige statt, seit Oktober kein einziger mehr. Das bereitet dem Team der BRK-Wasserwacht Berchtesgaden große Sorgen. »Es sind bereits zwei komplette Jahrgänge, die keine Möglichkeiten hatten, zu üben. Und auch die Kinder, die das Seepferdchen schon haben, müssen dabei bleiben und üben«, betont Elke Schneider, Vorsitzende der Wasserwacht Berchtesgaden im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«.


»Immer wieder gibt es einen Aufschrei, wenn es Medienberichte über ein ertrunkenes Kind gibt. Fälle von Ertrinkungstoten häufen sich. Aber derzeit überlegt keiner von den Entscheidungsträgern, wie viele Kinder derzeit gar nicht schwimmen lernen, geschweige denn ihre Kenntnisse vertiefen können«, kritisiert die Marktschellenbergerin Elke Schneider. Die Wasserwachts-Vorsitzende und ihr Team aus Ehrenamtlichen kümmern sich unter anderem um die Schwimmausbildung der Jugend im südlichen Berchtesgadener Land.

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Wann macht die Therme wieder auf?

Durch die Corona-Pandemie kamen die Beschränkungen. Zum einen gehört die Trainingsstätte der Wasserwacht Berchtesgaden, die Watzmann Therme, zu den Ersten, die schließen mussten und zu den Letzten, die wieder öffnen dürfen. Zum anderen sind die Vorgaben für diese Art von Kursen des Bayerischen Roten Kreuzes noch strenger als für andere Gruppenaktivitäten.

Im vergangenen Jahr, als es nach dem ersten Lockdown zwischenzeitlich Lockerungen gab, haben die Berchtesgadener Wasserwachtler gemeinsam mit der Bezirksvorsitzenden dafür »gekämpft«, einen Schwimmkurs im Freibad abhalten zu dürfen, berichtet Schneider. Bis Juni war es nicht erlaubt, Schwimmkurse zu machen. »Wir waren damals in ständigem Kontakt mit der Wasserwacht Oberbayern.« Ziel war es, ein Pilotprojekt zu realisieren, was dann auch gestattet wurde. Dafür gab es grünes Licht. »Wir sind dann im Schellenberger Bad wirklich mit Maske im Wasser gestanden«, erzählt die Vorsitzende. Das war am 30. Juni 2020, an einem ersten Probetag für diesen Kurs unter Auflagen. »Das ganze haben wir mit Fotos dokumentiert und nach München zum Bezirksvorstand geschickt.«

Tägliche Kurse im Schornbad

Zu diesem Zeitpunkt waren durch die Schließung der Watzmann Therme schon 25 Kinder bei der Wasserwacht »aufgelaufen«, die gerne schwimmen lernen wollten. Sie wurden dann aufgeteilt: In zwei Gruppen für's Schellenberger Bad und in drei Gruppen, die im Schornbad unterrichtet wurden – alles gestemmt von ehrenamtlichen Schwimmausbildern (siehe Kasten). Pro Kurs und fünf Kinder waren zwei Ausbilder eingeteilt. »Gerhard Däuber hat im Sommer dann jeden möglichen Tag einen Kurs im Schornbad abgehalten«, berichtet Elke Schneider. Das Problem: Im Freibad sei man immer sehr vom Wetter abhängig. »Und Kinder brauchen nun mal zehn bis 15 Stunden, bis sie schwimmen können«, fügt Schneider hinzu.

Da zu dieser Zeit viele andere Schwimmkurse (zum Beispiel von der Watzmann Therme selbst organisierte, private Kurse und das Schulschwimmen) nicht stattgefunden haben, wurde Elke Schneider persönlich bei ihren Kursen immer wieder angesprochen, wie sie dem »Anzeiger« erzählt: »Viele Eltern haben mich gefragt, ob ihr Kind bei uns mitmachen darf. Wenn man das zusammenzählt, hätten wir gleich noch mal 30 Kinder gehabt.« Man sieht laut Schneider: Der Bedarf ist da.

Nach den Sommerferien konnte die Wasserwacht noch dreimal einen Kurs stattfinden lassen. »Wir hatten hierfür mit der Watzmann Therme ein tolles Hygienekonzept erarbeitet«, berichtet Schneider. »Die Kinder hatten ihre Badesachen schon unter der Kleidung an, so wurden die Zeiten für's Umziehen verkürzt. Die Eltern machten super mit. Es gab gestaffelte Einlasszeiten, damit nicht zu viele Leute auf einmal kamen. Und nach dem Training fuhren die Kinder sofort nach Hause und duschten dann daheim, statt in der Therme.« Jedes Mal wurden alle Kontaktdaten notiert und jedes Kind musste eine Selbsterklärung der Eltern dabeihaben, dass es und die Angehörigen gesund waren. »Ein ganzer Ordner voll Papier kam zusammen«, so die Vorsitzende. Generell habe die Zusammenarbeit mit der Therme und auch den Freibädern »super geklappt«. Am 8. Oktober 2020 war der letzte Kurs, das Berchtesgadener Land ist seit 20. Oktober im Lockdown. Seitdem sitzen alle auf dem Trockenen.

Warteliste wird immer länger

Währenddessen wird die Warteliste immer länger. 35 Kinder würden so gerne wie ein Fisch im Wasser planschen und können es nicht lernen. »Wir Aktiven werden auch wieder beim Seepferdchen anfangen dürfen«, scherzt die Marktschellenbergerin mit traurigem Unterton. Denn nicht nur die Kleinen, auch die Großen haben einen Trainingsrückstand zu verkraften. Zu normalen Zeiten sind die Wasserwachts-Angehörigen am Donnerstag von 17:45 bis 21 Uhr in der Watzmann Therme aktiv, erst mit den Kindern ab fünf Jahren, den »Anfängern«, danach mit den Fortgeschrittenen und dann noch mit den Jugendlichen und den Aktiven selbst. All das fehlt. Während manch anderer Verein sein Trainingsangebot in der Pandemie zum Teil mit Online-Videos kompensieren kann, so klappt das bei der Wasserwacht nicht. »Du kannst online nicht schwimmen lernen«, bringt es Schneider auf den Punkt. Zumindest für die Aktiven gebe es aber Online-Fortbildungen, die auch fleißig genutzt werden.

»Es gibt einfach keine Perspektive«

Elke Schneider seufzt angesichts der allgemeinen Lage. »Wir sind im Ungewissen. Es gibt einfach keine Perspektive.« Die Sorge der ehrenamtlichen Einsatzkräfte der Wasserwacht: Zwei komplette Jahrgänge, die keine Chance hatten, zu üben und nicht richtig schwimmen können. Und dann gibt es noch einen weiteren Aspekt, der ihnen graue Haare bereitet. Das Thema Nachwuchskräfte für die Wasserwacht. »Was ist mit unseren Jugendlichen, die Schwimmausbilder gewesen sind oder werden wollen? Wollen die überhaupt wieder zurückkommen? Wir haben, so wie alle Vereine, Angst, dass die jungen Leute die Lust am Ehrenamt verlieren.«

Der Anreiz, einem Verein beizutreten, bestehe ja auch in der Gemeinschaft und in den Zusammenkünften. Alles nicht möglich in Pandemiezeiten. »Man kann nicht alles online auffangen«, so die Vorsitzende. Das persönliche Treffen gehe ab. All diese Punkte: Kinder lernen nicht schwimmen, Lust am Ehrenamt geht verloren, die »ganze Veränderung in der Vereinskultur« – und nicht zu vergessen, es handelt sich bei der Wasserwacht immerhin um ehrenamtliche Einsatzkräfte, die im Notfall helfen – haben laut Elke Schneider schlimme Auswirkungen: »Das wird der Politik, wird der großen Gesellschaft noch mal ganz gewaltig auf die Füße fallen«, befürchtet sie.

Abschließend schildert Schneider ein Erlebnis. »Kürzlich bin ich mit dem Auto den Bräuhausberg hochgefahren und musste am Zebrastreifen halten, da Schulkinder über die Straße gingen. Ich hatte mein Fenster offen. Plötzlich bliebt ein kleines Dirndl stehen – eines meiner Schwimmkinder. Sie winkte mir zu und sagte: »I hab di fei schon so lang nimmer gsehn.« Das hat mir schon einen Stich versetzt. Den Kleinen geht das Schwimmen so ab. Ich hab ihr gesagt, ich würde mich so freuen, wenn wir uns bald wieder im Kurs sehen können.« Elke Schneiders größter Wunsch: »Dass ich mein Versprechen dem Dirndl gegenüber bald einlösen kann.«

Annabelle Gabriel

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