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Den »Umständen entsprechend« fühlen sich Mischa und Tochter Alexandra wohl im neuen, vorübergehenden Zuhause. (Fotos: Dieter Meister)

Ein Ort für Fragen und Antworten: Willkommens-Café für Geflüchtete aus der Ukraine

Berchtesgaden – Das Kolpingheim kann etwa 40 Personen Platz bieten. Gekommen waren aber fast doppelt so viele. Also fand der erste Termin des Willkommens-Cafés eine Etage höher im größeren Saal des Pfarrheims statt. Die Kolpingsfamilie Berchtesgaden hatte alle in der Region angekommenen Geflüchteten aus der Ukraine und deren Gastgeber zu Kaffee und Kuchen eingeladen und mehr als erwartet waren der Einladung gefolgt.


Geplant ist, alle zwei Wochen einen Treffpunkt, einen Ort anzubieten, der Gelegenheit zum Austausch, Vernetzen und Klären von Fragen und Herausforderungen gibt. Wie in der Einladung angegeben, haben Geflüchtete und Gastgeber gleichermaßen entsprechende Wünsche herangetragen.

Hilfe durch Dolmetscher

Martin Kienast aus dem Leitungsteam der Kolpingsfamilie Berchtesgaden erklärte eingangs den Begriff Kolpingsfamilie als einen christlichen Verein, der vor 160 Jahren gegründet wurde und soziale Projekte verfolge. Er freute sich, dass so viele Menschen aus der Ukraine gekommen waren. Die schrecklichen Bilder aus der Ukraine bedrückten alle, so habe man sich die Frage gestellt, wie man helfen könne. Deshalb habe man dieses Treffen organisiert. Mit der Hilfe von Dolmetscherin Elena ließ sich Kienast zeigen, wer wo untergekommen ist. Die mit Abstand größte Gruppe stellte hierbei Marktschellenberg. Von den einheimischen Gastgebern waren nur wenige erschienen.

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Vitalinka hilft ihren Landsleuten beim Erlernen der deutschen Sprache.

Die Stimmung schien, trotz des traurigen Hintergrundes, gut und auch ein wenig laut. Vor allem die Kinder, die sich plötzlich in einer neuen, fremden Umgebung wiederfinden, ohne die Situation komplett und richtig einschätzen zu können, nutzten die Gelegenheit, neue Freundschaften in der eigenen Sprache zu knüpfen und auch ausgelassen miteinander zu spielen. Denn sie sind, gaben einige Mütter zu bedenken, mitunter noch sehr einsam und vielleicht auch ein wenig gelangweilt in der neuen Umgebung.

Unmittelbar nach dem letzten Schluck aus der Kaffeetasse »zerstreute« sich die Gesellschaft, stand in kleinen Gruppen zusammen. Einige der ukrainischen Gäste sprechen gut bis sehr gut die deutsche Sprache. Den anderen stand Elena zur Seite, eine Landsfrau, die bereits 17 Jahre in Deutschland lebt und in Schönau am Königssee wohnt. Sie arbeitet bei einer heimischen Firma als Malerin. Und ihr Arbeitgeber sorgte auch dafür, dass ihre Schwester Tetiana mit der siebenjährigen Tochter Mascha gut unterkommen konnte. Die 45-Jährige, die ihren Mann aus bekannten Gründen in der Heimat lassen musste, lebte zuletzt und seit 2014 in Charkiw, einer Millionen-Stadt, die Großteils stark vom Krieg betroffen ist. Eigentlich stammt sie aus Luhansk, das sich seit 2014 unter Kontrolle der international nicht anerkannten Volksrepublik Lugansk befindet und gehört nach Angaben der ukrainischen Regierung zu einem Gebiet, auf dem die Organe der Staatsmacht vorübergehend ihre Befugnisse nicht ausüben.

Zweite Flucht

Für Tetiana Glotova ist die Ausreise über Polen nach Deutschland eigentlich bereits die zweite Flucht vor dem Krieg. Die sie, beteuert sie über Dolmetscherin Elena, nicht unternommen hätte, sondern bei ihrem Mann geblieben wäre, wenn ihr nicht der Schutz ihrer Tochter das Wichtigste gewesen sei. Dabei hatte sie einige Tage gezögert, weil sie sich nicht sicher sein konnte, ob es der Bus sicher bis zur Grenze schaffen könnte. Tatsächlich gab es auch eine brenzlige Situation, die das Fahrzeug drei Stunden lang aufhielt und die Fahrgäste in anstrengender Ungewissheit ließ. Die Freude bei der Ankunft in Polen war dementsprechend groß, zumal dort schon Elena und ihr Chef auf die beiden warteten.

Als zwei Kampfflieger an ihrem Fenster im 17. Stock eines Kiewer Hauses vorbeiflogen, kam auch der Fluchtgedanke für Mischa und seine Frau. Sie fühlten sich verständlicherweise nicht mehr sicher. Mit ihren zwei Kindern verließen sie die Hauptstadt, um sich zunächst im Westen der Ukraine vom unmittelbaren Kriegsgeschehen zu entfernen. Die Lage in Lwiw war aber nicht gut. Es gab, weil sehr viele Menschen hier Zuflucht suchten, kaum Wohnraum und wenig Nahrungsmittel. Also entschlossen sie sich, das Land zu verlassen.

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Tetiana Glotova (l.) und ihre Tochter Mascha hatten das Glück, von Schwester und Tante Elena herzlich empfangen und betreut zu werden.

Für den 41-Jährigen war der Weg nach Deutschland ohnedies keine Reise ins Ungewisse, denn er beherrscht die deutsche Sprache exzellent, arbeitete als Geschäftsführer einer deutschen Firma in der Ukraine. Bei seinem Chef kam die vierköpfige Familie auch in einer Ferienwohnung unter. »Ich habe keinerlei Grund, mich zu beklagen. Wir sind hier bestens untergekommen und versorgt. Aber es ist eben nicht unsere Heimat«, sagte Mischa, der die Einladung der Kolpingsfamilie mit seiner zehnjährigen Tochter Alexandra wahrgenommen hat. Die Ehefrau blieb mit dem einjährigen jüngsten Familienmitglied »zu Hause«.

Abhängig von Nachrichten

Wie die Zukunft aussehen wird, weiß Mischa nicht. »Ich kenne momentan keinen, der den Wunsch hat, langfristige Pläne zu machen.« Man lebe von Tag zu Tag, in wechselnden Stimmungen, sehr abhängig von den Nachrichten, die seine Familie erreichen. Und: Im an Kiew gemessenen kleinen Marktschellenberg fühlen sie sich dennoch wohl. Sie alle seien im Berchtesgadener Land mit Freude empfangen worden, das sei für ihn, aber auch für die anderen Menschen aus der Ukraine sehr angenehm und positiv gewesen.

Gutes Deutsch spricht auch Vitalinka. Sie ist nicht im Angesicht des Krieges geflüchtet, kann allerdings auch nicht nach Hause zurückkehren. An diesem Nachmittag wurde auch deutlich, dass die Ukrainer im Berchtesgadener Land viel Hilfe erhalten haben und dafür dankbar sind. Und auch, dass sie sich untereinander helfen wollen. Beispielsweise im Erlernen der deutschen Sprache, zumindest deren alltagsnotwendigen Grundbegriffe. Sie kann auf Instagram unter »Vitalinka Light« kontaktiert werden. Vitalinka, die in Bad Reichenhall lebt, bemüht sich zweimal in der Woche, ihren Landsleuten in dieser Hinsicht behilflich zu sein. Auch Elena bietet den Ukrainern wöchentlich zweimal eine solche Plattform in Schönau am Königssee an.

Dieter Meister

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