Ein Spaziergang in vergangene Zeiten

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Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kamen weitere Geflüchtete nach Berchtesgaden. Einige von ihnen wurden am Friedhof beerdigt.

Berchtesgaden – Friedhöfe sind Orte des Erinnerns, der Trauer, aber auch des Zusammenkommens. Meist werden Gräber so lange gepflegt, bis Nachfahren fehlen, die noch einen Bezug zu den Verstorbenen haben. Dann werden die Grabstätten aufgelöst und neu vergeben. So wird das auch in Berchtesgaden gehandhabt. Erst vor drei Jahren konnten sich die Bürger im Rahmen einer Auktion einen Platz auf dem Alten Friedhof sichern. Mit der Zeit werden deshalb viele alte Gräber verschwinden und neue hinzukommen. »Es ist schön, wenn ein Friedhof erhalten bleibt. Aber dadurch geht natürlich auch immer Geschichte verloren«, sagen Leonie Zangerl und Dr. Mathias Irlinger vom Bildungsreferat der Dokumentation Obersalzberg. Während eines Spaziergangs erzählten sie deshalb noch einmal Geschichten von Menschen, die vielleicht schon in Vergessenheit geraten sind.


Auf der Flucht

Wer den Alten Friedhof an der Franziskanerkirche betritt, sieht hinter dem Ehrengrab von Anton Adner mehrere ungepflegte Gräber. Dunkel und verwittert sind die Steine, die vor vielen Jahren nahe der Kirchenmauer errichtet worden sind. »Ihre Inschriften konnten wir teilweise nur durch Abpausen entziffern«, sagt Mathias Irlinger. Das Besondere daran ist, dass Namen, Zahlen und Orte auf kyrillisch eingemeißelt wurden. »Bei anderen Steinen kann man anhand der Geburtsorte wie Riga oder Ukraine nachvollziehen, dass die Verstorbenen aus osteuropäischen Ländern stammten.« Die Todeszeitpunkte sind ähnlich, es handelt sich dabei um die unmittelbare Nachkriegszeit. Aber wer waren diese Menschen, die ihre letzte Ruhestätte auf dem Berchtesgadener Friedhof unmittelbar an der Kirchenmauer fanden? »Sie sind in den Jahren 1944/1945 beziehungsweise nach dem Krieg in den Westen geflohen«, erzählt Mathias Irlinger. Die Gründe dafür waren unterschiedlich. Kollaborateure, die mit der NS-Besatzung zusammengearbeitet hatten und nun Stalin fürchteten, aber auch einfache Leute, die vor der Roten Armee Angst hatten. »Man darf nicht vergessen, dass auch unter Stalin viele Verbrechen verübt und zahlreiche Menschen religiös verfolgt wurden.«

Unmittelbar nach 1945 gab es rund um Berchtesgaden mehrere DP-Camps (displaced persons), so auch in der Kaserne Strub und auf dem heutigen Insula-Areal. In der Strub lebten nach 1945 mehr als 2 000 Ukrainer. »Es ist heute oft schwer vorstellbar, wie sich die weltpolitischen Verschiebungen auf Berchtesgaden ausgewirkt haben und zu welch internationalem Ort Berchtesgaden plötzlich geworden war.« Während des Kriegs waren Zwangsarbeiter aus über 20 Nationen im Talkessel, nach 1945 kamen dann weitere Menschen, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren konnten. Es gab aber auch Menschen, vor allem jüdische DPs, die nicht mehr in Deutschland unter den Tätern leben wollten. »So ging es auch vielen Ukrainern und Letten, die meisten von ihnen saßen auf gepackten Koffern und wollten in Richtung Kanada auswandern.« Ältere oder kranke Menschen hingegen, für die eine solch weite Reise nicht mehr infrage kam, blieben im Talkessel und wurden nach ihrem Tod auch hier bestattet. Einer dieser DPs war Stephan Kuzik. »Ich würde ihn als Kollaborateur bezeichnen«, sagt Irlinger. »Er hat mit der NS-Besatzung in der Ukraine zusammengearbeitet, wohl auch, weil er selbst Nationalist war.« Kuzik war in seiner Heimat Bankdirektor und ein angesehener Mann. 1945 kam er nach Berchtesgaden, zwei Jahre später verstarb er. »Sein Tod war für die Ukrainische Exil-Community ein Großereignis.« Mehrere Hundert Ukrainer sollen an der Beerdigung im Friedhof teilgenommen haben.

Massengrab nach dem Luftangriff

Die Geschichte des Friedhofs ist längst nicht immer sichtbar. Es gibt Grabstätten, die nie mit einem Stein versehen worden sind. So auch unweit der Aussegnungshalle. Kleine Karten mit Nummern stecken heute in dem Rasenstreifen, der lange Zeit leer geblieben war. Nach 1945 wurden dort jedoch die Opfer des Luftangriffs auf den Obersalzberg sowie die Toten, die im Zusammenhang mit der Befreiung Berchtesgadens standen, in einem Massengrab beerdigt. »Es musste schnell gehen, eine Seuchengefahr sollte in jedem Fall verhindert werden«, sagt Irlinger. Etwas mehr als 20 Menschen kamen damals in das Massengrab. Nach 1945 konnten viele der Verstorbenen exhumiert werden, die Angehörigen bestatteten die Toten dann in anderen Gräbern.

Eine weitere Freifläche gibt es auch an der Kirchenmauer. Hier bestattete man Zwangsarbeiter, die bei Unfällen gestorben waren. In Reihe 2 Sektion O liegt ein 17-jähriger Italiener begraben, der am Obersalzberg Schwerstarbeit leisten musste und schon wenige Monate nach seiner Ankunft gestorben war. Ein anderer Mann – ebenfalls dort begraben – hatte sich selbst getötet. Er war zuvor in einer Zelle des Reichssicherheitsdienstes in der Stanggaß inhaftiert gewesen. »Wir wissen nicht, warum er verhaftet wurde, allerdings haben damals schon die kleinsten Vergehen schwere Strafen bis hin zur Todesstrafe nach sich gezogen. Es könnte also sein, dass er sich aus Verzweiflung in der Zelle umgebracht hat.« Einen Grabstein haben diese Menschen nie erhalten.

Zwischen Opfern und Tätern

»Es sind oft nur wenige Meter, die Opfer und Täter auf dem Alten Friedhof trennen«, sagt Leonie Zangerl. Sie steht auf einem der Sandwege und erzählt über die Todesopfer der Euthanasie. Deren ursprüngliche Gräber sind heute schon zu großen Teilen neu belegt. »Diese Menschen sind bei der T 4-Aktion um 1940/41 gestorben.« Mit Giftgas tötete man Kinder und Erwachsene, die körperlich oder geistig eingeschränkt waren. Auf ihr Schicksal stießen die Bildungsreferenten über das Sterberegister der Kirche. »Als Todesort werden jene Orte genannt, die wir heute eindeutig Tötungsanstalten zuordnen können.« Dazu zählen Hartheim bei Linz oder auch Grafeneck. »Sicher nachweisen können wir inzwischen elf Fälle, es sind wohl aber mehr.«

Die Nationalsozialisten hatten die Menschen in die Anstalten einliefern lassen, ihre Familien wussten nichts über die Absichten. »In Hartheim lag die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei rund vier Stunden«, sagt Leonie Zangerl. Die Leichen wurden anschließen eingeäschert, »obwohl dies früher eher unüblich war«. So aber konnte man die Todesursache verschleiern. Angegeben wurden Lungenentzündungen und andere bekannte Krankheiten. Später informierte man die Angehörigen und schickte die Asche nach Hause. »Die Zahl der Betroffenen hier in Berchtesgaden hat uns erschüttert«, ergänzt Irlinger.

Sport-Inszenierung

Weniger als Opfer, dafür als ein Instrument des Nationalsozialismus, ist Toni Kurz zu sehen. Der Bergsteiger, der 1936 beim Versuch der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand ums Leben kam, war einer jener deutschen Männer, die die Nationalsozialisten als die »starken Arier«, die sogar die Natur- und Bergwelt bezwingen konnten, inszenierten. »Toni Kurz war mitten in diesem Trubel um den Wettstreit der unbestiegenen Steilwände«, sagt Zangerl. »Der Bergpickel und das Schwert auf dem Grabstein am Alten Friedhof zeigen die Aufladung, die der Sport in dieser Zeit erfahren hat«, fügt Mathias Irlinger hinzu. »Toni Kurz war ein Berggeher, der in diesen Strudel kam und davon natürlich auch profitierte.«

Heute kann man sich nicht nur die Frage stellen, inwieweit Sportler einen Beitrag leisteten, indem sie ihrer Leidenschaft nachgingen, sondern auch, inwieweit beispielsweise Künstler mit ihren Arbeiten das Regime unterstützten. Einer dieser Menschen, der auch in Berchtesgadens Friedhof begraben liegt, war Ludwig Hohlwein. »Er war ein Plakat-Künstler, der mit seinem prägnanten und klaren Stil sehr erfolgreich war«, sagt Leonie Zangerl. Hohlwein hatte damals schon für Audi und BMW gearbeitet, Plakate für Tourismus-Regionen wie Berchtesgaden erstellt – auch der »Franziskaner Bier«-Mönch stammt aus seiner Feder. 1932 begann er, für die NSDAP zu arbeiten. Auch er kam schließlich nach Berchtesgaden, denn als die Bomben auf München fielen, quartierte er sich im Berchtesgadener Schloss ein. Obwohl Hohlwein 1945 kurzzeitig von einem Berufsverbot betroffen war, ging er seiner Arbeit schon wenig später wieder nach. »Für Hohlwein gab es keine Zeit des Aufarbeitens, denn er starb schon kurze Zeit nach dem Krieg.«

Was passiert mit dem Eckart-Grab?

Das wohl umstrittenste Grab am Alten Friedhof ist jedoch das von Dietrich Eckart. Er war ein Mentor Hitlers – die Nationalsozialisten selbst bezeichneten ihn als Vordenker der Bewegung. Eckart starb schon 1923, für die Zeit des Dritten Reichs war er deshalb nicht mehr relevant. Allerdings spielte er eine wichtige Rolle zu den Anfangszeiten. Eckart kam ursprünglich aus dem völkisch-nationalistischen Milieu Münchens. Da er bei einem Beleidigungsprozess nicht erschien, wurde er von der Polizei gesucht. Er tauchte unter und versteckte sich am Obersalzberg. In Bruno Büchner, dem Betreiber des damaligen Platterhofs, fand er einen Unterstützer, der ihn auch noch billig unterkommen ließ. Im Frühjahr 1923, kurz vor seinem Tod, bekam Eckart Besuch von Adolf Hitler. Später wurde Eckarts Grab zu einer Pilgerstätte der NS-Bewegung. »Es gibt Archivfotos, die Hitlerjugend-Gruppen am Grab zeigen«, sagt Irlinger.

Erst in den letzten Jahren – nachdem Verträge ausgelaufen waren – kam die Diskussion auf, wie mit dem Grab verfahren werden soll. Wer über all die Jahre für die Stätte bezahlt hat, das wissen die Bildungsreferenten nicht. »Datenschutz«, sagt Irlinger. »Ich persönlich würde es begrüßen, wenn es entfernt würde, aber ich kann auch die anderen Ansichten verstehen«, sagt Mathias Irlinger.

Friedhöfe werden auch künftig eine Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit herstellen. So mögen viele der alten Gräber mehr und mehr verschwinden, doch ob die Schicksale der Menschen in Vergessenheit geraten, liegt an dieser und den nächsten Generationen.

Lena Klein

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