Ende für das »Land der Schaukeln«?

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Eine Riesenschaukel vor dem Hotel »Kempinski« am Obersalzberg. Foto: Sepp Wurm
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Andreas Bunsen, einer der drei Hutschn-Bauer.

Berchtesgaden – Eine große Ehre für die kleine Schaukel, die auch als Hutschn bekannt ist, gab es spätestens mit dem »German Brand Award 2018«. Das in Handarbeit entstandene Produkt, regional und nachhaltig aus Holz gefertigt, war ab diesem Zeitpunkt ein Selbstläufer, Bilder überall – »instagrammable«, sagt Andreas Bunsen, einer der drei Hutschn-Bauer aus Bischofswiesen. Von den großen Planungen ist aber nicht mehr viel übrig, Gemeinden springen ab – wegen der sicherheitstechnischen Anforderungen und der »Normensammlung für Spielplätze und Freizeitanlagen«.


Für Andreas Bunsen ist die Sache klar: Bayern wäre das optimale »Land der Schaukeln«. Wenn er von Schaukeln spricht, meint er die Hutschn. Sie soll ein Lebensgefühl vermitteln, Regionalität und Handarbeit vereinen. Etliche Hutschn wurden bereits aufgebaut, es gab Auszeichnungen, Berchtesgaden als »beliebteste Urlaubsdestination«, hieß es in einem Magazin. Auf dem Bild wurde mit dem Watzmann geworben. Im Vordergrund eine Person auf einer Hutschn.

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Ein Anziehungspunkt

Von den Schaukelgeräten gibt es mittlerweile etliche, vor allem auf Privatgrund. Am Obersalzberg etwa, beim Fünf-Sterne-Hotel »Kempinski«. Dessen Direktor Werner Müller schwärmt vom handgefertigten Produkt, ein Anziehungspunkt sei die Hutschn, tagtäglich genutzt von Spaziergängern und vorbei wandernden Familien, berichtet er. »Meine Tochter ist schaukelsüchtig«, fügt er hinzu. Beim im Bau befindlichen Kulturhof Stanggaß in Bischofswiesen soll eine Hutschn errichtet werden – auch das auf privatem Grund.

Es sind die exponierten Stellen, die als Standort dienen, die selbst Touristiker in der Vergangenheit für sich aufgegriffen hatten. Sie versuchten, diese in das Marketing-Konzept zu integrieren. Auch die Berchtesgadener Land Tourismus (BGLT), die es in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr gibt, war vom Konzept begeistert. Es gab Überlegungen, die Hutschn überall dort zu installieren, wo die Aussicht einzigartig ist. Am besten in jeder Gemeinde. Tourismusströme sollten mithilfe der Schaukel von Ort zu Ort geleitet werden. Denkbar war auch ein Schaukel-Rundwanderweg.

Zu Ende war es zunächst mit der Hutschn in Piding. Ende März war sich der Gemeinderat einig, das Schaukelprojekt, das auf dem Johannishögl hätte verwirklicht werden sollen, zu begraben. Schuld war die hölzerne Sitzfläche des Produkts. Die Gemeinderäte hatten ihre Zweifel: Was, wenn jemand runterfällt und sich verletzt? Wer trägt die Verantwortung?

Klassische Spielplatz-Schaukeln sind meist aus rotem Plastik. Die Hutschn besteht hingegen aus massiver Eiche. Und vielleicht ist genau das das Problem, vor dem die Schaukelbauer aus Bischofswiesen gerade stehen. Im Falle von Unfällen könnte es zu versicherungstechnischen Schwierigkeiten kommen, es bestünden haftungsrechtliche Risiken, heißt es.

Wie gefährlich ist die Hutschn?

Solche Risiken möchte man in Gemeinden und im Landkreis allgemein nicht eingehen. Ein öffentlicher Spielplatz samt Hutschn? Noch ist das undenkbar. In einem Schreiben der Versicherungskammer Bayern heißt es: »Eine Hutschn ist für unsere Kommunen (...) grundsätzlich mitversichert, wenn sie aus öffentlichem Auftrag im Rahmen des eigenen oder übertragenen Wirkungskreises heraus installiert wird.« Das Gefahrenpotenzial wird von der Versicherungskammer »als erheblich« bewertet. Andreas Bunsen schwingt einen Schmöker durch die Luft, 648 Seiten dick, »Normensammlung: Spielplätze und Freizeitanlagen« steht auf dem Titel. In dem der TÜV Süd Akademie alles rund um das Schaukeln regelt: »Stoßdämpfung bei Schaukelsitzen«, »Fallhöhe und Aufprallschutz«, »Anforderungen an Schaukeln mit mehreren Drehachsen«. Für alles gibt es DIN-Normen, natürlich auch für Schaukeln.

Die Hersteller der Hutschn hatten in den vergangenen Jahren nicht nur viel Geld in die Hand genommen, um ihr Produkt zu vermarkten. Eine statistische Berechnung für die Riesenschaukel ist 77 Seiten lang. Die Hersteller haben zudem Risikobewertungen in Auftrag gegeben. Darin kommt der TÜV Süd zum Schluss, »dass die Dämpfungsanforderung für Schaukelsitze nach DIN EN 1176-2 Punkt 4.6 bei der Hutschn nicht zum Tragen kommt«. Im Detail heißt es: Bei der Benutzung der Schaukel durch eine Person besteht keine Dämpfung des Schaukelsitzes (Knie haben keine Dämpfung).

Und: »Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schaukelsitz geworfen wird und eine andere Person trifft, ist sehr gering.« Der TÜV Süd nimmt darüber hinaus an, dass »aufgrund der expositionierten Aufstellungsorte« davon ausgegangen werden könne, »dass überwiegend Erwachsene die Schaukel benutzen und von einer geringen Fehlanwendung auszugehen ist«.

Am Punkt der Überregulierung

Basierend auf den genannten Gründen wird der Schaukelsitz als »unkritisch« eingestuft und könne an exponierten Orten aufgestellt werden. Für Spielplätze sei sie hingegen nicht geeignet. Auf kommunaler Ebene wird das Thema seit über zwei Jahren diskutiert. Bislang hat sich noch kein Bürgermeister getraut. Das Risiko scheint zu hoch.

Andreas Bunsen sagt: »Wir sind hier an einem Punkt der Überregulierung angekommen, an dem ein Weiterkommen schwierig ist.« So mancher habe das Brett lieber vor dem Kopf als unter dem Hintern, scherzt Bunsen. Das Projekt sei aber noch lange nicht begraben, »natürlich nicht«, sagt Bunsen. Die Macher liebäugeln damit, weiterzuziehen. Ins benachbarte Österreich, »unkomplizierter« sei es dort. Es gibt einige Hotels, die sich mit Hutschn bereits ausgestattet haben. In einem Betrieb in Maria Alm hängt mittlerweile auf jedem Balkon eine. Zudem haben österreichische Urlaubsdestinationen Interesse an den hölzernen Schaukeln bekundet. Es gibt Überlegungen, einen europäischen Schaukelwanderweg ins Leben zu rufen.

Die Sache erinnert an eine Episode vor einigen Jahren: Ein Schönauer Unternehmer verfolgte die Idee, einen Fußball-Golfplatz in der Region zu verwirklichen. Nachdem eine Umsetzung im eigenen Land zu kompliziert war, zog er nach Österreich um. Mittlerweile betreibt er dort mehrere Fußball-Golfplätze, einer davon war der erste Österreichs.

Andreas Bunsen ist zwar enttäuscht, wie sich das Schaukelprojekt entwickelt hat, »sauer bin ich aber nicht«. Dass es so kompliziert werden könnte, daran hätte er im Leben jedoch nie gedacht.

Kilian Pfeiffer

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