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Erfolgreich in der Lederhose

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Klaus Reithmeier.
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Bis zu 1 000 Sportler kommen im Englischen Garten zusammen. (Fotos: privat)

Berchtesgaden/München – Klaus Reithmeier ist seit zehn Jahren Bayerns einziger Fitnesstrainer in Lederhose. Der Berchtesgadener hatte das »Lederhosentraining« zunächst in München zum Massenphänomen gemacht – bis zu 1 000 Leute kamen vor Beginn der Pandemie. In 15 Städten, darunter Berchtesgaden und Traunstein, wird mittlerweile gemeinsam gesportelt. Seit Corona treffen sich die Teilnehmer nun virtuell. Im Gespräch mit dem »Anzeiger« sprach Reithmeier über Online-Kurse, einen Heiratsantrag beim Training in Deggendorf und das Ziel, in vielen weiteren Städten Vereine zu finden, um das Lederhosentraining auch dort zu etablieren.


Das Lederhosentraining hat sich die Jahre über etabliert, ist in vielen Städten zum festen Bestandteil geworden. Wie ist es bis Corona gelaufen?

Klaus Reithmeier: Vor genau zehn Jahren fand das erste Lederhosentraining mit zwei Studienfreunden im Englischen Garten in München statt. Die Anfangsphase war holprig. Die Teilnehmerzahlen bewegten sich nicht über sechs Personen hinaus. Im zweiten Jahr waren es bis zu 30 Sportler in der Spitze. Dann wuchs das Medieninteresse, die Leute brachten immer mehr Freunde mit und nach fünf Jahren knackten wir die 500-Teilnehmer-Marke. Dann begannen wir, unser kostenfreies Bewegungsangebot auf weitere Städte auszudehnen. Anfang vergangenen Jahres waren wir, nach Aufhebung des Lockdowns, in 15 bayerischen Städten vertreten.

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Ist das Lederhosentraining schon dort angekommen, wo Sie es haben möchten?

Reithmeier: Der Weg ist das Ziel. Es macht wahnsinnig viel Spaß, mit vielen Hundert Menschen gemeinsam Sport zu treiben. Dass wir irgendwann auf Expansionskurs gehen würden und mit unseren Sponsoren starke Partner gewinnen würden, war ursprünglich weder absehbar noch geplant. Wir sehen aber jetzt, dass Kommunen, Medien und vor allem Bürger Interesse am Lederhosentraining haben. Deshalb hat sich die Zielsetzung geändert. Wir wollen in vielen weiteren Orten in Bayern Vereine finden, die das Lederhosentraining in ihrer Heimat etablieren wollen. Das Münchner Lederhosentraining ist mit bis zu 1 000 Teilnehmern jeden Montag meines Wissens bereits die größte regelmäßige Outdoor Fitnessveranstaltung Europas. Die Gruppe soll aber weiter wachsen. Und irgendwann muss natürlich der Weltrekord her: 10 000 Menschen beim gemeinsamen Training – in Lederhosen.

Corona hat Ihnen einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht. Was haben Sie gedacht, als klar wurde, dass das Training im Englischen Garten und den anderen Städten nicht mehr stattfinden kann?

Reithmeier: Ich habe eine Chance für das Lederhosentraining gesehen. Ende Februar 2020 war schon absehbar, dass es mit dem regulären Start im April nichts werden würde. Als dann Mitte März der Lockdown kam und damit auch das vorübergehende Aus für alle Fitnesseinrichtungen, haben wir unsere Online-Aktivitäten sofort hochgefahren und über Social Media ein tägliches Morgentraining angeboten. Unser Ziel war, alle Interessierten zu motivieren und zu mehr Bewegung zu Hause anzuleiten: Rücken stärken, Verspannungen lösen, Gleichgewicht und Koordination verbessern. Wir haben die Einheiten thematisch geordnet und versucht, den Bewegungsbedarf im Homeoffice möglichst umfassend abzudecken. Unsere Partner standen in dieser Zeit zu 100 Prozent hinter uns. Als dann das Licht am Ende des Tunnels auftauchte, haben wir sofort eine Trainerschulung für alle Coaches aus den 15 Städten angesetzt und sind im Juli mit Teilnehmerrekorden in vielen Städten in die Saison 2020 gestartet. Die Leute hatten das große Bedürfnis, sich wieder gemeinsam im Freien zu bewegen. Dabei wurden die Abstandsregeln und auch das Aufschreiben der persönlichen Kontaktdaten diszipliniert eingehalten. Wir konnten im Jahr 2020 unsere Online-Reichweite ausbauen und hatten letztendlich trotzdem eine schöne, aber verkürzte Outdoor-Saison mit vielen glücklichen Teilnehmern.

Mittlerweile bieten Sie die Trainings digital an. Wie wird das Angebot von den Sportlern angenommen?

Reithmeier: Für mich war es erst mal gewöhnungsbedürftig, mit einem Smartphone zu kommunizieren, statt direkt mit den Teilnehmern. Man redet und turnt sich da um Kopf und Kragen, und weiß nicht, ob die Mitsportler hinter den Geräten gut zurechtkommen, sich gut angeleitet und betreut fühlen. Oder ob sie vielleicht mit einer Tüte Chips auf der Couch sitzen und einfach nur dem Trainer beim Schwitzen zuschauen. Aber die Unterstützung meines Teams war groß, die neue Realität war dann schnell Normalität. Wir sind jeden Montag um 19 Uhr über unsere Facebook-Seite live gegangen – und tun das auch heute noch – und hatten jedes Mal 300 bis 500 Teilnehmer dabei. Ich glaube, die Menschen sind es mittlerweile gewohnt, sich ihre Fitnesseinheiten online zusammenzustellen, das Angebot ist ja gigantisch. Und wir sind froh, dass unsere Teilnehmerzahlen langsam aber kontinuierlich wachsen.

Ist es denkbar, Trainings auch in der Zeit nach Corona weiterhin online anzubieten, oder braucht es die physische Gemeinschaft auf dem Platz?

Reithmeier: In den Wintermonaten werden wir unser Online-Angebot sicherlich aufrechterhalten. Von April bis September wird es aber definitiv wieder auf den Wiesen Bayerns weitergehen. Das Training in der Natur ist etwas anderes, es wirkt besonders positiv auf Stimmung und Wohlbefinden. Außerdem ist die Gemeinschaft beim Sport in vielerlei Hinsicht wichtig. Sich mit anderen zum Sport zu verabreden, ist motivierend und führt dazu, dass man sich auch wirklich bewegt und nicht vielleicht doch zu Hause sitzen bleibt. Sport mit anderen fördert auch das soziale Wohlbefinden. Man schwitzt zusammen, holt mehr aus sich heraus, fühlt die Anstrengung während des Trainings, aber auch den Stolz, es am Ende geschafft zu haben – gemeinsam mit vielen weiteren Sportlern. Das schafft Zusammenhalt, stärkt Beziehungen und Freundschaften. Nicht zu vernachlässigen ist auch die Möglichkeit, neue gleichgesinnte Menschen kennenzulernen. Bei unserer Sportveranstaltung hat schon das eine oder andere Pärchen zusammengefunden, beim Lederhosentraining in Deggendorf gab es sogar einen Heiratsantrag.

Kilian Pfeiffer

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