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»Existenzbedrohende Situation für den heimischen Tourismus«

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Berchtesgaden: Corona-Krise eine »existenzbedrohend für den heimischen Tourismus«
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Auch wenn seit Montag mit den Geschäftsöffnungen wieder ein wenig Leben in den Markt Berchtesgaden zurückgekehrt ist, macht sich Hans Kortenacker vor allem Sorgen um die heimische Tourismusbranche wie Restaurants, Hotels und Pensionen, die vor einer existenziellen Bedrohung stehen. (Foto: Lena Klein)

Berchtesgaden – Ruinierte Betriebe, leer stehende Geschäfte im Markt und Ausflugsziele im Krisenmodus – ein düsteres Zukunftsszenario vom heimischen Tourismus zeichnete Hans Kortenacker (Bürgergruppe) am Montag im Marktgemeinderat Berchtesgaden. Bei der Sitzung im AlpenCongress forderte er Konzepte, wie es nach dem Shutdown in der Region weitergehen soll, »sonst gehen in Berchtesgaden die Lichter aus«. Eine längere Debatte zur aktuellen Krise schloss sich an.


Eigentlich war es bei dem Tagesordnungspunkt nur darum gegangen, Bürgermeister Franz Rasp mehr Handlungsspielraum bei der Stundung von Steuern, Beiträgen und Gebühren zu geben. »In der aktuellen Situation ist es dringend geboten, den Betrieben Stundungen zu gewähren«, sagte Rasp. Der Bürgermeister und sein Kämmerer Richard Beer gehen davon aus, dass der Gemeinde heuer alleine bei der Gewerbesteuer und beim Fremdenverkehrsbeitrag Einnahmeverluste in Höhe von 2 Millionen Euro drohen. »Ein Nachtragshaushalt im September ist sehr wahrscheinlich«, so der Rathauschef.

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Große Sorgen über die aktuelle Entwicklung macht sich Hans Kortenacker, der wissen wollte, welche Maßnahmen geplant seien, um Hotellerie und Gastronomie vor dem Ruin zu retten. Es sollte doch irgendwie möglich sein, den Betroffenen Mut zu machen. Die erwähnten Stundungen seien zwar richtig und würden für drei Monate erst einmal helfen, »aber die Situation für den Talkessel und für alle Tourismusgemeinden ist existenzbedrohend. Da frage ich mich: Was können wir tun?«

»Gastgeber brauchen eine erhöhte Wertschöpfung«

»Es wäre schön, wenn das die Politik wüsste«, erwiderte Bürgermeister Franz Rasp. TRBK und BGLT würden sich freilich damit beschäftigen, wie man am Tag eins nach Corona weitermachen wolle. Da gehe es einerseits um den AlpenCongress, die Watzmann Therme und den Kehlstein, andererseits um die künftige Gästegewinnung. »Die sollte keinesfalls über Rabattierung und Billigtourismus gehen, sondern die Gastgeber brauchen eine erhöhte Wertschöpfung.«

Franz Rasp ist überzeugt, dass die aktuell herrschende Dramatik in der Tourismusbranche in der Politik angekommen ist. Entscheidend sei es nun, Planbarkeit zu bekommen. »Aber auch wir erfahren viele Dinge nur aus dem Fernsehen. Ich habe den Eindruck, dass die Ministerpräsidenten ihre auf den Pressekonferenzen vorgetragenen Beschlüsse erst eine halbe Stunde davor ausgeschnapselt haben.« Man müsse sich auch fragen, wie denn eine Großveranstaltung zu definieren sei. »Ist das Marktfest eine Großveranstaltung oder Montag auf d'Nacht werd Musi g'macht?«

Rasp sieht auch eine Gefahr, wenn die Betriebe in Österreich drei Wochen früher aufsperren als in Bayern. »Nicht wegen der Kunden, sondern weil dann unsere Mitarbeiter weg sind.« Trotz der enormen Belastung für die heimischen Tourismusbetriebe beurteilt der Rathauschef die Situation ähnlich wie viele Virologen: »Es hilft uns nichts, wenn wir zu früh aufsperren. Weil dann beutelt es uns hinterher erst richtig.«

In Anbetracht der aktuellen Diskussion um den Shutdown sprach Rasp von einem »Präventions-Paradoxon«. Wenn etwas funktioniert, würden viele Leute sagen: Das hätt's doch nicht gebraucht. Rasp zeigte sich aber überzeugt, »dass uns das Thema noch das ganze Jahr beschäftigen wird«.

Warnung vor zweiter Welle

Helmut Langosch (Freie Wähler) warnte davor, die Sache nach den langsam kommenden Lockerungen zu entspannt zu sehen. Viele Leute würden schon wieder grillen und baden gehen. »Wenn die Epidemie erneut ausbricht, wird es aber noch viel schlimmer.« Deshalb habe Ministerpräsident Markus Söder die einzig richtige Entscheidung getroffen. Aus eigener Erfahrung als Sanitäter weiß Langosch, »wie schlecht es vielen Corona-Erkrankten geht«.

Von »gravierenden Kollateralschäden« im Zuge des Lockdown sprach Dr. Bartl Wimmer (Grüne). Aufgrund von schlecht behandelten Tumor- und Herzinfarktpatienten gebe es hier ebenfalls viele Tote. Man müsse sich deshalb jetzt unbedingt damit beschäftigen, wie man den Tourismus nun Stück für Stück wieder hochfahren könne. »Das geht natürlich nicht mit Massenaufläufen wie bisher am Kehlstein oder am Königssee. Aber wir brauchen eine Strategie mit vielleicht 40, 50 oder 60 Prozent Belegung.« Dabei stellt sich für Bürgermeister Franz Rasp zusätzlich die Frage, »wie lange ein Betrieb mit einer Teilauslastung überhaupt überleben kann«.

Michael Koller (Freie Wähler) berichtete von einer Arbeitskreis-Konferenz auf Einladung von Dr. Thomas Birner von der Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH. In dem Gremium überlege man sich, wie es in der Region nach der Epidemie weitergehen kann. »Wir sind dort auf einem guten Weg«, betonte Koller.

Wenigstens 50 Prozent Auslastung

Damit wollte sich Hans Kortenacker nicht zufrieden geben. »Wir müssen damit rechnen, dass viele Betriebe nach einer verlorenen Saison vielleicht zusperren müssen«, warnte Korten­acker. Er forderte Konzepte, wie es möglich werden könne, dass Hotels künftig wenigstens zu 50 Prozent ausgelastet sind. »All das müssen wir mit noch größerer Vehemenz transportieren.«

»Man hat ja schon reagiert«, beschwichtigte Josef Prex (CSU). In der BGLT arbeite man bereits an Strategien und die Umsatzsteuer für die Gastronomie sei vorübergehend auf sieben Prozent reduziert worden. Und Peppi Haslinger riet: »Wir sollten uns an Österreich anpassen, die sind uns sonst immer einen Schritt voraus.« Ulli Kastner

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