Gedimmtes Licht, ehrfürchtige Stimmung: Führung durch das Schloss Berchtesgaden

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Das Blockflöten-Ensemble »Flauto Dolce« spielte insgesamt drei Stücke.

Berchtesgaden – 400 Teelichter geleiten Besucherinnen und Besucher durch den Kreuzgang zum Schloss. Es ist ganz still, sobald die Menschen die erste Stufe hinuntersteigen, beginnen sie zu flüstern. »Führungen in diesen frühen Abendstunden sind ein besonderes Erlebnis«, erzählt Schlosswart Guido Burkhardt. In der Gotischen Halle warten bereits die Führerinnen und teilen die Besucherinnen und Besucher in vier Gruppen zu je etwa zwölf Personen ein. Insgesamt seien laut den aktuellen Regelungen rund 50 Menschen erlaubt, so Burkhardt. Man sei aber froh, dass die Veranstaltungen überhaupt stattfinden können, auch nach dem Ausfall im letzten Jahr.


Gerda Ilsanker führt die erste Gruppe durch die Halle in die erste Waffenkammer. Die Lichter sind gedimmt, in der Kammer ist es so dunkel, dass sie mit einer Taschenlampe die Treppen ausleuchtet, damit niemand stolpert. Bei Kerzenlicht wirken die Hallen, Gänge und Räume mit ihren hohen Decken noch imposanter. Dabei stellt man sich vor, wie die Menschen früher nur mit Kerzenlicht durch das Schloss gingen, ganz ohne Strom. Vorbei an den Rüstungen und Waffen. Die Reise in die Vergangenheit wirkt so noch realer. Gerda Ilsanker führt in den Speisesaal der Chorherren. Man sagt, hier habe der Kaplan einen der Chorherren mit einem Tafelmesser erstochen. So friedlich und ruhig, wie das Schloss bei Kerzenlicht wirkt, war es also nicht immer.

Musikalische Begleitung mit Gänsehautmomenten

Aufwendige Soundtechnik, Bühnenlicht oder sonstige Effekte braucht es in den 800 Jahre alten Gemäuern nicht. Als die Gruppe von der Schlossküche durch den Empfangssaal in das imposante Empfangszimmer eintritt, ertönen leise Blockflötentöne, die in den antiken Räumen wie ein Orchester klingen. Die Musik erinnert an alte Märchenfilme und wer viel Fantasie hat und die Augen schließt, fühlt sich so, als wäre man ein Teil der Geschichte, gekleidet in hübsche Gewänder.

Das Blockflöten-Ensemble »Flauto Dolce« unter der Leitung von Uta Geiger spielt insgesamt drei Stücke, zwei zum Empfang im Salon und eines, das die Gruppe hinausgeleitet, ein Stockwerk nach oben. Vor 20 Jahren, als Guido Burkhardt mit der musikalischen Untermalung und den Abendführungen begann, standen im Schloss anstatt der Musikerinnen und Musiker noch CD-Player. Einmal habe er die Veranstaltung sogar aus Mauritius gesteuert und immer wieder angerufen, um sicherzugehen, dass alles funktioniert. Seit 16 Jahren sind Sängerinnen, Sänger, Musikerinnen und Musiker während der Führung direkt vor Ort, ganz ohne CD-Player.

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400 Teelichter waren im Schloss verteilt. (Fotos: Eva Goldschald)

Im großen Speisesaal des Schlosses steht ein mit silbernen Kugeln geschmückter Christbaum, der Tisch ist festlich gedeckt, als würde die Familie gleich zum Weihnachtsessen erscheinen. Wenn man die Tischdecke wechsle, dauere es zwei bis drei Stunden, ehe wieder alles an Ort und Stelle drapiert sei, erzählt Gerda Ilsanker. Am anderen Ende des Tisches sitzt Maria Petersen an der Harfe und spielt unter anderem das Lied aus dem Film »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel«, eine Komposition von Karel Svoboda aus dem Jahr 1973. Es ist ganz still im Raum, jede(r) Besucher(in) erkennt das Lied. Zwischen den Klängen tönt aus der Gruppe ganz leise ein staunendes »Oh«.

Durch Mittelalter, Barock und vorbei an imposanten Geweihen. Es knarrt und knarzt, obwohl die Gäste fast über den Boden gleiten, so andächtig und ruhig bewegt sich die Gruppe von Raum zu Raum, zwei Stockwerke hinauf. Wer Gemälde, Tapeten und Möbel des Hauses ganz genau sehen möchte, lässt sich lieber bei Tageslicht durch das Schloss führen. Allerdings verpasst man dann diese einmalige Stimmung, die man nur in den Abendstunden bei Hunderten von Kerzen erlebt. Sie sind überall im Schloss verteilt, an den Fenstern, auf den Tischen, sogar in den Brunnen.

Ein Puzzle und ein Plastikschwein

Dass die Zeit nicht ganz stehen geblieben ist, erkennt, wer genauer hinsieht. Manche der Kerzen im Schloss sind aus Sicherheitsgründen batteriebetrieben. An einigen Stellen erkennt man zwischen all dem Antiken auch Modernes.

So liegt auf einer Wandlampe ein eher heruntergekommenes Plastikschwein. Es ist das Spielzeug des Hundes von Herzog Franz, der hier immer noch jedes Jahr zu Besuch ist. Dann sitzt er am Tisch und macht ein Puzzle aus 1 000 Teilen, seine absolute Leidenschaft. Auf den Stühlen sind getrocknete Silberdisteln verteilt, damit sich die Gäste nicht setzen. »Man weiß nicht so genau, was die noch aushalten«, schmunzelt Ilsanker.

Die Reise in die Vergangenheit ist beinahe zu Ende, als Gerda Ilsanker die Gruppe zurück in den Gotischen Saal führt. »Jetzt müssen wir wirklich ganz leise sein, dann wirken die Klänge des Chores ›Schola Cantorum Berchtesgadensis‹ noch intensiver.« Neun Sängerinnen und Sänger, gekleidet in schwarzem Chormantel mit spitzer Kapuze, stehen links unterhalb der Treppe. Ganz leise bewegt sich die Gruppe die Treppe hinunter, niemand traut sich schnell zu gehen, fast so, als wolle man, dass der Chor gar nicht merkt, dass man ihm zuhört.

Der Gesang der Gregorianischen Choräle ist der krönende Abschluss einer besonderen Führung. Beim Hinausgehen durch den Kreuzgang riecht es nach Weihrauch. Die alten Gemäuer wirken jetzt noch beeindruckender, der Chor klingt im Ohr nach. Es wirkt, als sei es tiefe Nacht, dabei es ist erst kurz nach 20 Uhr. Im nächsten Jahr sind wieder vier Termine im Dezember geplant, zu denen man sich schon jetzt anmelden kann.

Eva Goldschald

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