Gründung einer Schwimmschule in Berchtesgaden

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»Generell gilt – es gibt zu wenig Anbieter von Schwimmkursen. Das ist schade und hier müsste dringend nachgebessert werden«, schreibt Julia Weindl in ihrem Facebookbeitrag. Torsten Putz wurde darauf aufmerksam und wandte sich an sie. Nun hat er mit Melanie Deißenbeck eine Schwimmschule gegründet. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Viele Eltern sind verzweifelt: Wegen der monatelangen Bäderschließungen warten Tausende Kinder darauf, endlich ihr Seepferdchen oder Bronzeabzeichen machen zu können. Die Wartezeit bei Schwimmkursen hat sich inzwischen enorm angestaut. Torsten Putz und Melanie Deißenbeck wollen den Nachfragebedarf weitestgehend decken und gründeten deshalb eine Schwimmschule in Berchtesgaden. Der erste Kurs beginnt am Montag, 5. Juli, in der Watzmann Therme.


Angefangen hatte alles mit einem Facebookbeitrag von Julia Weindl, Elternbeiratsvorsitzende der Kita Schönau am Königssee. Sie wollte darauf aufmerksam machen, dass die Kinder nach dem Lockdown unbedingt ein Schwimmtraining benötigen. »Leider werden kaum mehr Kurse angeboten. Bei der Wasserwacht sind alle bis 2023 ausgebucht«, so Julia Weindl. Das kann Elke Schneider, Vorsitzende der Wasserwacht Berchtesgaden, bestätigen. »Wir haben schon so viele Anmeldungen im Voraus«, sagt sie. 25 Ehrenamtliche arbeiten für die Schwimmkurse bis zu 15 Stunden die Woche. Die Kapazitäten sind weitestgehend ausgelastet. Weindl zeigt zwar Verständnis dafür, weil die Wasserwacht auch ehrenamtlich arbeitet. Sie kann aber nicht bis 2024 warten, »sonst werden meine Kinder vorher ertrinken«.

»Schwimmen verlernt«

Die Auswirkungen der fehlenden Schwimmpraxis sieht Julia Weindl an ihrem fünfjährigen Sohn. Im vergangenen Herbst stand er kurz davor, das Seepferdchenabzeichen zu bekommen. Doch dann kam der Lockdown. »Inzwischen hat er das Schwimmen wieder verlernt. Ihm fehlt die Praxis«, sagt sie. Ähnlich sieht es Elke Schneider. Kürzlich besuchten einige Teilnehmer, die im vergangenen Sommer mit dem Seepferdchen angefangen hatten, ihren Schwimmkurs wieder. Schneider stellte fest: »Sie haben das Schwimmen verlernt und erst einmal Nachhilfe gebraucht.« Die Zahl der Nichtschwimmer im Talkessel beziffert Elke Schneider aktuell auf über 160 Kinder in der Altersgruppe zwischen fünf und acht Jahren.

Julia Weindl bemängelt zudem, dass bereits vor Corona adäquate Angebote gefehlt hätten. Ihr achtjähriger Sohn besucht seit drei Jahren die Grundschule. Bisher hatte er nur eine Schwimmstunde. Noch dazu seien, so Weindl, die Einrichtungen in Spaßbäder umfunktioniert worden. »Das darf im Landkreis bei so tollen Anlagen nicht passieren. Wir dürfen auch nicht mehr zulassen, dass die Kinder wieder in den Sportlockdown geschickt werden. Ich will etwas bewegen.«

Und das tat sie auch über ihren Facebookbeitrag. Torsten Putz und Melanie Deißenbeck haben sich daraufhin bei ihr gemeldet. Beide hatten bereits Einzelstunden angeboten. Angesichts der Lage, die Weindl in ihrem Beitrag aufzeigte, wollten sie nun mehr Kurse anbieten und gründeten deshalb die »Schwimmschule Berchtesgaden«.

Der Sportwissenschaftler Torsten Putz wollte bereits im März regelmäßige Kurse in der Watzmann Therme anbieten. Er schlug im Landratsamt vor, man könne ein Pilotprojekt aus Norddeutschland auch im Berchtesgadener Land ausprobieren. Schwimmkurse sollen unter strengen Hygienevorschriften durchgeführt werden. Die Teilnehmer würden über den regulären Eingang die Watzmann Therme betreten und sie über einen Notausgang verlassen, um Kontakte mit der nächsten Gruppe zu vermeiden.

Ein Humbug

Allerdings lehnte das Landratsamt den Vorschlag ab. »Das ist ein Humbug. Wieso darf der Oberbürgermeister von Tübingen alles aufsperren, wir aber keine Schwimmkurse anbieten?«, hinterfragt er. Laut dem Sportwissenschaftler hat eine kürzlich veröffentlichte Studie ergeben, dass die Infektionsgefahr im Chlorwasser niedrig ist. Putz beklagt zudem, dass die Warteliste für Schwimmkurse bereits vor der Pandemie lang gewesen ist. Durch Corona habe sich die Notlage drastisch zugespitzt. Die Kleinen müssten aber unbedingt das Schwimmen lernen, um Badeunfälle zu verhindern. Kürzlich seien bundesweit in einer Woche 18 Personen ertrunken.

»Badeunfälle sind bei Kindern die häufigste Todesursache, weil sie lautlos ertrinken.« Während Erwachsene im Wasser noch ihre Arme bewegen und damit ihre Not signalisieren können, geraten die Kinder in eine Schockstarre. »Umso wichtiger ist es, dass wir ihnen das Schwimmen beibringen. Dafür benötigen sie eine hochwertige Betreuung.«

Putz will nicht am Beckenrand sitzen und ihnen sagen, was die Teilnehmer jetzt machen. Vielmehr will er ihnen die Übungen selbst vorzeigen. Der Lehrer will auch ständig in der Nähe der Kinder bleiben, »damit sie sich auch bei mir festhalten können, bevor sie im Wasser untergehen«. Aktuell besteht das Team der Schwimmschule aus vier Schwimmlehrern, die eine entsprechende Qualifikation haben.

Die Nachfrage an Kursteilnehmern ist extrem hoch: Bereits am ersten Tag nach Bekanntgabe des Angebots sind bei Torsten Putz 120 E-Mails eingegangen. Ihn erreichten auch Anfragen aus dem nördlichen Landkreis – sei es aus Piding, Freilassing oder Bad Reichenhall. Kindergärten und Schulen bekundeten ebenfalls ihr Interesse. Doch momentan sind alle Kurse im Juli ausgebucht. Die Wartelisten für August sind bereits in Planung. »Wir hoffen, auch der Kita und der Schule bald unter die Arme greifen zu können.«

Alle Schwimmeinheiten werden im Hallenbad absolviert. »Perfekt wäre es, wenn wir die Kurse vor den Öffnungszeiten der Therme, zwischen 8 und 10 Uhr, anbieten könnten. So wären diese in Ruhe durchführbar«, betont Putz. Auf das Freibad will man dagegen verzichten, »sonst könnte es Unterkühlungen geben. Wir wollen die Kinder unterstützen, wo es nur geht.«

Patrick Vietze

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