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Gütergleis 22: Wer braucht es, wer zahlt?

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Berchtesgaden: Nach Stilllegung von Gütergleis 22 am Bahnhof nun Schützenhilfe der Gebirgsjäger?
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Für die Übung »Persistent Presence« in Nordeuropa verluden die Reichenhaller Gebirgsjäger im Jahr 2016 insgesamt 30 Container und mehr als 50 Fahrzeuge über den Bahnhof. Auch die Bischofswieser Jager verlegen über die Kurstadt. Sie sollen künftig Berchtesgaden nutzen, hofft die Landkreispolitik, sodass die Entfernung des Gleises verhindert werden kann. (Foto: Archiv RT/Gebirgsjäger)

Berchtesgaden – Schon vor zwei Jahren hat die Deutsche Bahn AG dem Landkreis Berchtesgadener Land mitgeteilt, dass sie das Gütergleis 22 am Bahnhof Berchtesgaden ohne Nachfrage nicht vorhalten könne. Im Mai dieses Jahres machte die zuständige DB Netz AG Ernst und legte das Gleis still. Nun war die Aufregung im Berchtesgadener Talkessel groß.


Landrat Bernhard Kern musste also zum Telefonhörer greifen, um sich mit dem Konzernbevollmächtigten für den Freistaat Klaus-Dieter Josel zu besprechen. Er nahm zudem Kontakt zur Bundeswehr in der Strub auf. »Wir wollen das Gleis erhalten«, fasste der Landrat schließlich in der Kreisausschusssitzung vergangene Woche zusammen. Ein Abbau im rechtlichen Sinne steht bislang aber nicht im Raum, wie ein Sprecher der Bahn in München auf Nachfrage der Heimatzeitung mitteilte; eine Entfernung der Gleise hingegen schon.

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Wunsch der Kreispolitik: Ertüchtigen statt entfernen

Thomas Weber, Bürgermeister von Bischofswiesen und in der neuen Amtsperiode des Kreistags CSU-Fraktionssprecher, brachte die Information über die »Abbaumaßnahme« in der Sitzung am vergangenen Mittwoch aufs Tapet. Er meinte, die Kaserne in der Strub könnte doch ihre Fahrzeuge und Großgeräte über Berchtesgaden verladen und sprach von einer »optimalen Chance«, Bahninfrastruktur nicht abzubauen, sondern zu ertüchtigen.

Kern nahm den Ball auf und erklärte, er habe mit Josel ein »ausführliches« Telefonat geführt. Dabei habe er darauf hingewiesen, dass der Landkreis der Ansicht ist, das Gütergleis solle erhalten bleiben; vor allem vor dem Hintergrund seines Mobilitätskonzepts und des Klimaschutzes. »Aktuell haben wir ein bestehendes, genehmigtes Gleis«, deutete der Landrat an, dass ein erneuter Bau bei Bedarf ein möglicherweise langwieriges Verfahren mit sich bringen könnte; abgesehen auch von der Grundstücksfrage.

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Vor zwei Jahren fragte die Deutsche Bahn den Bedarf für das Gütergleis 22 in Berchtesgaden ab: Weder Landkreis und Bundeswehr noch einer der 400 Verkehrsanbieter für Eisenbahnverkehr meldeten Interesse an dem Stück Infrastruktur an. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Am Tag vor der Kreisausschusssitzung hatte sich Bernhard Kern mit dem Kommandeur des in Bischofswiesen stationierten Gebirgsjägerbataillon 323, Oberstleutnant Martin Sonnenberger getroffen. »Die Bundeswehr ist ganz klar für den Erhalt des Gleises«, hat er eigenen Worten zufolge als Botschaft mitgenommen. Es sei zudem eine Belastung für die Anwohner der B20 und die Reichenhaller, wenn alle Gerätschaften der Gebirgsjäger, auch jene aus der Strub, in Bad Reichenhall verladen werden. Eine weitere Sorge wurde in der Sitzung laut: Die Gleisentfernung könne nur der Anfang sein und bis nach Freilassing weitergehen.

Diese Sorge zerstreut die Bahn, zumal »das Gütergleis 22 nicht entwidmet wird. Die Strecke wird sogar gesichert«, erklärte ein Sprecher der Bahn gegenüber der Heimatzeitung. Zwar werde im August ein Teil des Gleises entfernt, um einen neuen Kabelkanal für ein neues elektronisches Stellwerk zu verlegen, eine Reaktivierung der Anlage wäre aber jederzeit möglich. »Zwischen Stilllegung und Abbau besteht zudem ein himmelweiter Unterschied«, verwies der Bahnsprecher auf juristische Sprachregelungen.

Ein Verkauf des Grundstückes sei nicht geplant, versicherte er zudem. Im Prinzip geht es ganz banal ums Geld: Rund 200.000 Euro kostet es, das etwa 200 bis 300 Meter lange Stück Gütergleis am Bahnhof Berchtesgaden in betriebsfähigem Zustand zu halten, so der Bahnsprecher. Als GmbH und AG könne man diese Investition aber nicht tätigen, wenn keine Nachfrage dafür vorliegt – auch nicht, wenn der Eigentümer die Bundesrepublik sei.

Damit bestätigte er ein Schreiben des DB-Konzernbevollmächtigten für den Freistaat, Klaus-Dieter Josel, an Landrat Kern, das der Redaktion vorliegt.

Josel bestätigte darin die Inhalte des gemeinsamen Telefonats, sprach von einer Investition in Höhe von 190.000 Euro, die notwendig gewesen wäre. Er erinnerte zudem daran, dass er bereits 2018 dem damaligen Landrat Georg Grabner mitgeteilt habe, dass es der Bahn weder wirtschaftlich noch betrieblich möglich ist, Infrastruktur wie das Berchtesgadener Gütergleis 22 ohne tragfähiges Nutzungskonzept vorzuhalten. »Bei unserer Abfrage im Jahre 2018 sah auch die Bundeswehr kein verkehrliches Interesse an dem Gütergleis«, heißt es weiter im Schreiben des Konzernbevollmächtigten in Bayern.

Josel versichert aber, dass die Fläche für bahnbetriebliche Zwecke gewidmet bleibe. Sie könnte im Bedarfsfall wieder mit einer neuen Gleisanlage ausgestattet werden.

Sollte es zu einem Neubau kommen, müsste aus formalen Gründen zwar ein Planfeststellungsverfahren durchgeführt werden, dabei würde aber auch der aktuelle Immissionsschutz berücksichtigt. Josel sieht darin »einen eindeutigen Vorteil für die umliegenden Anwohner.«

Vor Ausbau im August Telefonkonferenz im Juli

So ein neues Verfahren allerdings bereitet dem Landrat aber Bauchschmerzen. Bevor nun nach der Stilllegung des Gütergleises am 14. Mai die Gleise im August entfernt werden, soll im Juli eine Telefonkonferenz stattfinden, bot Josel Kern an. Der zuständige Abschnittsmanager der DB Netz AG könne dabei weitere Fragen beantwortet. »Wir haben das Thema sofort aufgegriffen«, lobte FWG-Kreisrat und Landratstellvertreter Michael Koller aus Berchtesgaden die Zusammenarbeit zwischen dem Norden und Süden des Landkreises. Und versprach: »Wir bleiben dran.« Koller setzt seine Hoffnung auf die Bundeswehr.

Ob es ausreicht, wenn die Gebirgsjäger sporadisch Infrastruktur bestellen, ist fraglich: Laut Deutsche Bahn AG hat seit 2018 kein einziges von rund 400 Verkehrsunternehmen, die Eisenbahnverkehr anbieten können, darunter auch regionale wie Aicher-Cargo oder DB Schenker, Bedarf angemeldet. ze

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