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Hochwasseropfer David Serding am Bahnhof von Berchtesgaden: Noch immer sucht die fünfköpfige Familie inklusive Hund nach einer Wohnung. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Hochwassergeschädigte Familie wohnt aktuell im Hostel und sucht nach einer dauerhaften Bleibe

Berchtesgaden – Auch ein halbes Jahr nachdem die Wohnung der fünfköpfigen Familie durch ein Hochwasser zerstört wurde, haben die Serdings noch immer keine Bleibe auf Dauer gefunden. »Wir sind in einem Hostel untergekommen«, sagt der 27-jährige David, der mit Frau, drei Kindern und dem Hund, einem Labrador-Mix, nach eigener Aussage keine Unterkunft bekommt. Im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« schilderte der Familienvater jetzt seine aktuelle Situation, nachdem es über den Verbleib der Familie und die Verwendung der Spendengelder lange keine Informationen gegeben hatte.


Ein festes Dach über dem Kopf – das wünschen sich die Serdings schon seit Langem. »Endlich wieder mal nach Hause kommen«, sagt David Serding. Angekommen zu sein: Sie haben beinahe verlernt, wie sich das anfühlt.

Nachdem die ehemalige Wohnung in Marktschellenberg den Fluten der Ache zum Opfer gefallen war, sei die Hilfsbereitschaft zunächst enorm groß gewesen, sagt David Serding. So groß, dass ihm schon bald alles über den Kopf wuchs. Alles drehte sich nur noch ums Hochwasser, um Bürokratie, um Spenden, um die Beantragung all jener Unterlagen, die durch das schmutzige Flusswasser zerstört worden waren. »Wir haben tatsächlich eine hohe Spendensumme erhalten, dafür sind wir dankbar«, sagt David Serding. Angerührt worden sei von der Summe bislang aber nur ein Bruchteil.

Nach sechs Monaten in Ferienwohnungen und Hostels braucht die Familie zwar finanzielle Mittel zum Bezahlen dieser Unterkünfte. Ein großer Batzen des Geldes sei aber noch übrig. Mit dem Rest wollen sie sich irgendwann einmal eine Wohnung einrichten. »Es ist schade, wenn das Geld wegen der aktuellen Wohnsituation schneller schwindet, als es sein müsste.« Das neue Auto der Familie sei ein gebrauchtes, sagt David Serding. »Wir hatten es bereits im April bestellt.« Die vergangenen Monate: eine Tortur. Mehrere Male mussten die Eltern samt Kindern umziehen, wohnten zunächst in einer Notunterkunft im Pfarrheim in Marktschellenberg. Ein Angebot, eine Ferienwohnung beziehen zu können, nahmen die Serdings an. »Wir hatten ein Zimmer mit Dusche.« Fürs Erste tat es das. Weil der Eigentümer eine Renovierung plante, musste die Familie wieder ausziehen.

Zunächst im Gästehaus

Der weitere Umzug erfolgte nach Berchtesgaden. Dort hatten die Serdings ein Gästehaus gefunden, das Zimmer zur Verfügung stellte, weil nicht alle Wohnungen mit Gästen belegt waren. Als die Urlauber kamen, mussten die Serdings auch da wieder gehen. Sie fanden ein Zimmer ohne Küche in Schönau am Königssee. Nichts, in dem man länger wohnen könnte, sagt der 27-Jährige. Zurück ging es in das Gästehaus. Dort blieben sie bis Dezember.

David Serding arbeitet in der Gastronomie. Seine Chefin hatte für die Familie eine Einzimmerwohnung gefunden. Einen Monat lang konnten sie darin wohnen. Seitdem verbringen sie ihre Zeit in einem Hostel in Berchtesgaden. Sieben Umzüge in sechs Monaten. Das schlaucht, beansprucht die Nerven.

David Serding hatte sich auch beim Wohnbauwerk Berchtesgadener Land angemeldet. Der beantragte Wohnungsberechtigungsschein war der Familie zugewiesen worden. Somit kamen die jungen Leute auch für finanziell überschaubare Wohnungen infrage. »Aber niemand möchte eine fünfköpfige Familie mit einem Hund einziehen lassen«, sagt der dreifache Vater, der nach eigener Aussage so häufig beim Wohnbauwerk angerufen habe, dass man von den ständigen Nachfragen fast schon genervt schien. »Man würde sich bei uns melden, wenn sie eine passende Wohnung im Angebot hätten«, hieß es, sagt Serding. Gemeldet habe sich schließlich aber niemand mehr.

Einige der Wohnungen, die ihnen auf dem Markt begegneten, seien zu teuer gewesen, um dort heimisch zu werden. »Die derzeitigen Preise sind ein generelles Problem bei einem Alleinverdiener.« Eine weitere Wohnung mit zwei Zimmern empfanden die Serdings als zu klein. »Aber besser als unsere jetzige Situation wäre sie in jedem Fall gewesen. Die hätten wir nehmen sollen«, sagt David Serding rückblickend.

Serding weiß, dass die Hilfe, die der Familie zuteil wurde, groß war und nicht selbstverständlich. Etwa mit dem Beantragen aller Dokumente, die verloren gegangen waren, hatte Serding keinerlei Erfahrung. Die Verwaltung in Marktschellenberg sei an seiner Seite gestanden: »Die haben mich in jeder Hinsicht unterstützt.« Die Wohnungsnot löste sich dadurch trotzdem nicht: »Es gab Wohnungen, in denen zwar Katzen erlaubt waren, Hunde aber nicht. Bei anderen Vermietern hatte ich den Eindruck, ihnen könnten die Kinder zu laut sein.«

Bei einer Besichtigung in Berchtesgaden wähnte man sich auf gutem Weg. Doch dann meldete sich der Vermieter nicht mehr. »Ich kann gar nicht beziffern, wie viele Wohnungen wir uns angeschaut haben«, sagt David Serding. Die gesamte Situation sei für die Familie »schwer genug«, zumal der Familienvater noch Alleinverdiener ist, bis seine Ehefrau, die momentan die Kinder betreut, wieder zur Arbeit gehen kann.

Wohnung in Straubing?

Wegzuziehen kam für David Serding nie infrage, obwohl ihm auch eine Wohnung in Straubing angeboten worden war. Er sagte ab. »In Berchtesgaden ist unser soziales Umfeld, die Arbeit, mein Sohn besucht die Schule.« Die vielen Spenden, Geldunterstützung und Wohnungsinventar, die die Familie erreicht haben, hätten die Serdings überfordert. Deswegen habe er auf Nachfragen über das Wohlergehen der Familie bislang auch noch nicht reagiert, was er ein bisschen bereut. »Ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig wird, eine Wohnung zu finden«, sagt der Wahl-Berchtesgadener, der selbst gratis Urlaubsangebote von wohlwollenden Spendern abgelehnt hatte.

»Ich gehe jeden Tag arbeiten und möchte auf eigenen Beinen stehen.« Den Kopf für einen Urlaub habe er einfach bislang nicht gehabt. Also sucht die Familie weiter. »Im Hostel zu leben, ist einfach keine Dauerlösung.«

Kilian Pfeiffer

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