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Was Forschern nie gelang, ist für Schnitzschülerin Alice kein Problem: Eine Gans mit Menschenfüßen. (Fotos: Dieter Meister)
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Originell: Ein Regal, das eine Viertelschraube vollführt.
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Possierliche Tierchen, die keinen Juckreiz verursachen.

Im Haus der Fantasie – Schnitzschule beteiligt sich an »Europäischen Tagen des Kunsthandwerks«

Berchtesgaden – Die Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei des Landkreises Berchtesgadener Land öffnete an drei Tagen ihre Türen und beteiligte sich somit an der Aktion »Europäische Tage des Kunsthandwerks«, an der mittlerweile Regionen und Städte in 21 europäischen Staaten teilnehmen. Anders als an den üblichen und Pandemie-bedingt ausgefallenen »Tagen der offenen Tür« bot sich dem Besucher nicht nur der Blick auf Werkräume und fertige Schülerarbeiten, er durfte sich auch ein Bild machen vom Arbeitsalltag. Denn auch am Wochenende konnte man den künftigen Schreinern und Holzbildhauern über die Schultern schauen und gelegentlich auch zusätzliche Informationen aus erster Hand erhalten.


Das erste Wesen, dem der Besucher beim Betreten des Hoffischerhauses begegnete, verdankt sein hölzernes Dasein Janis Donke, der seiner an eine Comic-Figur erinnernden Schöpfung symbolisch verkünden ließ, dass es auch auf dem Saturn kalt sei. Was den Schüler von Hannes Stellner, der derzeit das dritte Ausbildungsjahr betreut, wohl als einen astronomischen Kenner ausweisen kann, denn man hörte gelegentlich von Marsmenschen und der Suche nach Lebewesen auf dem Mond.

Man sieht ein Regalfragment auf rundem Fuß, dessen Seitenbretter eine Vierteldrehung vollziehen, die das Möbelstück allein zu einem besonderen Seherlebnis werden lässt, ein ebenso unfertiges Möbelstück mit »runden Ecken«, das an die kunstvoll gebogenen Möbelstücke der Marke Thonet oder gleich an das Design der 1960er-Jahre erinnert. Auf der anderen Straßenseite, im ehemaligen Hoffischerhaus, dem Domizil der angehenden Holzbildhauer modelliert Alice eine Gans mit Menschenfüßen, wächst ein noch kleinformatiger stilisierter Schaukelbär aus dem Holz, der vermutlich am Ende die Maße erhalten soll, die einem spielenden Kind tauglich sein werden. Auf blankem Boden gruppieren sich Köpfe und Büsten aus unterschiedlichem Material, auf einem Schrank in der Ecke marschiert eine Gruppe kleiner Figuren in unbekannte Richtung.

Der Besucher und Betrachter ist in eine Welt der Kreativität eingetreten, gewissermaßen in die Kinderstube der Fantasie, denn hier erwerben Schreiner und Holzbildhauer die soliden Grundlagen, ihre Einfälle real werden zu lassen, sich dabei nicht unbedingt auf gesellschaftskonformen Bahnen vorwärts zu bewegen. In »normalen« Möbelhäusern wird der hier angeregte Mensch derartige Stücke kaum finden und möglicher- und bedauerlicher Weise muss der an der Berchtesgadener Schnitzschule ausgebildete und zum handwerklichen Höhenflug angeregte Schreiner in seinem späteren Leben auf den Boden zurückkommen und sich tristeren Normvorstellungen und dem »Geschmack« seiner Mitmenschen anpassen. Was schade ist, aber gut denkbar.

Erfreulich ist für die Schnitzschule, dass auch diesmal sehr viele Interessierte die drei Tage nutzten, um sich über die Arbeit in der Einrichtung vor Ort zu informieren. Der Zugang war weniger kompliziert als im Vorjahr, als noch abgezählt werden musste, wer seinen Rundgang beginnen konnte, oder Corona-bedingt warten musste. An den beeindruckenden Bildern, die der Besucher nach seinem Rundgang mit nach Hause nehmen durfte, an der Erkenntnis, dass Kreativität und Handwerk an dieser Schule in bester Weise zusammengeführt werden, hat ohnehin kein Virus nagen können. Alles ist also wieder »normal«.

Dieter Meister

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