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Dr. Stephanie Meeß macht sich vor allem Sorgen um die Zukunft der Kreisklinik Bad Reichenhall.

»In der Reichenhaller Notfallambulanz geht es zu wie in der U-Bahn«: Hitzige Diskussion beim Infoabend zur Neuausrichtung der KSOB-Kliniken

Berchtesgaden – Dass ausgerechnet zwei Grüne Kreisräte sich beim Infoabend der Kliniken Südostbayern AG (KSOB) heftig widersprachen, zeigt die Komplexität des Themas »Neustrukturierung der Kliniken«. Während sich Dr. Reinhard Reichelt am Montag in der Aula des Gymnasiums Berchtesgaden vor rund 400 Interessierten abermals als Gegner einer reinen Fachklinik Berchtesgaden ohne Notfallversorgung präsentierte, verteidigte Dr. Bartl Wimmer die Pläne vehement. Insgesamt jedenfalls hatten KSOB-Vorstandsvorsitzender Dr. Uwe Gretscher, medizinischer Direktor Dr. Stefan Paech und der leitende Notarzt Dr. Joaquin Kersting über zwei Stunden lang viel zu tun, um die zumeist kritischen Fragen aus dem Publikum unter der Moderation von Boris Bregar zu beantworten.


Die erste Wortmeldung kam von Mario Baar, der nach eigenen Angaben seit 30 Jahren im Rettungsdienst tätig ist. Der Berchtesgadener glaubt nicht, dass sich die Ausstattung des Rettungsdienstes an die Situation in den Kliniken anpassen wird, falls man die Hilfsfristen nach Auflösung der Notfallambulanz in Berchtesgaden nicht einhalte. »Es wird mit Sicherheit nicht der Fall sein, dass wir bei Bedarf mehr Fahrzeuge bekommen«, prognostizierte er. Wie dünn der Rettungsdienst im Süden aufgestellt ist, zeige die Tatsache, dass regelmäßig am Hallthurm ein Rettungsdienstfahrzeug stehe, das für Berchtesgaden und Bad Reichenhall zuständig ist.

Dr. Joaquin Kersting, leitender Notarzt, gab zu verstehen, dass man auch ein eigenes Gutachten in Auftrag geben könne, wenn man den Eindruck habe, dass die Fristen über einen längeren Zeitraum überschritten werden. Dabei könne der Bedarf für ein zusätzliches Rettungsfahrzeug festgestellt werden.

Baar erwähnte aber auch die schlimmen Zustände in der Bad Reichenhaller Notaufnahme. »Das Personal ist super, aber es ist total überfordert. Da geht es zu wie in der U-Bahn«. Die Wartezeit für Patienten in der Reichenhaller Ambulanz betrage nicht selten vier bis sechs Stunden. Was der medizinische Direktor Stefan Paech nicht für außergewöhnlich hält: »In vielen Notfallambulanzen gibt es lange Wartezeiten«. Eine Zentralisierung der Notfallambulanzen in Bad Reichenhall hält Paech für wichtig, weil man »das Personal nicht zerteilen, sondern in der künftigen Zentralklinik bündeln« wolle.

Applaus für Dr. Reinhard Reichelt

Kräftigen Applaus erntete Dr. Reinhard Reichelt schon, als er sich für seinen längeren Redebeitrag erhob. Er hatte als Mitglied der Grünen-Fraktion zusammen mit zwei weiteren Kreisräten gegen die schließlich vom Kreistag beschlossene Neustrukturierung der Kliniken gestimmt und sich in den letzten Wochen als Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands auch lautstark gegen die sofortige Schließung der Notfallambulanz in Berchtesgaden gewehrt. Reichelt, der nach eigenen Angaben seit über 30 Jahren Notarzteinsätze fährt, bestätigte die Aussagen Mario Baars. Die Notärzte hätten tatsächlich Probleme, ihre Patienten in Bad Reichenhall unterzubringen. Die Beschäftigten dort würden an der Belastungsgrenze arbeiten. Daran werde sich auch mit der neuen Chefärztin nichts ändern, denn bereits ihre Vorgängerin habe sich aufgearbeitet.

Die Bevölkerung sei in den letzten Monaten viel zu wenig mitgenommen worden. Und dasselbe gelte fürs Personal, kritisierte Dr. Reinhard Reichelt. Die jetzt geplante sogenannte Weiterentwicklung der Kliniken sieht Reichelt eher als »Abwicklung«. Und er fragte: »Warum jetzt diese Eile? Warum kann man nicht wenigstens warten, bis das Zentralklinikum in Bad Reichenhall gebaut ist?« Bei all seiner Kritik betonte der Kreispolitiker, dass er kein Träumer sei. Er wisse sehr wohl, dass die gesetzlichen Vorgaben umgesetzt werden müssen. Aber man benötige in Berchtesgaden auch eine Grundversorgung, nicht nur eine Fachklinik. »Die Hausärzte können nicht alles auffangen.«

Den Dissens zwischen den beiden Seiten sah der medizinische Direktor Dr. Stefan Paech nicht in der grundsätzlichen Neustrukturierung, sondern vor allem in der zeitlichen Abwicklung. Allerdings hält er die Errichtung einer orthopädischen Reha in der Klinik Berchtesgaden für nicht verschiebbar. »Die Orthopädie und die orthopädische Reha stehen in enger Beziehung zueinander«, sagte Paech. Man brauche die orthopädische Reha »lückenlos« an die Schließung der orthopädischen Reha in der Schön Klinik.

Paech betonte auch, dass »die Hausärzte künftig nicht alles wuppen sollen«. Man werde gemeinsam mit der Bevölkerung Leistungsangebote schaffen, wie beispielsweise Notfallsprechstunden zu bestimmten Zeiten wie samstags und sonntags. Dass die »ein bis zwei Fälle, die künftig zusätzlich pro Tag nach Bad Reichenhall kommen werden, die Notfallambulanz zum Kippen bringen werden«, hält Paech für ausgeschlossen. Ohnehin machten die Mitarbeiter dort einen »super Job«. Allerdings, das räumte Paech immerhin ein, seien die Zustände auch verbesserungswürdig – »hier werden wir nachsteuern«.

Kein »Rund-um-die-Uhr-Sorglospaket« mehr

KSOB-Vorstandsvorsitzender Dr. Uwe Gretscher wehrte sich gegen den Begriff »Abwicklung«, man passe lediglich das Angebot an. »Die Patienten fahren doch für eine qualifizierte Versorgung gerne ein paar Kilometer mehr.« Man werde jedenfalls künftig kein »Rund-um-die-Uhr-Sorglospaket mehr zur Verfügung stellen. Das dürfen wir gesetzlich nicht und das können wir auch nicht«.

Von allen Seiten beleuchtete das Thema »Neustrukturierung der Kliniken« die Ramsauer Gemeinderätin Dr. Stephanie Meeß, die nach eigenen Worten seit Jahrzehnten in Berchtesgaden im Notfalldienst arbeitet. Die Sorge der Ärztin galt in erster Linie der Klinik Bad Reichenhall, weil dort ebenfalls das Leistungsspektrum reduziert werde. Viele Patienten müssten nach Traunstein gefahren werden – und es würden künftig noch mehr, prognostizierte Dr. Meeß.

Mangel an Notärzten prognostiziert

Dass man in Berchtesgaden bei den Rettungsfristen so gute Zeiten habe, liegt nach ihrer Einschätzung daran, dass es hier eine Zweitabdeckung beim Notarzt gibt. »Das schönt ein wenig die Statistiken, wird sich aber ändern.« Sie stelle sich schon die Frage, »wie lange die Sanitäter ihren Kopf hinhalten werden, wenn die Notärzte weniger werden«.

Ohnehin habe sich die Personalsituation verschlechtert, vor allem auch in der Notfallambulanz, wo es sehr viel Personalwechsel gebe. »Viele haben die Nase voll von Reichenhall. Die jungen Kollegen sind halt auch nicht mehr bereit, an sieben Tagen die Woche 24 Stunden zu arbeiten.«

Die Argumente seiner Vorredner unterstützte Helmut Langosch, Kreis- und Gemeinderat sowie selbst Notfallsanitäter. »Diese Infoveranstaltung hätte halt ein Jahr früher stattfinden müssen«, betonte er. Den Kreisräten seien damals rhetorisch perfekt die Schwerpunkte der Umstrukturierung vorgelegt worden, »wobei die negativen Auswirkungen nicht umfassend zu beurteilen waren«. Man habe den vorgelegten Plänen zustimmen müssen, um die sechs Kliniken zu erhalten. Man dürfe aber bei all den Plänen »den kleinen Mann, den Bürger nicht vergessen«.

»Es liegt nicht am Personal, aber in der Notaufnahme Bad Reichenhall klappt es seit Jahren nicht«, stellte Linda Pfnür fest. Viele Leute hätten dort schlechte Erfahrungen gemacht, weshalb es immer wieder heiße: Fahre mich überall hin, aber nicht nach Bad Reichenhall. Die Kritik schien bei Dr. Uwe Gretscher angekommen zu sein. Der betonte: »Die Verbesserung der Infrastruktur ist unsere Aufgabe, daran lassen wir uns messen. Das Erleben der Patienten in der Notaufnahme muss besser werden.«

»Der Untergang der Kliniken«

Mit dem Grünen-Politiker Dr. Bartl Wimmer widersprach ausgerechnet ein Fraktionskollege von Dr. Reinhard Reichelt den Vorrednern, die zumeist unter starkem Beifall ihre Argumente kontra Umstrukturierung vorgebracht hatten. Der Arzt, Gründer des Laborunternehmens Synlab und Vorsitzende der Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee sprach von einem »Jammern auf hohem Niveau«, auch wenn es hier eine Unterversorgung gebe. Alles, was seine Vorrednerinnen und Vorredner gesagt hätten, sei richtig. »Aber sie haben die falsche Schlussfolgerung gezogen«, bekräftigte Wimmer. »Wir wissen, dass wir auf einen massiven Personalmangel zulaufen, der nicht zu beheben ist.« Wimmer wurde deutlich: »Es ist der Untergang der Kliniken, wenn ihr die Diskussion so weitertreibt.« Die Verantwortlichen müssten sich nach all der Kritik vorkommen »wie die letzten Deppen«. Wimmer: »Ihr werdet doch wohl nicht glauben, dass wir auf Dauer drei Notfallaufnahmen im Landkreis betreiben können!« Es sei »populistisch toll, wenn man kritisiert und dafür beklatscht wird. Aber bedenkt das Ende: Wir könnten in 15 Jahren ohne ein leistungsfähiges Klinikum dastehen.« Das Konzept einer Fachklinik Berchtesgaden sei dagegen gut, damit werde man den Bestand hoffentlich auf die nächsten 10, 15 oder 20 Jahre sichern.

Auch Dr. Lutz Kistenmacher, Unfallchirurg und Partner der orthopädischen Gemeinschaftspraxis in der Kreisklinik Berchtesgaden, lobte die Neustrukturierungspläne. Es sei wichtig, dass die Patienten in Notfällen schnell an die richtige Stelle gebracht werden. Hierzu könnten die Kliniken in Bad Reichenhall und Traunstein einen wichtigen Beitrag leisten, »damit man nicht nach Salzburg muss«. Und auch künftig werde in der Praxis in der Kreisklinik Berchtesgaden montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr jeder behandelt, der »fußläufig« die Praxis erreicht. Sollte eine akute Operation notwendig werden, müsse allerdings das Krankenhaus Bad Reichenhall angefahren werden.

Berchtesgadens dritte Bürgermeisterin Iris Edenhofer (Grüne), Mitglied im KSOB-Aufsichtsrat, warnte davor, »ein Feindbild aufzubauen«. Schließlich gehörten die Kliniken ja den Bürgern selbst – und diese müssten aktuell »13 Millionen Euro Miese jährlich verkraften«. Dieses Geld fehle in Schulen, Kindergärten und Altenheimen. Dazu komme, dass das notwendige Personal nur sehr schwierig zu bekommen sei.

Ein Trostpflaster für die doch zahlreichen Umstrukturierungs-Kritiker mag eine weitere Aussage von Dr. Uwe Gretscher auf eine Frage von Gemeinderat Hans Kortenacker sein. »Wir werden in der Berchtesgadener Notaufnahme auch künftig niemanden abweisen, der fußläufig kommt. Wir werden ihm aber sagen, dass es hier eigentlich nicht der richtige Ort ist. Der Rettungsdienst wird ohnehin nach Bad Reichenhall fahren müssen.«

»Mehr Klarheit«

Eine neue Richtung wird auch nach dieser Diskussion wohl nicht eingeschlagen, falls der noch laufende Bürgerantrag keine neue Entwicklung bringt. Dr. Reinhard Reichelt zog dennoch ein versöhnliches Fazit: »Wir wollen hier keinen großen Wirbel machen. Die Tragweite des Beschlusses war aber den meisten nicht bekannt. Jetzt gibt es wenigstens mehr Klarheit.«

Ulli Kastner

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